Forum 4
Demografischen Wandel mit den Bürgern gestaltenAus der Perspektive einer relativ reichen westdeutschen Kommune berichtete Stadtkämmerer Jürgen Barthel, wie Kassel sich des Themas angenommen hat. Anfangs habe, so Barthel, die Stadtspitze für sich die durch den demografischen Wandel entstehenden Probleme analysiert, Lösungen und Ziele benannt. Damit habe man sich an die „Stadtgesellschaft“ der engagierten Bürger und Multiplikatoren gewandt und auf „Zukunftskonferenzen“ in die Diskussion einbezogen. Anhand von vier „Leuchtturmprojekten“ soll inzwischen deutlich gemacht werden, wohin die Reise gehen soll. Der „Bürgerstolz“ soll entwickelt werden, die regionale Kulturlandschaft gestärkt, die kommunale Verantwortung für Bildung wahrgenommen und ein „Science-Center“ für neue hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden.
die "Stadtgesellschaft" einbeziehen
Laut Barthel lässt sich die „Stadtgesellschaft“ in die Diskussion der Ziele einbeziehen, erwartet aber von der Stadtverwaltung, diese konkret umzusetzen. Wichtig sei es, genau zu schauen, welche Projekte wirklich den demografischen Wandel beeinflussen. Da der Begriff in Mode sei, trage so manches Vorhaben dieses Etikette auch zu unrecht. Der Stadtkämmerer räumte auf Nachfrage ein, dass Kassel versucht, „im knallharten Wettbewerb“ innerhalb Deutschlands „auf der Gewinnerseite“ zu sein.
Auch Winfried Wilkens, Kreisrat des Landkreises Osnabrück, räumte ein, dass der demografische Wandel bislang seine Region noch nicht allzu hart getroffen hat. Die Bevölkerung nehme nur moderat ab, werde allerdings älter und bunter. Deshalb kümmert sich der Landkreis auf vielerlei Ebenen um das Thema. Arbeitsplätze zu sichern und ein familienfreundliches Umfeld zu schaffen, seien nur zwei der Aufgaben. Konkret beraten die Kreis-Wirtschaftsförderer bereits Unternehmen, wie sie sich auf eine älter werdende Arbeitnehmerschaft einstellen können. Altersgerechtes Wohnen sei ein weiteres Feld, auf dem der Landkreis die Kommunen beraten kann und muss, sagte Wilkens.
Stärken und Potenziale der Migranten würdigen
Außerdem habe man Informationen für einen Leitfaden „Selbstständig leben im Alter“ zusammengetragen. Auch im Landkreis Osnabrück werden Migranten inzwischen eher als Bereicherung gesehen, deren Stärken und Potenziale gewürdigt werden müssen, um sie besser zu integrieren. Als weiteres praktisches Beispiel nannte Wilkens eine „Tool-Box“, also eine Werkzeug-Kiste, für die Gemeinden, die ihnen unter anderem dabei helfen soll, Leerstand im Ortskern zu prognostizieren, regionale Einkaufsführer zu erstellen oder ihren Standort zu vermarkten.
Den Kontrast zu den gravierenden Problemen in den neuen Bundesländern machte Wolfgang Blasig, Landrat des Kreises Potsdam-Mittelmark, deutlich. Während es den Gemeinden im Speckgürtel der Bundeshauptstadt nicht schlecht geht, schlägt schon 75 Kilometer davon entfernt der demografische Wandel in all seiner Härte zu. Sterbeüberschuss und Abwanderung vor allem vieler junger und gut ausgebildeter Frauen lassen die Bevölkerungszahl sinken. Leerstand von Wohnblöcken, Entvölkerung kleiner Dörfer, Schließung von Grundschulen, Verödung der Landschaft, Hausärztemangel, Lücken im öffentlichen Nahverkehr, Qualitätseinbußen in der Pflege alter Menschen – all diese Konsequenzen konnte Blasig nur in Stichworten umreißen.
Umverteilung von Reich zu Arm
Die bisherigen Gegenmaßnahmen: Der Landkreis versucht, innerhalb des Landkreises eine geringfügige Umverteilung von den reichen Kommunen hin zu den armen. Aber, so Blasig, wer es nicht schafft, die jungen Frauen in der Region zu halten, sie „auf Händen zu tragen“, der könne kaum gewinnen. Karl-Ludwig Böttcher, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Brandenburgs, wies zudem darauf hin, dass zudem zahlreiche industrielle Kerne, die in der DDR zum Teil auch künstlich hochgezogen wurden, seit 1990 weggebrochen sind.
Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass der demografische Wandel inzwischen auch westdeutsche Regionen mit aller Härte trifft. In Rheinland-Pfalz in der Nähe zur Grenze zu Luxemburg, gehe in einigen Dörfern bald das Licht aus. Bürgermeisterposten könnten bereits nicht mehr besetzt werden, Hausarztstellen bleiben vakant. „Zukunftskonferenzen wie in Kassel sind dort überhaupt nicht mehr möglich.“