Interview mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung zu Stärken und Chancen seiner Stadt
„Es ist unglaublich viel passiert“DEMO: Herr Jung, wie wird ein Siegerländer Oberbürgermeister in Leipzig?
Thomas Jung: Als ich 1991 als Schulleiter hierherkam, habe mich sofort in Leipzig verliebt. Der Gründerzeitstadt sah man damals schon an, wie schön sie werden würde. An Johann Sebastian Bachs Grab zu stehen, in Auerbachs Keller zu essen, an Robert Schumanns Tisch im Kaffeehaus „Coffe Baum“ zu sitzen, das Gewandhausorchester zu hören ... ich dachte: das ist eine Stadt, in der willst du etwas bewegen!“ 1991 wurde ich Schulleiter und 1999 Beigeordneter für Jugend, Schule und Sport; 2006 trat ich die Nachfolge von Wolfgang Tiefensee als OB an.
Was wurde seit 1989 erreicht?
Es ist in diesem sehr kurzen Zeitraum unglaublich viel passiert! 80 Prozent der Gründerzeitwohnungen wurden saniert, große Teile der städtischen Infrastruktur von Schulen und Kitas bis zu Kanälen bis Straßen erneuert ... Leipzig wurde aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst und gehört heute zu den schönsten Großstädten Deutschlands.
Wo liegen Leipzigs Stärken?
Leipzigs individuelle Stärke ist, dass sie eine überschaubare und sehr kompakte Stadt ist, die ein vielfältiges Angebot an die Menschen macht, die hier leben. Wirtschaftliche Stärken sind Bereiche wie die Autoindustrie, die Medien- und Kommunikationsbranche, die Gesundheitswirtschaft und die Logistik. Bei den weichen Faktoren nenne ich neben der Aufenthaltsqualität der Stadt vor allem die Kultur, die Musik – Bach, Mendelssohn, Schumann, Gewandhausorchester, Thomanerchor und eine junge Musikszene. Die zweitälteste Uni Deutschlands – die dieses Jahr 600 Jahre alt wird – und die Leipziger Messe dürfen bei einer solchen Aufzählung nicht fehlen.
Wie wichtig war dafür Kommunalpolitik?
Eine wache, kooperative und begleitende Stadtplanung war und ist immens wichtig. Anfang der 1990er hat Hinrich Lehmann-Grube, aus Hannover kommend, eine effiziente Verwaltung geschaffen. Darauf konnte Wolfgang Tiefensee aufbauen, als Ansiedlungen wie von Porsche und BMW gelangen. Heute gilt es, den Mittelstand zu stärken und auszubauen. Wichtig ist, dass kommunale Akteure die zentralen Themen und Handlungsfelder erkennen und bearbeiten. Mir liegt besonders das Thema Kinder- und Familienfreundlichkeit am Herzen. Hier hat Leipzig früh begonnen und das zahlt sich heute aus: Seit einigen Jahren wächst unsere Stadt, diesen Trend werden wir ausbauen.
Was sind die größten Probleme der Stadt?
Wenig überraschend, wenn ich als drängendstes Problem die Arbeitslosigkeit nenne, auch wenn sie von 22 im Jahr 2005 auf derzeit rd. 15 Prozent gesunken ist. Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten hat daher erste Priorität. Dann blicke ich angesichts der Haushaltslage unserer Stadt mit Sorge auf die Wirtschaftskrise mit ihren Folgen für die kommunalen Etats. Zu den wichtigsten Herausforderungen gehört es meines Erachtens, den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
Welche Rolle spielen öffentliche Investitionen für Leipzigs Entwicklung?
Ohne Zweifel eine für Stadtentwicklung und Stadtbild sehr Entscheidende. In den 1990ern wurde entschieden, rasch und umfassend in Infrastrukturen zu investieren – wie Messe und Flughafen. Davon profitiert heute nicht nur Leipzig, sondern die gesamte Region. Ein aktuelles Beispiel ist der neue Uni-Campus - ein wichtiger Impuls für die Entwicklung von Universität und Stadt.
Was bedeutet Leipzig für das Land?
Leipzig gehört zu den wichtigen Wirtschaftszentren der jungen Länder, aber es wäre zu wenig, es auf diesen Faktor zu reduzieren. Die friedliche Revolution fand hier am 9. Oktober 1989 ihren Höhepunkt, als 70 000 Demonstraten mit dem Ruf: „Wir sind das Volk“ das SED-Regime stürzten. Dieses junge Datum kann eine Identität begründen, die einer selbstbewussten Bundesrepublik in ihrem 60. Jahr angemessen ist. Ich sehe eine Mitverantwortung der Stadt, dass wir uns dieses Meilensteins der deutschen Geschichte und der damit verbundenen Werte bewusst bleiben.
Noch ein Blick in die nahe Zukunft: Welche Folgen hat die Wirtschaftskrise für die Stadt?
Wir haben es gerade erstmals seit langem wieder geschafft, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Ich bin zuversichtlich, dass Leipzig nicht so von der Krise gebeutelt wird wie andere Großstädte. Leipzig kommt wirtschaftlich von einem niedrigeren Ausgangsniveau mit geringerer Exportquote und verfügt über einen breiten Branchenmix aus meist mittelständischen Betrieben. Die Unternehmer sind flexibel und undogmatisches Ärmelkrempeln gewöhnt.
Interview: Stefan Grönebaum
Burkhard Jung, geb. am 7. März 1958 in Siegen, verheiratet, vier Kinder, Studium der Germanistik und Evangelischer Theologie in Münster, dann Gymnasiallehrer, 1991 Leiter des Evangelischen Schulzentrums in Leipzig, 1999 Beigeordneter der Stadt Leipzig für Jugend, Schule und Sport, 2000 Eintritt in die SPD, 2001 Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Sport, seit 2006 Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.
Zum Video-Interview von demo-online mit Burkhard Jung geht es hier.