Urbane Orte entstehen für den Soziologen Walter Siebel auch durch „die Schwäche der Planung“
„Widersprüche in der Stadtkultur zulassen“DEMO: Stadtkultur gilt heute sogar als Motor der Stadtentwicklung. Was macht sie dazu?
Walter Siebel: Hinsichtlich der kulturellen Einrichtungen einer Stadt ist die Antwort einfach: Kultur ist Industrie und Standortfaktor: Rechnet man die mit kultureller Produktion befassten Arbeitskräfte zusammen, so handelt es sich um einen Wirtschaftssektor mit beträchtlichen Umsätzen und Arbeitsmarkteffekten. Mittlerweile arbeiten im Ruhrgebiet mehr Menschen in der Kulturwirtschaft als im Bergbau. Aber: Die Krise der Stadt ist immer auch eine ihrer Kultur. Dass sinkende finanzielle Spielräume die Qualität der kulturellen Einrichtungen einer Stadt bedrohen, muss nicht erläutert werden.
Und inwieweit bietet die vorhandene Kultur ökonomische Chancen?
Unter Bedingungen einer wachsenden Nachfrage kaufkräftiger Gruppen nach urbanen Milieus wird die Stadt zur Wechselstube, in der man kulturelles Kapital in ökonomisches umwandeln kann. Ort dieser Transaktion ist der Immobilienmarkt, ihre Agenten sind die Künstler, nur dass sie selten angemessen für ihre Leistungen entlohnt werden. Das Honorar landet in der Regel bei den Developern und Eigentümern. Ein Beispiel für diesen Prozess ist der Prenzlauer Berg in Berlin.
Stadtkultur und kreative Urbanität als Standortfaktor. Wird dies in der modernen Stadtplanung genügend berücksichtigt?
Die moderne Stadtplanung hat gute ästhetische, feuerpolizeiliche, hygienische, ökonomische, soziale und verkehrstechnische Argumente für ihre Absichten, das städtische Chaos zu ordnen. Aber wenn es ihr gelänge, ihre Ziele restlos zu verwirklichen, wäre das der Tod der Stadtkultur. Planerischer Ordnungsdrang ist immer auch gegen die Qualität von Stadt als Chaos und Differenz gerichtet. Wo immer die Planung allmächtig war, ist deshalb das Gegenteil von Urbanität entstanden. Die Städte im real existierenden Sozialismus liefern dafür ebenso abschreckende Beispiele wie große Einkaufszentren. In der oft beklagten Schwäche der Planung als nie ganz gelingendem Aushandlungsprozess zwischen einer Vielzahl von Akteuren, die mit unzureichenden Mitteln widerstreitende Interessen zu verwirklichen suchen, liegt aber meiner Ansicht nach eine Chance dafür, dass immer wieder urbane Orte in der Stadt entstehen. Das heilige Jerusalem und das sündige Babel sind die Archetypen des Städtischen. Die urbane Stadt muss beides bewahren.
Und das Ruhrgebiet hat die richtigen Potenziale dafür?
Produktive Städte sind – um Adorno zu zitieren – Orte, an denen man „ohne Angst verschieden sein kann“. Eine der Aufgaben der europäischen Kulturhauptstadt 2010 wird sein zu zeigen, wie unter heutigen Bedingungen Integration ohne Vernichtung von Fremdheit möglich ist. Eine weitere wird sein, die kulturellen Potenziale, die sich aus der Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften von 150 Jahren industrieller Urbanisierung gewinnen lassen, für den Strukturwandel des Ruhrgebiets zu nutzen. Essen für das Ruhrgebiet ist zur europäischen Kulturhauptstadt gewählt worden, weil es diese Thematik in den Mittelpunkt gestellt hat.
Essens Bewerbung war überzeugend, weil sie deutlich gemacht hat, welche Rolle Kultur bei der Bewältigung des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft spielen kann. Die Orte des gesellschaftlichen Umbruchs können zu Orten einer neuen Urbanität werden, ebenso wie die Wohnquartiere, in denen die Integration von Einheimischen und Zuwanderern gelebt werden muss. Und das Ruhrgebiet ist reich an solchen Orten. Eines aber ist leider sicher: Wenn die europäische Kulturhauptstadt 2010 nicht auch etwas von den Widersprüchen der Stadtkultur zulässt, wenn die Kampagne nur als Vehikel der Strukturpolitik und des Marketing genutzt würde, dann werden das Ruhrgebiet und Essen als europäische Kulturhauptstadt scheitern.
Interview: Andreas Uphues