Erneuerbare Energien
Ausflug in stürmische SeeQuer durch Deutschland sehen wir, dass Stadtwerke in Sonne, Wind, Wasser oder Holz investieren“, konstatiert Stephan Weil, Präsident des Verbands kommunaler Unternehmen. Immer mehr Städte und Gemeinden sähen in einer „vorausschauenden Energie- und Klimapolitik“, so der Hannoveraner SPD-Rathauschef, eine „lokale oder regionale Aufgabe“. Es muss ja nicht unbedingt eine Photovoltaik- oder Biogasanlage vor der eigenen Haustür sein: Couragiert investieren viele Stadtwerke, meist aus Baden-Württemberg und selbst aus dem Alpenfürstentum Liechtenstein, in ein ambitioniertes Windstromprojekt in der Nordsee. „Wir wagen uns auf hohe See“, so Tübingens OB Boris Palmer: „Vor den Konzernen werden wir einen Windpark bauen, der die Leistung eines kleinen Atomkraftwerks hat.“
„Bard Offshore 1“ wird die erste kommerzielle Elektrizitätsgewinnung in der Nordsee sein. Bislang läuft nur die noch nicht voll ausgebaute Testanlage Alpha Ventus, hinter der Eon, Vattenfall und EWE stehen. Das neue Projekt will die Emdener Firma Bard Engineering 100 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum errichten. Losgehen soll es in diesem Herbst, von 2011 an sollen 80 gigantische Rotoren jährlich 1,6 Terrawattstunden Strom produzieren – genug für 400 000 Mehrpersonenhaushalte. Tübingen will Rechte auf vier Megawatt (MW) erwerben und so den Elektrizitätsbedarf von fünf Prozent der 87 000-Seelen-Stadt abdecken. „Bard Offshore 1“ wird eine Kapazität von 400 MW haben, so die Planung. Die Kilowatt werden über Seekabel ins territoriale Netz eingespeist.
1,5 Milliarden für den WInd
Das Vorhaben bei Borkum wird nach den bisherigen Berechnungen 1,5 Milliarden Euro kosten. Als Hauptanteilseigner tritt die kommunale Elektrizitätshandelsgesellschaft Südweststrom Windkraft mit Sitz in Tübingen auf, die 70 Prozent der Aufwendungen übernehmen will. Als Minderheitseigentümer mit 30 Prozent will die WV Energie Frankfurt mitmachen.
Die neue Tübinger Firma ist eine Tochter der Südweststrom, die 1999 im Zuge der Liberalisierung des Elektrizitätsmarkts von 30 vorwiegend südwestdeutschen Stadtwerken gegründet wurde und heute über 50 Gesellschafter zählt. Dieses Mutterunternehmen bietet Energiedienstleistungen an, Hauptziel ist jedoch, die Beschaffung von Strom und Gas zu bündeln, um die Marktmacht von Stadtwerken zu stärken. Zu den Kunden gehören Energieversorger aus der ganzen Republik.
Hilfe dank Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
Der Ausflug in die Nordsee ist ein zentraler Aspekt beim Bemühen von Südweststrom, die Elektrizitätserzeugung zu „diversifizieren“, so Geschäftsführerin Bettina Morlok. Beflügelt worden sein dürfte das Offshore-Engagement durch die Beteiligung von Südweststrom am Kohlemeiler Brunsbüttel bei Hamburg, die zu öffentlicher Kritik geführt hat; auch in den Reihen der Mitglieder waren Bedenken aufgekommen. Laut Tübingens grünem OB Palmer schafft man mit dem Windprojekt einen „Ausgleich für das Kohlekraftwerk“.
Geholfen hat „Bard Offshore 1“ aber zudem die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: Für Windstrom vom Meer wurde die garantierte, von den Verbrauchern zu zahlende Vergütung für eine ins öffentliche Netz eingespeiste Kilowattstunde auf 15 Cent erhöht. Für Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie, war diese Anhebung der „Startschuss“ zur Umsetzung bereits geplanter Offshore-Vorhaben.
Einstiegsmöglichkeit für kleine und mittlere Stadtwerke
Die 400 Megawatt bei Borkum sind, so alles nach Plan läuft, der erste Mosaikstein in einem großen Puzzle: Die Regierung setzt darauf, dass sich bis zum Jahr 2020 in der Nord- und Ostsee Rotoren mit einer Leistung von 10 000 Megawatt drehen. Die derart produzierte Elektrizität soll zum großen Teil nach Süddeutschland geschafft werden, wo weniger Stromerzeugungskapazitäten vorhanden sind als im Norden der Republik. Je mehr Kilowatt vom Meereswind stammen, desto dringlicher wird indes der Ausbau der Ferntrassen von Nord nach Süd. Solche Überlandleitungen werden oft von Bürgerinitiativen bekämpft, die sich gegen Landschaftsverschandelung wehren.
Die Südweststrom Windpark eröffnet auch kleinen und mittleren Stadtwerken die Möglichkeit zum „Einstieg in Großkraftwerksprojekte“, lobt Jürgen Mailänder, Geschäftsführer der Gemeindewerke Hermaringen. Zunächst wurde die neue Südweststrom-Tochter von 15 Stadt- werken gegründet, Geschäftsführerin Morlok hofft, dass es noch erheblich mehr werden.
Jedoch ist man nicht überall von Offshore begeistert. Nicht mitmachen wollen beim Borkum-Trip die Stadtwerke im badischen Oberkirch, die zu den Eigentümern der Muttergesellschaft Südweststrom gehören. Gegenüber der Lokalpresse meinte Geschäftsführer Wolfgang Klattig, bei einem „Risikoprojekt“ in dieser Größenordnung gebe es „viele offene Fragen“. Das sei „zu heiß“, da könne man mit dem Geld auch „an die Börse gehen und spekulieren“.
www.suedweststrom.de, www.stadtwerke-oberkirch.de