Die Hauptstadt folgt dem Trend, schafft die Hauptschule ab und führt die Ganztagsgemeinschaftschule ein
Berlin führt zweigliedriges Schulsystem einNach der sechsjährigen Grundschule werden Schüler nur noch auf zwei Schultypen verteilt: auf das Gymnasium und die so genannte integrierte Sekundarschule. Das bisherige „vielgliedrige Schulsystem“, konstatiert Bildungssenator Professor Jürgen Zöllner (SPD), führe in einer multikulturellen und sozial divergenten Stadt nicht zu der benötigten Chancengerechtigkeit. Rund 3 000 Berliner Jugendliche verlassen im Jahr die Schule ohne Abschluss. Aus Zuwandererfamilien gibt jeder sechste Schüler vorzeitig auf, aus deutschen Familien jeder zwölfte.
Die Reform schafft nicht nur die Hauptschule ab, die in Berlin mit sieben Prozent der Schüler längst zur Kriseneinrichtung für Lernschwache geworden ist. Auch Hauptschulklassen soll es nicht mehr geben. Mindestens in den 7. und 8. Klassen wird gemeinsames Lernen die Regel, der Unterricht in nach Leistung getrennten Klassen die Ausnahme. Damit die dafür nötige individuelle Förderung gelingen kann, sollen alle Sekundarschulen ganztags öffnen. Je nach Leistung sollen die Schüler an derselben Schule den Haupt- oder mittleren Schulabschluss absolvieren oder es bis zum Abitur nach 13 Jahren schaffen. Das Abgeordnetenhaus wird der Reform vermutlich noch im November zustimmen.
Kritik am „Schüler-Lotto“
Unumstritten war die Reform, die Zöllner letztes Jahr vorstellte, nicht. Im Zentrum der Kritik stand dabei der Umgang mit dem Gymnasium, das bereits nach zwölf Jahren zum Abitur führt und zweifelsohne eine homogenere Schülerschaft haben wird. Dass mehr und vor allem gebildete Eltern ihr Kind lieber dort unterbringen, steht außer Frage. Was also tun, wenn es mehr Bewerber als Plätze gibt? Die Berliner und bundesweit einmalige Lösung: Begehrte Schulen sollen sich sechs von zehn Schülern selbst aussuchen.
Ein Platz ist für „Härtefälle“, u.a. für Schüler mit Behinderungen, reserviert. 30 Prozent der Plätze in den begehrten Klassen werden verlost. So will der rot-rote Senat auch an Gymnasien mehr soziale Mischung herstellen – die Schulform wohl auch etwas weniger attraktiv machen. Der Protest v.a. konservativer Eltern über das „Schüler-Lotto“ folgte auf dem Fuße. Genützt hat er nichts.
Diskussion jenseits der Parteigrenzen
Kurz vor Verabschiedung sorgte der Umgang mit dem Elternwillen noch einmal für Wirbel. Nach der Anhörung von Experten im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses wechselten Teile der SPD-Fraktion ihre Position. Hatten sie zuerst zugestimmt, auch Kinder ohne Gymnasial-Empfehlung dürften dort ein Probejahr absolvieren, ruderten einige zurück: „Alle Experten sagen, dass sie von einem Probejahr nichts halten“, erklärte die bildungspolitische Sprecherin Felicitas Tesch. Es bestehe Diskussionsbedarf. Der wurde offenbar rasch befriedigt. Nach wenigen Tagen hieß es wieder: Das Probejahr kommt. Die Entscheidung, ob ein Kind auf das Gymnasium darf oder nicht, bleibt, wie in den meisten Bundesländern, den Eltern überlassen.
Bundesweit zeigt die rot-rote Schulreform vor allem zweierlei: Erstens: Der Kampf um die beste Schulform hat die Parteilinien verlassen. In Hamburg, wo Stadtteilschulen mit Option aufs Abitur neben Gymnasien existieren, regiert Schwarz-Grün. In der Bremer Bürgerschaft verabschiedete Rot-Grün im Frühsommer ein ähnliches Modell. Die drei Länder eint eine Schülerstruktur, die vor allem Hauptschulen immer häufiger unregierbar macht. Zweitens: Die Hauptschule wird immer stärker zurückgedrängt. In den neuen Ländern und im Saarland wurde sie nie eingeführt oder ist abgeschafft. Im SPD-regierten Rheinland-Pfalz ist die Fusion von Haupt- und Realschulen seit diesem Schuljahr im Gange. Schon bald wird es Hauptschulen nur noch in den CDU-Ländern im Westen geben: In Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und NRW.