Wer Fritz Schramma dieser Tage begegnet, wundert sich zuerst. Man trifft auf einen freundlichen und ausgeglichenen Mann, in dessen Gesicht die letzten Wochen keine sichtbaren Spuren hinterlassen haben. Mühelos knüpft er Kontakt zu den Menschen und wenn die Fotografen noch eine Pose für ein Bild benötigen, der Kölner OB meistert solche Situationen mit einem Scherz auf den Lippen. Selbst engere Mitarbeiter sind erstaunt, wie sehr er in sich ruht – und die schlimmen Ereignisse rings um den Einsturz des Archivhauses offenbar hinter sich gelassen hat. Selbst der politische Gegner ist verblüfft und freut sich insgeheim, dass dieser leutselige OB nicht mehr zur Kommunalwahl am 30 August antritt; da er wie kaum ein anderer das Kölner Lebensgefühl personifiziert und gute Chancen auf eine Wiederwahl gehabt hätte.
Doch der Mann hat sich selbst aus dem Spiel genommen, nachdem der Druck aus der eigenen Partei zu groß geworden ist. „Ich trete nicht mehr an“, hatte er gut vier Wochen nach dem Desaster in der Severinsstraße bekannt. Dabei war unübersehbar, wie schwer ihm der Verzicht fiel. Offiziell attackierte er bei seinem angekündigten Rückzug die politischen Gegner im sozialdemokratischen und grünen Lager, aber intern hatte er längst die Parole ausgegeben, dass er sich an den Spitzen der eigenen Partei rächen werde.
Schramma taktierte und übernahm keine Verantwortung
In der Tat hatte vor allem die Landes-CDU gegen den amtierenden OB der Domstadt geschossen. Schramma war nicht verborgen geblieben, dass ihn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zum Abschuss frei gegeben hatte. Während die CDU in der einzigen Millionenstadt des bevölkerungsreichsten Bundeslandes noch Schutzschilde um den in der Krise nicht allzu überzeugend agierenden OB aufbaute, kamen aus der Landeshauptstadt Düsseldorf andere Signale. „Das Krisenmanagement ist katastrophal“, kabelten anonyme Stichwortgeber rheinaufwärts und damit war Schrammas Geschick besiegelt.
Schramma hatte sich allerdings weitgehend selbst in die missliche Lage gebracht. Unmittelbar nach dem Unglück gab er wechselnde Signale an die verunsicherten Bürger; mal war er gegen den Weiterbau der U-Bahn, dann wieder dafür. Obwohl er formal als OB Chef des Krisenstabs ist, delegierte er seine Verantwortung an den – sozialdemokratischen – Stadtdirektor Guido Kahlen und gab öffentlich zu Protokoll: „Ich habe das nicht in der Verantwortung.“ Während man sich in der Republik fragte, warum es den Kölnern nicht gelingt, eine U-Bahn unter dicht besiedeltem Raum in der Innenstadt zu bauen, verhakte sich der erste Bürger der Stadt mit seiner Verwaltung und gab den Menschen nie das Gefühl, dass wenigstens richtige Konsequenzen aus der Katastrophe gezogen würden. Weil das alles auf offener Bühne stattfand, durften sich alle jene bestätigt fühlen, die Köln stets für die Klüngelhochburg der Republik hielten.
Eine Umfrage besiegelte Schrammas Schicksal
Als dann eine Umfrage bekannt wurde, die den Herausforderer von SPD und Grünen, Jürgen Roters, mit klarem Abstand vor Schramma sah, war dessen Schicksal besiegelt. Obwohl dieser noch um seine erneute Kandidatur kämpfte, ließ sich Parteifreund Konrad Adenauer – ein Enkel des Ex-Bundeskanzlers – zum Ersatzkandidaten ausrufen. Wenige Tage später zog der wieder zurück und es begann ein munteres öffentliches Rätselraten über den oder die Neue.
Selbst Insider haben inzwischen den Überblick verloren, wie viele mögliche CDU-Kandidaten gefragt worden sind – und entweder absagten oder für nicht qualifiziert genug gehalten wurden. Selbst wenn die CDU jetzt noch jemander aus dem Hut zaubert, müsste er mit dem Makel leben, das vorher 20 Personen das angetragene Amt abgelehnt haben.
SPD und Grüne betrachten dieses Schauspiel der CDU mit einigem Erstaunen. Natürlich hatten sie auch unter regulären Umständen mit einem Wahlsieg gerechnet und dafür sogar ihre Distanz zueinander überwunden und sich auf den gemeinsamen Kandidaten Jürgen Roters verständigt. Der ehemalige Kölner Regierungspräsident musste bisher nicht einmal besonders laut um Einlass ins Rathaus begehren, inzwischen scheint sein Wahlsieg sicher. Für die jeweiligen Landesparteien wäre es ein schönes Signal vor dem Urnengang zum Landtag 2010.