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Bildungspolitik als lokale und regionale Zukunftsaufgabe?Zu Beginn der Diskussion um Bildungspolitik als lokale und regionale Zukunftsaufgabe stand ein klares Bekenntnis: „Am liebsten würde ich eine eigene Schule errichten“, sagte Gabriele Warminski-Leitheußer, Bürgermeisterin für Bildung, Jugend, Gesundheit und Sport bei der Stadt Mannheim. „Das kann ich aber nicht, weil ich keine Lehrer einstellen darf“, schob sie direkt hinterher. Trotzdem hat die Stadt Mannheim über das Mannheimer Unterstützungssystem Schule (kurz MAUS) einen Weg gefunden, selbst aktiv zu werden statt nur auf die Landesebene zu gucken. „Natürlich können wir keine Lehrer als Landesbedienstete einstellen, aber jede Kommune hat Volkshochschullehrer“, sagte Warminski-Leitheußer.
Im Fall von Mannheim handelt es sich bei der Abendakademie sogar um eine der bundesweit größten Volkshochschulen – und bei dieser VHS kaufte die Stadt kurzerhand für 500 000 Euro insgesamt 10 000 Stunden ein, die sie den Schulen zur Verfügung stellte. „Wir haben denen gesagt, dass sie auswählen können, was sie brauchen – aber eins mussten sie versprechen: die Schulabbrecher- und Sitzenbleiberquote zu senken“, sagte die Bildungsbürgermeisterin. Bislang schaffen in Mannheim pro Jahr 300 Jugendliche keinen Schulabschluss – „neun Prozent eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Eintrittskarte fürs Leben“, sagte sie. Das soll sich ändern. Acht Schulen machten sofort bei dem Projekt mit. „Mittlerweile machen das alle in Baden-Württemberg nach, weil es so einfach ist“, sagte Warminski-Leitheußer.
"Bildung ist nicht nur Schule"
Sie plädierte für ein neues Verständnis von Bildung: „Bildung ist nicht nur Schule, sondern alles von Geburt an.“ Die Frage, ob nur die soziale Herkunft über einen späteren Erfolg im Leben entscheide, müsse letztlich auf kommunaler Ebene bearbeitet werden, sagte die 46-Jährige. „Wer soll denn die Verantwortung übernehmen, wenn nicht die Kommunen“, fragte sie und fand dafür auch die Zustimmung von Fritz Wagner, Bürgermeister der 9000-Einwohner-Stadt Kirn in Rheinland-Pfalz, der neben ihr auf dem Podium saß. „Bildung ist bei uns immer die wichtigste Aufgabe in der Kommunalpolitik gewesen und dementsprechend haben wir auch investiert“, sagte er. Sämtliche Schulen in Kirn seien in hervorragendem baulichen Zustand, allesamt in den vergangenen 20 Jahren grundsaniert worden. „In meinen 27 Amtsjahren ist es noch nie vorgekommen, dass den Schulen die Sachkosten auch nur um eine Mark gestrichen wurden“, sagte er.
Aber der demografische Wandel macht auch vor Kirn nicht halt: „Unsere Hauptschule hatte mal 600 Schüler, heute sind es noch 330“, sagte Wagner. Deshalb sollen Haupt- und Realschule bald zu einer „Realschule plus“ zusammengelegt werden. Im Moment komme noch heftiger Widerstand von der CDU, aber Anfang nächsten Jahres werde es wohl einen Beschluss geben. Der gute Zustand der Kirner Schullandschaft liege sicherlich auch an der Größe der Stadt. „Unser Vorteil ist, dass die Stadt klein ist und sich die Menschen kennen und vernetzt sind“, sagte er. Daher sei die Situation in Kirn auch nur schwer mit der in der Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen zu vergleichen. „Wir reden von zwei unterschiedlichen Welten“, sagte Wagner zu Harald Lehmann gewandt, dem dritten Podiumsteilnehmer, der als Schulleiter der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck arbeitet.
"Gesamtschulen müssen Lebensraum sein"
Seine Schule liegt in einem Brennpunkt-Stadtteil, dem das Wochenmagazin Stern vor einiger Zeit eine Doppelseite widmete. „Die Überschrift lautete: Wer hier wohnt, hat verloren“, berichtete Lehmann und stellte direkt die Frage, die wohl einigen Zuhörern durch den Kopf ging: „Wie ist da eine evangelische Schule hingekommen?“ Die Stadt Gelsenkirchen brauchte Ende der 1990er Jahre neue Schulen – „und da war die Kirche aus finanziellen Gründen willkommen, eine klerikale Schule aber war von vielen Leuten nicht gewünscht“, berichtete Lehmann. Zunächst war auch der Zulauf an Schülern gering, aber das Konzept der Gesamtschule hat sich durchgesetzt. „Heute haben wir 370 Anmeldungen für 150 Plätze“, sagte Lehmann. Und kaum ein Kind verlasse die Schule ohne Abschluss.
Die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck sieht auch anders aus als andere Schulen – die Schüler werden in Klassenhäusern unterrichtet, die wie eine kleine Reihenhaussiedlung wirken. „Sie haben einen eigenen kleinen Garten und jede Klasse hat eine eigene Mädchen- und Jungen-Toilette“, berichtet Lehmann. Nach ihrem pädagogischen Konzept begreift sich seine Schule als Familien-, Erziehungs-, Lebens- und Stadtteilschule. „Es reicht nicht nur die Wände zu streichen – Gesamtschulen müssen Lebensraum sein“, sagte er.
Kritik aus dem Publikum
Beim Publikum stieß das Konzept auf Interesse, aber durchaus auch auf Kritik. „Ich sehe da schon eine Bildungskonkurrenz zu kommunalen Schulen“, meinte etwa eine Teilnehmerin. Die Evangelische Kirche von Westfalen unterhalte lediglich sieben Schulen und nehme auch kein Schulgeld, erläuterte Lehmann daraufhin. Er räumte aber auch ein: „Wir wollen dem staatlichen System modellhaft etwas vorstellen.“ Auch Warminski-Leitheußer nahm dieses abschließend in die Verantwortung: „Wenn das öffentliche Schulsystem nicht besser wird, fliegt unsere Gesellschaft auseinander.“