Titel
Das kleine Wunder einer WocheMontag
Ruhig ist es nicht in der Rap-Klasse bei der Projektwoche unter dem Namen „Schule ohne Rassismus –Schule mit Courage“ auf der Loschmidt-Schule in Berlin-Charlottenburg. Der kleine Haufen Schüler besteht meistens aus Jungen mit Migrationshintergrund, die wenigen Mädchen sind am leisesten. Zu hören und sehen ist meist J., einer von den sichtlich dominierenden Jungs. Er kann seinen Körper kaum still halten, mal steht er, mal ärgert er einen von den anderen Jungs, immer redet er. Fast alle Jungs in der Klasse, so scheint es, sind uniformiert: in Crew-Cut, bei dem die wenigen Haare in Gel eingeschmiert sind, mit Halsketten und an den Füßen Adidas- und Nike-Turnschuhe. J. wird immer wieder kurz vor die Tür gebeten von Lehrerin Frau Schulz, aber es scheint wenig zu helfen, während der Profirapper Flo engagiert in Rap-Geschichte unterrichtet. Eine gewisse Milde kommt von Frau Schulz, eine Frau in den Zwanzigern, dieselbe Milde kommt von Rapper Flo, ein Mann in den Dreißigern in Klamotten, die auch den Schülern passen würden. Obwohl Flo und Frau Schulz immer wieder um Ruhe und um mehr Teilnahme bitten müssen, verlieren sie nie die geduldige Art in ihrem Umgang. J. lacht verächtlich, dass seine gezupften Augenbrauen vibrieren und sagt: „Der kann nicht mal richtig schreiben.“ Der Junge an der Tafel dreht sich um, und kontert: „Soll ich dich etwa dumm schimpfen, wenn Du mal einen Fehler machst?“ und zeigt dabei bedrohlich mit dem Finger auf J. Diese und andere Eindrücke des erstens Tags einer Projektwoche lassen nicht gerade große Hoffungen auf ein Gelingen aufkeimen.
Donnerstag
Die Rap-Klasse sitzt um einen großen Tisch, es herrscht eine ruhige Vormittagsstimmung. Die Cliquen vom Montag sind intakt, und zwei von den auffälligen Jungs sitzen nebeneinander und stören andauernd, aber auf eine fast herzliche Art. Flo spricht über Raptexte, die die Schüler gestern geschrieben haben: „ Es war gut zu sehen, das ihr Euch getraut habt, Eure Gefühle zu zeigen in den Texten, dazu gehört Mut“, lobt der Rapper mit anerkennenden Kopfnicken. Flo ist auch ein Mutmacher, er redet auf die Schüler ein, es geht darum, vor zirka 500 Mitschüler zu rappen, viele haben Bühnenangst. „Ihr werdet die Rapper der Schule sein“, verspricht Flo. Schüler J. ist nicht da, einer seiner Mitschüler sagt:“ Er ist krank, er hat mich heute morgen angerufen.“ Dabei irren seine Augen wild und ausweichend in den Augenhöhlen herum. Frau Schulz spricht von einer Suspension von J. „Stühle seien geflogen“, lautet ihre Begründung. 70 Prozent der Schüler hier haben diagnostizierte ADHS, erläutert Frau Schulz. Das Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom ADHS ist eine psychische Störung, die u.a. unruhiges, unkonzentriertes Verhalten verursacht. Andere sind wirklich krank, komplett wie am Montag ist die Klasse nicht. Sich zu trauen scheint etwas, was sich die Schüler erarbeitet haben während der Woche. Als die Klasse sich gleich nach der Morgenversammlung aufteilt, gehen einige der lauteren Jungs gemeinsam, der Rest bleibt zurück. In der stillen Gruppe hat ein Mädchen die Stimme verloren, eine andere klagt über Halsschmerzen, eine dritte hat „kein Bock“ und der letzte, ein Junge, will gerne den gemeinsamen „Loschmidt-Schulrap“ machen. Jetzt ist Frau Schulz die Mutmacherin – langsam tauen die Mädchen auf und die Arbeit beginnt. Bei der anderen Gruppe werden eigene Texte aufgenommen. Flo nimmt auf und einer nach dem anderen kommen die Jungs dran. „Ich sitze hier im Knast und denke nach, meine Umgebung ist im Arsch. Meine Freunde dealen Gras, Kinder konsumieren das“, lautet der Text, den der Schulrapper von sich gibt. Pure Fiktion ist der Text wohl nicht. Nach fast einer Woche ist die Stimmung eine ganz andere: fast freundlich und mit dem Mut, unsicher sein zu können, was am Montag nicht der Fall war. Frau Schulz sagt: „Die Schüler fangen gerade an sich zu öffnen, und jetzt ist es wieder vorbei.“ Eine Projektwoche wie diese kommt nicht von allein. Die Schulhelfer Holger Schmidt und Olivier Rakotovao vom Trägerverein „Tandem Schul Hilfe“ haben viel Zeit investiert, um die Woche zu vorbereiten, kaum ist sie vorbei, da fangen schon die Vorbereitungen für die nächste im Jahr 2011 an. Ganz am Ende hat die Projektwoche vieles gebracht, ob es nächstes Jahr eine neue geben wird, ist noch fraglich, denn das ganze Projekt hängt von Sponsoren ab.