Das Drama von Staufen trifft die Geothermie hart – Aber keine Abkehr von der Erdwärme – Keine Energie ohne Risiko
Der Fluch der guten TatDas Drama beschert dem 8 000-Seelen-Touristenort in ganz Europa und selbst in China und den USA eine unliebsame Publicity. Zu lesen sind Schlagzeilen wie „Eine Stadt spaltet sich“ oder „Eine Stadt zerreißt“. Mittlerweile wird debattiert, welche Konsequenzen aus diesem Fall zu ziehen sind: Stellt die weltweit einmalige Anhebung einer Siedlung, deren Boden wie ein Hefekuchen aufgeht, die Nutzung der Geothermie in Frage?
Derzeit laufende Erkundungsbohrungen sollen definitiv Klarheit schaffen über den Auslöser der Katastrophe, den viele Fachleute freilich bereits ausgemacht haben. Ökologisch korrekt sollte das Rathaus mit geothermischer Energie beheizt werden. Jedoch dürften Bohrungen im Herbst 2007 im Untergrund Staufens Verwerfungen produziert haben, in deren Folge Wasser in eine Anhydritschicht eindringt: Derart wird Gips gebildet, der seither unaufhörlich aufquillt.
Risiko-Nutzen-Abwägung
Bei immerhin 30 Prozent der baden-württembergischen Fläche ist mit Anhydritvorkommen zu rechnen. Die Hälfte dieser Fläche ist für Erdwärmeprojekte wegen Natur- und Wasserschutzauflagen tabu. Bleiben also weitere 15 Prozent, die als problematisch gelten. „Bei Bohrungen für Erdwärmesonden in anhydritführenden Schichten besteht grundsätzlich ein Risiko“, so das Geologische Landesamt. Einen Anlass für ein generelles Verbot in solchen Regionen sieht die Behörde aber nicht. Ausreichend sei deren Stopp beim Antreffen einer Gipsformation: „Gips liegt typischerweise noch über der Anhydritschicht.“ Die Begrenzung von Bohrungen auf die Höhe des „Gipsspiegels“ kann jedoch die Wirtschaftlichkeit geothermischer Projekte untergraben.
Wegen des Desasters von Staufen „darf es keinen Stopp für die Geothermie geben“, betont der SPD-Landtagsabgeordnete Gunter Kaufmann. „Wägt man Nutzen und Risiken ab“, so der Umweltpolitiker, „dann steht die Geothermie besser da als Atomkraft und Kohle.“ Kaufmann sieht keinen Änderungsbedarf beim Genehmigungsrecht.
Indes ist bei der Prüfung konkreter Standorte künftig wohl mehr Sorgfalt nötig. Das Geologische Landesamt mahnt, in Gegenden mit Anhydritvorkommen Bohrungen für Erdwärmesonden „von einem erfahrenen Geologen“ betreuen zu lassen. Ein Manko ist auch, dass geologisches Datenmaterial bislang bei diversen Behörden zerstreut ist.
Gigantische Ressource mit Risiko
Nun ist jedoch unbestreitbar, dass im Markgräflerland die Erdwärmenutzung ein für Deutschland beispielloses Debakel erlebt. Dieser Schock will nicht zum positiven Image erneuerbarer Energien passen, auch die Geothermie gehört zu den ökologischen Alternativen von Atomkraft, Kohle und Öl. Im Prinzip ist die Erdwärme eine gigantische Ressource: Zum Innern des Globus hin wird es alle 100 Meter um drei Grad wärmer, am Oberrhein sogar um sechs Grad. Nach diversen Studien kann in der Bundesrepublik mit dem Potenzial dieses Energieträgers mindestens die Hälfte des Elektrizitätsbedarfs gedeckt werden – theoretisch. Allerdings lag der Beitrag der Geothermie zur Stromversorgung 2008 noch nahe Null, bei der Heizenergie waren es 0,2 Prozent.
Eine risikofreie Energiegewinnung existiert nicht. Das zeigte sich auch bei einem Fiasko der Erdwärme in Basel, wo beim Jahreswechsel 2006/2007 Erdbeben mit Stärken über drei auf der Richterskala Schäden von über fünf Millionen Euro verursachten. Ausgelöst wurden die Erschütterungen durch ein geothermisches Projekt: Wasser wurde in über 4000 Meter Tiefe gepresst, um dort das heiße Gestein zu zerklüften – um später kaltes Wasser durchpumpen, unterirdisch erhitzen und nach Rückführung an die Oberfläche zur Strom- und Wärmegewinnung einsetzen zu können.
Neben Spektakeln wie in Staufen oder Basel treten auch kleinere Probleme auf, die noch wenig beachtet werden. Viele private Hauseigentümer nutzen unterirdische Hitze zum Heizen mit Hilfe von Wärmepumpen. Indes schlug der südbadische Energieversorger Badenova Alarm: Im Breisgau wurde bei solchen Bohrungen einmal ein Abwasserkanal beschädigt, in einem anderen Fall sprudelte aus einer benachbarten Quelle plötzlich schmutziges Wasser. Bei dem Unternehmen gelten Wärmepumpen als „Altlasten von morgen“. Badenova kritisiert, dass bei der Geothermie Fragen des Grundwasserschutzes und der Haftung ungeklärt seien. Da dürfte auf Kommunen noch einiges zukommen.
Weitere Informationen: www.staufen.de