Energiewende hat regionale Schlagseite
Der Osten sieht rotZweimal im Jahr ist Flugzeit für die envia Netzservice GmbH in Kabelsketal bei Halle. Dann chartert das Energieunternehmen, das Stromtrassen in vier ostdeutschen Ländern betreut, einen Helikopter, um sich den Zustand des weiten Netzgebietes von oben anzuschauen. Gut eine Woche lang befliegt man die derzeit 16000 Kilometer überirdische 110-Kilovolt-Trassen. Auch dies erhöht die Kosten für die Betreiber der Energienetze, zu denen in großen Teilen Sachsens, Sachsen-Anhalts, Brandenburgs und Thüringens die envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) in Chemnitz gehört. Die Energiewende bringt den Netzunterhaltern noch erhebliche weitere Investitionen: Rund eine Milliarde Euro muss allein enviaM im kommenden Jahrzehnt in den Netzausbau stecken. Dabei lägen in Ostdeutschland „die Netzentgelte schon deutlich über denen in den alten Ländern“, so Carl-Ernst Giesting, Vorstandschef der RWE-Tochter. Für die Zukunft erwartet er, dass sich diese Diskrepanz zwischen Ost und West weiter erhöht.
Das EEG und die Folgen für den Verbraucher
Der Grund dafür resultiert aus dem EEG. Dies garantiert allen „Ökostromern“ eine ungehinderte Einleitung ihrer Sonnen-, Wind- oder Biomasse-Energie in die öffentlichen Netze. Diese geraten damit aber an ihre Belastungsgrenzen und müssen erweitert werden. Hierbei erzeugt das Gesetz indes krasse Schieflagen. Denn die Kosten, die für den Netzausbau, für die Steuerung der Verteilung und die Einspeisevergütung – selbst bei Windflaute – anfallen, werden ausschließlich auf die Stromkunden im jeweiligen Netzgebiet umgelegt. Und da im Osten die größten Anlagen stehen, führt dies zwangsläufig zu einer regionalen Abwälzung der eigentlich gesamtdeutschen Mehrbelastungen, letztlich also zu einer Wettbewerbsverzerrung. Mithin baden die Strombezieher zwischen Ostsee und Erzgebirge so den größten Teil der grünen Energiewende aus. Allein 42 Prozent der gesamten Windkraftleistung Deutschlands sind hier installiert – gut das Doppelte dessen, was der Osten selbst verbraucht. Das Gros wird also nach Süd- und Westdeutschland weitergeleitet.
Machnig: Bundesweite Umlage für Entgelte
Was das am Ende bedeutet, lässt sich auf dem bundesweiten Strompreise-Atlas ablesen: München kommt mit Gelb, Köln mit Grün, Nürnberg sogar mit Dunkelgrün davon – während der Osten rot sieht. Hier ist der Saft aus der Steckdose am teuersten. Da aber der Strompreis zunehmend zum Standortfaktor wird, verändert sich so das Ungleichgewicht zwischen West und Ost noch stärker zu Lasten der neuen Länder.
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) fordert deshalb nun statt einer regionalen eine „bundesweite Umlage für Netzentgelte“. Gerade Thüringen als wichtiges Transitland für Ökostrom aus Nord- und Ostdeutschland in die großen Verbrauchszentren in Bayern und Baden-Württemberg sieht er überproportional vom Bau neuer Stromtrassen betroffen. Doch es könne nicht sein, so Machnig, dass die Netzbetreiber diese Kosten einseitig auf die Kunden vor Ort statt auf die eigentlichen Nutznießer, also die Endabnehmer umlegten. Hier bedürfe es einer „fairen Verteilung“.
Zugleich rügt Machnig, dass der Netzbetreiber 50Hertz-Transmission, dem die Trassen im Osten gehören, etwa doppelt so hohe Netzentgelte erhebt, wie es die Betreiber im Westen tun. Damit zahle ein größeres Industrieunternehmen in Thüringen momentan 1,08 Cent für die Kilowattstunde, während der Netzbetreiber EnBW in Baden-Württemberg weniger als die Hälfte abkassiere: 0,49 Cent. Diese Differenz könne bei stromintensiven Unternehmen leicht zu einem zweistelligen Millionenbetrag anwachsen.
Thüringen bringt das Thema Netzentgelte nun im Bundesrat zur Sprache. Mit weiteren ostdeutschen Ländern startete man eine Initiative, um die Netzentgelte bundesweit zu vereinheitlichen. „Wir brauchen eine neue Infrastruktur, sonst wird das mit der Energiewende nichts“, sagt Machnig. Im Gegenzug realisiere Thüringen bis 2012/13 eine Strombrücke gen Süden und investiere massiv in die Stromspeicherung, etwa durch neue Pumpspeicheranlagen.