Staatliche Förderung in Verbindung mit Energie-Einsparcontracting eröffnet neue Chancen für nachhaltige Energiekosten-Senkung
Der Turbo für die energetische GebäudesanierungSo plant das Land Berlin, 104 Mio. Euro für die energetische Sanierung seiner Theater, Museen, Konzertsä- le, Opernhäuser, Bibliotheken, Justizvollzugsanstalten und anderer öffentlicher Gebäude auszugeben. Weitere 460 Mio. Euro sollen zur baulichen Aufwertung von Schulen, Kindertagesstätten, Hochschulen und Krankenhäusern eingesetzt werden, darunter sind auch viele Maßnahmen zur Verbesserung der Energie-Effizienz der Gebäude. Insgesamt hat der Berliner Senat 800 Projekt ausgewählt.
Die Zeit, all diese Maßnahmen umzusetzen, drängt. Bis Ende Oktober 2009 sollen nach dem Willen der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen 40 Prozent aller Aufträge vergeben sein, der Rest bis Ende März 2010. Ähnliche Fahrpläne haben bundesweit alle Städte und Gemeinden für die Umsetzung des Konjunkturpaketes II beschlossen. Ob angesichts der Eile wirklich immer die energetisch und wirtschaftlich nachhaltigste Sanierungslösung gefördert und umgesetzt wird, daran gibt es berechtigte Zweifel. Langfristig rechnet es sich, bei den energetischen Maßnahmen einen hohen Standard zu setzen und ein professionelles Energiemanagement zu implementieren.
Eine Chance, mit Hilfe von Fördergeldern die Energie- und CO2-Bilanz der öffentlichen Liegenschaften erheblich zu verbessern, bietet das Energiespar-Contracting (ESC). Unter dem einprägsameren Begriff „Energiesparpartnerschaft“ wurde dieses Instrument der energetischen Gebäudebewirtschaftung im Land Berlin speziell im Hinblick auf unterschiedlich genutzte kommunale Liegenschaften entwickelt, über die letzten zwölf Jahre hinweg beständig optimiert und quasi zur Serienreife fortentwickelt. Die Bilanz ist eindrucksvoll und hat Leuchtturmcharakter weit über die Bundeshauptstadt hinaus.
Mit Mitteln aus den aktuellen Fördertöpfen könnte sich dieses probate Mittel auf breiter Front durchsetzen. Zum Beispiel, indem eine Kommune die zur Verfügung stehenden Gelder in die Finanzierung einer Energiesparpartnerschaft einbringt und dadurch einen Großteil der Maßnahmen anschiebt. Dadurch entfiele auf Seiten des Contractors die Notwendigkeit, die volle Investitionssumme auf dem Kapitalmarkt zu generieren; auf der anderen Seite bekäme der Auftraggeber – also die Kommune – einen entsprechend höheren Anteil an den garantierten Einspar-Erlösen.
Mit dem Energiespar-Contracting vertraute Energiedienstleister sind in der Lage, die finanziellen Effekte durchzurechnen. Sie zeigen Möglichkeiten auf, wie das Win-Win-Modell Energiesparpartnerschaft mit Hilfe von Investitionszuschüssen ganz individuell optimiert werden kann. Salopp ausgedrückt könnte sich das Konjunkturpaket II zum Turbo für das Erfolgsmodell ESC entwickeln und es könnten dadurch wesentlich mehr Effizienzpotentiale erschlossen werden.
Basis für diese Überlegungen ist das Berliner Original. Insgesamt 505 Liegenschaften mit knapp 1 400 Gebäuden haben das Land Berlin als Auftraggeber (koordiniert durch die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz), die Berliner Energieagentur als Projektmanager und die im Zuge von Aus- schreibungen erfolgreichen Contractoren bis heute energetisch saniert. Dabei haben sie eine Garantieeinsparung von knapp 26 Prozent gegenüber den ursprünglichen Basiskosten (Baseline) in Höhe von 49,5 Mio. Euro/Jahr jährlicher Energiekosten erzielt. Spareffekt für die öffentliche Hand: Der Berliner Landeshaushalt wird durch die Energiesparpartnerschaft um jährlich 3,2 Mio. Euro, die Umwelt um knapp 65 000 Tonnen CO2/Jahr entlastet.
Dieses Einsparergebnis resultiert daraus, dass die Erstinvestitionen in Höhe von 54,8 Mio. Euro von den Contractoren auf eigenes Risiko getätigt wurden und ihnen daher ein Großteil der garantierten jährlichen Einsparungen zufließt. Nach Ablauf der Vertragslaufzeit jedoch profitiert ausschließlich der Auftraggeber von den erzielten Einsparungen. Beteiligt sich der Auftraggeber jedoch an den Erstinvestitionen, so bekommt er auch einen größeren Anteil an den vertraglich fixierten Garantieeinsparungen.
Beim Energieeinspar-Contracting muss der Auftraggeber – im Unterschied zum Energieliefer-Contracting – nicht in bestehende Verträge mit Energieversorgern (EVU) eingreifen, die ihm Strom und Wärme zu vereinbarten Preisen liefern. Er kann es allerdings additiv dem Contractor überlassen, zum Beispiel durch Beistellung eines Blockheizkraftwerkes (BHKW) die Effizienz der Energieversorgung zu erhöhen und dadurch weitere Einspareffekte zu erzielen.
Um Energie und damit Kosten und schädliche Kohlendioxyd-Emissionen einzusparen, überträgt der Auftraggeber nach einer Ausschreibung einem privaten Dienstleister die Finanzierung, Planung, Umsetzung und Betreuung von Energiespar- maßnahmen an seinen Bauten. Dies sind in der Regel technische Anlagen wie Heizkessel, Lüftungs- und Klimaanlagen, Beleuchtung, automatisierte Temperaturregelung und/oder die gesamte Gebäude-Leittechnik.
Weil sich für einen Contractor die hohen Erstinvestitionen und der hohe Planungs- und Vorbereitungsauf- wand erst bei einem bestimmten Mindestprojektvolumen (Energiekosten-Baseline) in Höhe von 250 000 Euro Energiekosten/Jahr) wirtschaftlich darstellen lassen, sind im Berliner Modell häufig mehrere – in einem Fall sogar 73 – Liegenschaften zu so genannten Gebäudepools zusammengefasst worden. Diese Pools sind auf der Ebene der Berliner Bezirke klar voneinander abgegrenzt und fassen Gebäude mit einer möglichst einheitlichen Nutzungsstruktur zusammen.
Die Baseline-Kosten der 23 Berliner Pools bewegen sich zwischen 0,77 und 6,5 Mio. Euro/Jahr und bieten den Contractoren damit eine sichere Basis für die Projektumsetzung. In den Pools befinden sich markante Berliner Gebäude wie das Rote Rathaus, die Deutsche Oper, das Kriminalgericht Moabit, die Justizvollzugsanstalten Moabit und Tegel, die Universität der Künste (UdK) die Technische Universität Berlin oder das Vivantes Humboldt-Klinikum. Besonders hoch sind die Garantieeinsparungen im Pool, in dem – Nomen est omen – insgesamt elf Berliner Schwimmbäder zusammengefasst sind.
Mit 33,5 Prozent Garantieeinsparung (1,9 Mio. Euro/Jahr) bei einer Vertragslaufzeit von zehn Jahren und Investitionen in Höhe von rund 9,4 Mio. Euro ist dies die ertragreichste aller Berliner Energiesparpartnerschaften. Inzwischen sind Energiesparpartnerschaften nach Berliner Vorbild in vielen Kommunen realisiert worden, Schwerpunkte sind Baden-Württemberg, Hessen und Bremen. Dabei haben Contractoren ca 750 Mio. Euro investiert und realisieren jährlich rund 200 Mio. Euro) Einsparungen für die öffentliche Hand.
Gebäude-Beispiele für erfolgreiches Energiespar-Contracting (ESC) sind das Deutsche Patent- und Markenamt in München, die Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe, die Uni Bremen oder der Olympiastützpunkt Heidelberg. Zu nennen wären auch das Klinikum Bremerhaven- Reinkenheide, die Stadt Ladenburg bei Heidelberg mit rund 25 Gebäuden oder der Landkreis Lüchow- Dannenberg, wo im Rahmen von ESC ein Kesseltausch in elf Objekten vorgenommen wurde.
Dabei ist das Potential für dieses wegweisende Modell von Public-Private-Partnership noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Nach einer von der Berliner Energieagentur im Auftrag des Umweltbundesamtes vorgelegten Studie („Der Markt des Energiespar-Contracting in Deutschland“, Berlin, Oktober 2007) können jährlich rund 840 Mio. Euro (4,6 Mio t CO2) durch ESC-Maßnahmen eingespart werden, davon rund 2/3 in Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden. Auch über die Grenzen Deutschlands hinaus zieht das Modell Kreise.
Im Rahmen der EU-Projekte Eurocontract und Clearcontract sind rund 30 ESC-Projekte in West- und Osteuropa realisiert worden. Einige Schlaglichter beleuchten die Bandbreite: die Gemeinde Nyköping in Schweden hat 130 öffentliche Gebäude mit 250 000 Quadratmeter Nutzfläche in eine Energiesparpartnerschaft eingebracht und erzielt dadurch jährliche Einsparungen in Höhe von 800 000 Euro. Im tschechischen Ostrava gehören 24 Gebäude eines Eisenbahn-Depots seit April 2004 zu einem ESC-Projekt. Jährliche Einsparung hier: satte 43 Prozent.
Und die Gemeinde Sørum in Norwegen hat das Energiemanagement für 16 öffentliche Gebäude (Schule, Krankenhaus, Rathaus, Kindergarten etc.) ausgelagert und durch einen Contractor nicht nur die Heizungs- und Belüftungsanlagen modernisieren und eine zentrale Steuerungseinheit installieren lassen. In diesem Fall umfasst das Contracting auch Investitionen in den Gebäudekörper. Mit einer jährlichen Energiekosten-Einsparung von 108 000 Euro beweist die Gemeinde, dass sich auch eine so genannte Energiesparpartnerschaft Plus rechnet.
Inzwischen sind auch außerhalb Europas mit Hilfe der Berliner Energieagentur ESC-Maßnahmen unter Dach und Fach gebracht worden. In Südamerika gilt Chile als Vorreiter, dort wurde in der Hauptstadt Santiago in einem 600-Betten-Krankenhaus ein Pilotprojekt gestartet. Aber auch Indien meldet Interesse, ESC-Projekte zu implementieren und damit im Rahmen des internationalen Emissionshandels einen Beitrag zur Kohlendioxyd- Reduzierung zu leisten. So wird im indischen Bundesstaat Tamil-Nadu modellhaft in einem Guesthouse- Objekt modellhaft eine ESC mit Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung (KWKK) umgesetzt.
Was vor zwölf Jahren also als viel beachtetes Experiment in Berlin begann, ist inzwischen zu einem in der Praxis bewährten Instrument geworden, die öffentlichen Haushalte erheblich zu entlasten und einen wirkungs- vollen Beitrag zur CO2-Minimierung zu leisten. Energiesparpartnerschaften – das beweisen nicht zuletzt die europäischen und außer-europäischen Erfahrungen - funktionieren unter ganz unterschiedlichen geografischen, klimatischen und kulturellen Rahmenbedingungen.
Bedingung für das Funktionieren ist immer das wirtschaftliche Potential, eine ordnungsgemäßes Vergabeverfahren und eine funktionierende Public-Private- Partnerschaft. Wichtig ist auch ein professionelles Projektmanagement, das über das nötige Know-How verfügt, um Ausschreibungen initiieren und eingereichte Unterlagen bewerten zu können. Außerdem ist gerade in der Startphase eine intensive Begleitung durch einen erfahrenen Projektmanager notwendig.
Unter diesen Voraussetzungen ist Energieeinspar-Contracting tatsächlich ein universell anwendbares Instrument. Durch das Konjunkturpaket II bietet sich die Chance, die oben aufgezeigten erheblichen Einsparpotentiale rascher als bisher zu erschließen. Außerdem gibt es jetzt noch bessere Möglichkeiten, „Energiesparpartnerschaften Plus“ auf den Weg zu bringen, die besonders kostenintensive Investitionen in die Gebäudehülle mit einschließen. Bisher wurden solche Modelle in der Praxis noch nicht umgesetzt, weil der öffentlichen Hand schlicht und einfach die finanziellen Mittel fehlten oder die Laufzeiten der Verträge zu lang waren.
Wenn die Kommunen jedoch bei den Investitionen in die Gebäudehülle mit Zuschüssen in Vorleistung treten können, ist das Modell „ESP Plus“ auf jeden Fall anwendbar. In Berlin ist exemplarisch am Beispiel eines aus 30 Gebäuden bestehenden Polizeiverwaltungskomplexes, der sich in der Verwaltung der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) befindet, evaluiert worden, wie sich eine Komplettsanierung wirtschaftlich darstellen lässt. Dabei können über 55 Prozent der Heizkosten eingespart werden.
Gegenüber einer selbst von der Kommune bei Baufirmen in Auftrag gegebenen energetischen Sanierung der Gebäudehülle hat das „ESP Plus“ deutliche Vorteile.
So führt der Contractor als Energiedienstleister eine integrierte Gesamtbetrachtung für das gesamte Gebäu- de durch und stimmt Wärmedämmung und Anlagetechnik optimal aufeinander ab. In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass ein Heizkessel exakt die richtige Dimension hat, um ein gedämmtes Gebäude ausreichend mit Wärme zu versorgen.
Vorteilhaft für den Auftraggeber ist weiterhin, dass der Contractor eine vertraglich fixierte Performance- Garantie für die Energieeinsparung abgibt, die jederzeit justiziabel ist. Derartige Garantien können Baufirmen bei einer rein energetischen Sanierung der Gebäudehülle nicht abgeben. Ein Contractor dagegen trägt für die Umsetzung der Einsparmaßnahmen die Gesamtverantwortung und es liegt in seinem Interesse, das Gebäude in einem energetisch optimierten Betrieb zu fahren.
Die Chancen für die öffentliche Hand, durch Mittel aus dem Konjunkturpaket II in Verbindung mit Energiespar-Contracting die Energiebilanz ihrer Gebäude entscheidend zu verbessern, sind also groß. Der Gesetzgeber seinerseits könnte hier einen weiteren Anstoß liefern. So sollte das derzeit in der Abstimmung zwischen Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium befindliche Energie-Effizienzgesetz bei öffentlichen Gebäuden zumindest eine Prüfpflicht auf Umsetzbarkeit von Energiespar-Contracting festschreiben. Der Bedarf ist alle- mal vorhanden: Von rund 200 000 öffentlichen Gebäude kommt rund ein Viertel für eine energie- und klima- schonende Energiespar-Partnerschaft in Frage.
Literatur:
Contracting-Leitfaden für öffentliche Liegenschaften. Hg.: Hessisches Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz.
Energiespar-Contracting als Beitrag zu Klimaschutz und Kostensenkung. Hg.: Bundesumweltamt
Kontakt:
Michael Geißler, Berliner Energieagentur GmbH
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