Titel
Die Integration ist schon weit gekommen, muss aber noch weitergehen„Ali!“, lauten die Schreie im eingekesselten Hinterhof in Berlin-Nord-Neukölln unweit der bundesweit berüchtigten Rütli-Schule, wo die Lehrer 2006 sich in einem gemeinsamen Brief an den Berliner Senat wandten mit der Aufforderung, die Schule aufzulösen wegen der zunehmenden Gewalt. Ali ist der Führer der vierköpfigen nichtdeutschstämmigen Jugendgang, weil er der frechste ist. Die anderen drei wollen die Aufmerksamkeit von Ali, deswegen wird immer wieder sein Namen gerufen.
Dem „Pack“ gehört der Innenhof – jedenfalls die Hälfte, die zu ihrem Mietshaus gehört. Bei Plusgraden verbringen sie ihre gesamte Freizei hier. Die „Gang“ unterhält sich in schlechtem Deutsch, hier und da garniert mit einem „yalla“. Die bevorzugte Beschäftigung sind die bis zu fünf Fahrräder, die die Einwohner hier abstellen. An einigen Tagen machen sich die Halbwüchsigen mit Werkzeug an die Räder ran – sie werden zerteilt und die Teile liegen nachher als Müll herum. Es ist aber nicht der einzige Müll – denn die Einwohner pflegen ihre alten und abgenutzten Möbel gleich hier zu entsorgen, eine leicht zugängliche Müllkippe. Möbel und Fahrradteile machen es aber nicht alleine, ein riesiger alten Pizzaofen ist hier auch mit entsorgt worden, wie und woher der Ofen kommt, weiß keiner. Dazu kommen die Scherben der zertrümmerten Treppenhausfenster – ein zerbrochenes Fenster markiert meist das Ende einer Tagesarbeit für Alis „Gang“.
Übermut zeichnet die vier aus: Ali lässt sich von zwei Jungs über den Zaun helfen, während der letzte Wache schiebt, zertrümmert Ali mit Werkzeug lustvoll zwei der Räder der Nachbarn. Sich durch Einwohner im eigenen Haus stören lassen sich die vier nicht. Auch durch den Wachbeauftragten nicht, offenbar denken die Jungs, dass sie leicht mit einem erwachsenen Mann fertig werden. In Wahrheit könnte nur ein Mann die Jungs zügeln, nur tut es keiner. Eine Einwohnerin, deren Fahrrad von Ali und Co. erst zerlegt wurde und auf dem am anderen Tag die Jungs so lange herumhüpften, dass sich ein Wiederaufbau nicht mehr lohnte, will nicht zur Polizei gehen oder versuchen, die unsichtbaren Eltern der Jungs zur Verantwortung zu ziehen. Bloß nicht einmischen, scheint die Devise. Die Studentin, die unbekannt bleiben will, meint: „Ich werde hier ja nicht lange wohnen bleiben.“
Verantwortung will hier keiner übernehmen, am wenigsten die Eltern der „Kiddygang“. Noch verursachen die Jungs nur Sachschaden und haben ein kleinkriminelles Benehmen. Ob das so bleiben wird, weiß keiner. Teilhabe wird in diesem Milieu klein geschrieben.
Es geht nicht nur um Ausländer, es geht um alle
Aber genau Teilhabe ist es, was Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) für künftige Integration fordert. Er betonte auf dem Ideenkonferenz der Berliner SPD Ende März, dass es nicht nur um Ausländer gehe, sondern um alle. Nicht genug damit: Wowereit fragt immer wieder, „ob man wirklich glaube, dass die Eltern nicht das Beste für Ihre Kinder wollen“. Vielleicht wollen die Eltern der Ali-Gang nur das Beste für ihre Kinder, aber die menschlichen und wohl auch die ökonomischen Ressourcen sind eindeutig nicht vorhanden. Wowereit ist sich bewusst über dieses Problem, denn er betont, dass „Integration auch ein soziales Problem ist“. Es wundert nicht, dass Wowereit immer wieder der Bundesregierung vorwirft, Integration nicht ernst zu nehmen. Denn schließlich ist es eine kostspielige Frage, eine ganze soziale (Unter-)Schicht zur Teilhabe zu bringen.
Bewegt man sich raus aus dem Nordneuköllner Innenhof, zeigt die Straße ebenfalls einen tristen Eindruck. Möbel, alte Kühlschränke und Wrackteile von Rechnern liegen herum, aber vor allem der Hundekot ist hier wirklich integriert im Straßenbild. Zwar wird ab und zu die Straße gesäubert, aber am nächsten Tag ist schon wieder für Nachschub gesorgt. Rund einen halben Kilometer davon liegt das Neuköllner Rathaus, hier arbeiten täglich kurz vor acht Uhr morgens die Straßenkehrer fleißig, um den Rathausplatz sauber zu halten. Kein Wunder, dass hier täglich Reinigung angesagt ist, denn jeden Nachmittag, wenn die Temperatur angenehme Plusgrade anzeigt, wimmelt es hier nur so von Leuten. Die Jüngeren besetzen die Treppen vor dem Rathaus oft mit Bierflaschen und Mischlingshunden, einige haben Wunden in Gesicht, einige humpeln am Stock, auf den Bänken sitzen meist Rentner türkischer Herkunft, die Rollstühle bilden fast eine kleine Insel für sich, daneben junge Türken, deren Uniform Bomberjacken und Ami-Baseball-Slapperhosen zu sein scheinen; ein Kampfhund als Accessoire ist wohl die Regel. Schräg und bunt wie auf einem Jahrmarkt geht es hier zu. Ein Wunder ist es nicht, wie aus Journalistenkreisen verlautet, dass Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) ungern auf den Rathausplatz geht, um sich einem Fotoshooting zu stellen.
Buschkowsky hat dieses Jahr den parteieigenen Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bekommen für „den besonderen Einsatz, unsere Gesellschaft zu würdigen und zu ehren“. Buschkowsky hat als langjähriger Bürgermeister und oft volksnah formulierender Kümmerer besonderen Einsatz gezeigt, aber den Weg zu echter Integration und vor allem Teilhabe in Nordneukölln kann ein engagierter Kommunalpolitiker allein nicht weisen.