Wie das Wasser im Ruhrgebiet wieder blau wird
Die Rückkehr des Flusses„Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“: Das war die Vision des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt 1961 über den Schwerindustrie- und Bergbaustandort Ruhrgebiet. Da hatte die Kohlekrise gerade erst begonnen.Die größte Industrieregion, die im 19. Jahrhundert an der Ruhr auf spärlich besiedelten Ackerland gewachsen war, befand sich erst am Anfang eines weiteren, schweren Umbruchs.
Der Strukturwandel, der den Ballungsraum Ruhrgebiet mit über fünf Millionen Menschen betrifft, zeigt sich heute nicht nur am blauen Himmel, sondern auch in der Natur und Pflanzenwelt, die sich auf stillgelegten Zechenanlagen allmählich ihr Land zurückerobert. Mit der Renaturierung der einstigen Kloake Emscher, deren Wasser zum Rhein und von dort in die Nordsee gelangt, soll bis 2020 auch wieder sauberes Wasser durch die Ruhrgebietsstädte fließen, das einst mit der Industrialisierung und der Nutzung des Flusses als Abwasserkanal verschwunden ist.
Ein stinkender Ruf
Seit der Wende zum 20. Jahrhundert hatte die Emscher eine schwere Last zu tragen: Sie war die Abwasserleitung des Reviers, die sich samt Nebenflüssen durch das Stadtgebiet von Holzwickede bei Unna, durch Dortmund über Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herten, Herne, Bochum, Gelsenkirchen, Gladbeck, Essen, Bottrop, Oberhausen, Duisburg bis nach Dinslaken zog. Noch heute hat der Fluss mit seinen künstlich kanalisierten Zuflüssen, die der Volksmund bald wenig liebevoll „Köttelbecke“ nannte, einen wahrhaftstinkigen Ruf. Und das nicht ohne Grund: Denn schließlich wurde über die von Menschenhand gezähmte und begradigte Emscher all der Dreck der Industriegesellschaft transportiert. Ein System, das von der Emschergenossenschaft betrieben, bis heute technisch funktionieren würde.
Doch 1991 entschied die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, aus der stinkenden Kloake wieder einen Fluss zu machen. Das Abwasser des Ruhrgebiets hingegen sollte künftig in einem riesigen Kanalsystem unterirdisch abgeleitet werden. Bis 2020 soll kein Dreck mehr in das Oberflächenwasser gelangen, der Fluss keine Abwässer mehr aufnehmen. 4,4 Milliarden Euro wird das kosten. Wenige Jahre zuvor wäre ein unterirdischer Ablauf noch an Bergsenkungen gescheitert, die durch den Bergbau entstanden sind. Die Emschergenos- senschaft spricht von dem modernsten Abwassersystem der Welt.
Biotop für Mensch und Natur
Seit der Grundsatzentscheidung in den neunziger Jahren wird das über 200 Kilometer lange unterirdische Kanalsystem gebaut. Biotope und Wegenetze für Fahrräder und Fußgänger in der Natur entstehen, Tiere und Pflanzen siedeln sich an, wo zuvor Klopapier durch die Rinnen schwamm. Zusätzlich wird der Fluss aus seinem verengten Kanalkorsett geschält und wieder in einen natürlichen Lauf verwandelt, ebenso wie Zuläufe und Nebenflüsse.
2007 führte die Emscher das erste Mal seit 100 Jahren auf den ersten zehn Kilometern wieder sauberes Wasser, 2009 waren über 200 km unterirdischer Abwasserkanäle rund um die Nebengewässer verlegt. Das Einzugsgebiet des riesigen Infrastrukturprojektes umfasst 430 Quadratkilometer, 160 davon sind versiegelt.
Die Emscherregion ist das dicht besiedelste Flussgebiet Nordrhein-Westfalens. Hier leben zehn mal so viele Einwohner pro Quadratkilometer wie am Rhein und doppelt so viele wie an der Wupper.
Modernste Abwassertechnik
Der unterirdische Abwasserlauf für 1,8 Millionen Menschen, Gewerbe und Industrie wird mit Stahlbetonrohren in acht bis 40 Metern Tiefe parallel zum oberirdischen Fluss mit einem Gefälle von 1,5 Prozent verlegt. Der Kanal beginnt unter der Kläranlage in Dortmund-Deusen und führt das Wasser als Hauptsammelkanal 51 km bis zum Klärwerk Emschermündung in Dinslaken. Da die Rohre nach 51 km in 80 Metern Tiefe enden würden, wird das Wasser in drei Pumpwerken und vor den Kläranlagen in Bottrop und Dinslaken hochgehoben. Die Pumpwerke dienen später als begehbare Schächte auch zur Lüftung und zum Einsatz der Inspektionstechnik, die durch Roboter in die ständig bewässerten Rohrleitungen eingeführt werden können. Mindestens hundert Jahre soll der Emscherkanal nach seiner Fertigstellung 2020 genutzt werden.
Dann, nach drei Jahrzehnten des Umbaus, soll das Ruhrgebiet ein Stück lebenswerter sein. Landesregierung und Kommunen erhoffen sich auch für die Zukunft viel von ihrem Fluss. Die renaturierte Emscher soll die Städte aufwerten, die Lebensqualität erhöhen und attraktive Standorte schaffen für neue Wirtschaftsunternehmen, die das Ruhrgebiet braucht, um sich als Metropolregion in Deutschland und Europa zu behaupten. Für 2010 und 2011 verliehen die Naturfreunde und der Deutsche Anglerverband der Emscher nun erst einmal den Titel „Flusslandschaft des Jahres“. Wer hätte der Köttelbecke das zugetraut.