Welche Bürgermeister werden gebraucht – und welche gewählt?
Die Zeit der Kumpeltypen ist vorbeiDer Anspruch, den viele Experten an die Fähigkeiten des Bürgermeisters stellen, ist hoch und läuft meist auf die „eierlegende Wollmilchsau“ hinaus. Lassen wir die wissenschaftlichen Kompetenzmodelle einmal beiseite und konzentrieren uns auf den Strauß von Eigenschaften, die erfahrene Bürgermeister selbst als wichtig erachten.
Was Bürgermeister an allererster Stelle brauchen, ist Glaubwürdigkeit. Mit der persönlichen Integrität des Bürgermeisters steht und fällt seine Akzeptanz in der Bürgerschaft. Das belegt eine aktuelle Umfrage, in der die Forschungsgruppe Wahlen in unserem Auftrag knapp zehn Prozent der deutschen Bürgermeister zu ihren Einschätzungen rund um ihren Beruf befragt hat.
Wir wissen zudem, dass der Erfolg im Bürgermeisteramt vor allem auf Führungskompetenzen baut. Führungsfähigkeit hat zwei Komponenten, die sich nur scheinbar widersprechen: einmal Durchsetzungsfähigkeit, um Ziele zu erreichen und Projekte umzusetzen. Zum anderen Bürgernähe bzw. die Bereitschaft zur Beteiligung der Bürger, denn ohne die relevanten Akteure einzubinden und gesellschaftliche Kräfte zu bündeln, können keine noch so sinnvollen gesamtstädtischen Entwicklungsziele erreicht werden. Daher ist ein erfolgreicher Bürgermeister auch immer ein geschickter Netzwerker und Moderator zwischen den vielen Akteuren und Interessengruppen.
Bürgermeister müssen nicht alles können, geschweige alles selber tun. Entscheidend ist die soziale Fähigkeit, zwischen Akteuren mit verschiedenen Interessen Brücken zu bauen und sie zu weitgehend einheitlicher Problemwahrnehmung und möglichst auch zu gemeinsamer Problemlösung zusammenzuführen („Stakeholder Management“). Um in einer vernetzten, immer komplexeren Gesellschaft die Kultur einer kommunalen Verantwortungsgemeinschaft zu verankern, ist das die zentrale Fähigkeit eines Bürgermeisters.
Bei all den Anforderungen – Orientierung geben, Werte vermitteln, auf Augenhöhe kommunizieren und Strategien durchsetzen – beschleicht uns leichtes Unbehagen, wenn wir an den unberechenbaren Wähler denken: Ist der wirklich so schlau, dass er – von lokalen Sonderfällen abgesehen – diese Qualitäten wählt?
Die Sorge, dass die Bürger statt des Kompetenteren den beliebteren und besseren (Selbst-)Darsteller wählen, ist unbegründet. Auch das lässt sich belegen: Umfragen zeigen, dass eher nicht die Kumpeltypen gewählt werden, sondern Menschen, denen die Leute langfristig vertrauen. So hat die Forschungsgruppe Wahlen im Rahmen unserer Bürgermeisterstudie auch die Bevölkerung nach gewünschten Eigen-schaften von Bürgermeistern befragt: Priorisiert wurde das, was auch die Bürgermeister von sich selbst verlangen: Glaubwürdigkeit, direkt danach Durchsetzungsfähigkeit und Bürgernähe.
Heißes Herz und klare Kante
Repräsentativstudien zeigen immer wieder, dass starke Führung in der Demokratie befürwortet wird. 82 Prozent der Deutschen meinen, dass Demokratie auf Dauer nur möglich ist, wenn wir starke politische Führung haben. Und das Wort von Franz Müntefering „Heißes Herz und klare Kante ist besser als Hose voll!“ gilt auch für Kommunalpolitik.
Spätestens seit der bundesweiten Einführung der Einheitsspitze stellen wir fest, dass die Zeiten der Kumpeltypen vorbei sind. 1999, nach Einführung der Einheitsspitze in Nordrhein-Westfalen, waren knapp zehn Prozent der damaligen Wahlsieger zuvor als ehrenamtliche Bürgermeister tätig. Eben weil sie bekannter und beliebter waren als die oft sachkundigeren Stadtdirektoren.
Nun, fast zehn Jahre später, hat sich das Modell „Grüß-August“ endgültig verabschiedet. Beliebt zu sein, schadet sicher nicht, insbesondere in den Landgemeinden, aber dies allein reicht nicht aus, die Menschen verlangen mehr. Persönlichkeiten wie Rolf Böhme oder Joachim Erwin waren sicher nicht als Sympathieträger bekannt, dennoch hatten sie bei der lokalen Bevölkerung einen guten Stand, weil man ihnen zutraute, den Tanker Großstadt aufgrund ihrer Orientierung, klaren Haltung und Durchsetzungskraft sicher zu steuern.
An ganz anderer Stelle wird klar, was passieren kann, wenn man auf Kumpeltypen setzt: Sarah Palin wurde zunächst als die Hockey-Mom, als „eine von uns“ gefeiert. Kurze Zeit später fiel sie auch bei den eigenen Leuten in Ungnade, weil ihre fehlende Integrität und Kompetenzmängel offensichtlich wurden. Palin, ursprünglich strahlende Symphatieträgerin, weckt kein Zutrauen. Was lehrt uns das? Seid mutig, steht zu euren Zielen, verbiegt euch nicht, hängt das Fähnchen nicht in den Wind, geht in den Dialog mit den Bürgern und führt. Wer es allen recht machen will, tut dem Gemeinwesen keinen Gefallen und verliert. Wer führen will, gewinnt.
andreas.osner@bertels-mann.de, www.bertelsmann-stiftung.de