Die mittelalterlichen Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erfuhren zu Beginn des 13.Jahrhunderts einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Daraus entwickelten auch die Bewohner ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein. Adel und geistliche Eliten förderten diese Selbstständigkeit, um sie auch in ihrem Sinne nutzen zu können. Besonders um die zentralen Marktplätze ließen sich reiche Kaufleute nieder, deren luxuriöser Lebensstil sich dem des Adels mehr und mehr anglich.
In Magdeburg, eine der wichtigsten Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wurde im Jahr 1209 der Grundstein für den Wiederaufbau des zwei Jahre zuvor einer Feuersbrunst zum Opfer gefallenen ottonischen Domes gelegt. Diese Zeitenwende und das runde Jubiläum des Dombaus nimmt das Kulturhistorische Museum Magdeburg zum Anlass für eine große Landesausstellung unter dem Titel „Aufbruch in die Gotik. Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit“, die am 31. August feierlich eröffnet wurde und bis zum 6. Dezember läuft. Die Schirmherrschaft über die Ausstellung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert übernommen.
200 Austellungsobjekte auf 1000 Quadratmetern
Nicht nur für ihn ist der Magdeburger Dom das nationale Symbol für den Beginn der Gotik in Deutschland schlechthin. Tatsächlich ist er das erste im neuen, aus Frankreich stammenden Baustil Sakralbau auf dem damaligen Reichsgebiet. Steingewordenes Symbol gesellschaftlichen Wandels an der Schwelle vom 12. zum 13. Jahrhundert.
Auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche thematisieren die Ausstellungsmacher um Museumsleiter Matthias Puhle anhand von rund 200 Objekten, darunter wertvolle Goldschmiedearbeiten, kostbare Handschriften und Skulpturen, diese Aufbruchzeit zu Beginn des 13. Jahrhunderts.
Die Ausstellung ist reich an Höhepunkten. Gezeigt wird unter anderem die älteste noch erhaltene Handschrift des ersten Prosawerkes in deutscher Sprache, des „Sachsenspiegels“. Dieses berühmteste Rechtshandbuch des Mittelalters wurde vom Ritter Eike von Repgow in der Zeit zwischen 1220 und 1235 auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt verfasst. In einigen deutschen Gegenden wurde bis um 1900 herum auf Basis des Sachsen-Spiegels Recht gesprochen.
Original des Magdeburger Reiters zu sehen
Die gezeigte Handschrift ist eine Leihgabe der Universitätsbibliothek Heidelberg und wird erstmals seit 12 Jahren wieder öffentlich ausgestellt. Zu sehen wird auch das Original des Magdeburger Reiters sein. Er stellt Kaiser Otto I. Dar, entstand in der Magdeburger Dombauhütte und gilt heute als ältestes frei stehendes Reiterstandbild der Welt. An seinem ursprünglichen Standort vor dem Magdeburger Rathaus steht heute eine Kopie.
„Das Interesse an unserem Projekt ist enorm“, sagt Claus-Peter Haase, Projektleiter der Ausstellung. „Aber das ist eigentlich auch verständlich, denn eine große Ausstellung, die sich dieser gesellschaftlichen Umbruchphase im 13. Jahrhundert gewidmet hätte, gab es unerklärlicherweise bislang noch nicht.“
Nur rund 100 Meter vom Ausstellungsgebäude entfernt liegt der Jubiläumsbau, in dem noch bis Ende des Jahres eine umfangreiche Grabungskamapgne läuft, die neue Aufschlüsse über die Geschichte des gotischen Doms und seines ottonischen Vorgängerbaus geben soll. Bei diesen Grabungen ist auch der Jahrhunderte lang verschollen geglaubte Bleisarg Königin Edithas gefunden worden. Sie war erste Frau Königs Otto I., dem Begründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Stifter des Doms und des dazu gehörenden Erzbistums. Dieser Sarg sowie andere Funde der Grabungen sind weitere Höhepunkte der Ausstellung, die von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet wird. Otto hatte die Stadt Magdeburg seiner Gemahlin zur Morgengabe gemacht.
Magdeburg: wichtiges Zentrum des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation
Magdeburg war neben Aachen und Rom das wichtigste Zentrum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Von hier aus trat der neue Baustil der Gotik, der architektonisch auch den gesellschaftlichen Wandel in den Städten mit einem zunehmend bedeutsamen und erstarkenden Bürgertum symbolisierte, seinen Siegeszug durch das gesamte Reich an. Anschaulich wird das im nur wenige Kilometer von Magdeburg entfernt liegenden Tangerhütte. Die Beschaulichkeit dieses Städtchens lässt heute nur schwer seine einstige Bedeutung als Hansestadt erahnen.
Andererseits ist hier ein komplettes Altstadtbild im gotischen Stil erhalten geblieben. Nur errichtet in anderen Baumaterialien. Während der Magdeburger Dom mit Steinen aus dem Elbsandsteingebirge errichtet wurde, stand den Altmärkern dieses Material angesichts einer fehlenden schiffbaren Anbindung an dieses Gebirge nicht zur Verfügung. Wie schon zuvor in der Zeit der Romanik wussten die Bürger von Tangerhütte sich zu helfen. Sie griffen einfach auf die Baumaterialien vor ihren Stadttoren zurück. Und so kann man heute in Tangerhütte in einem geschlossenen Stadtensemble quasi steinnah nachvollziehen, was unter dem Begriff „Backsteingotik“ zu verstehen ist.
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