Deutschland ist im Internet begehbar, zum Teil jedenfalls. Seit November 2010 sind mit Google Street View virtuelle Spaziergänge in 20 deutschen Großstädten möglich. Wer nicht möchte, dass sein Haus bei dem Dienst zu sehen ist, kann Einspruch einlegen und es unkenntlich machen lassen. Bis zum deutschen Start von Street View haben das rund 2,9 Prozent der 8,5 Millionen Haushalte in den betroffenen Großstädten getan.
So weit will es der kleine Ort Parum bei Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht erst kommen lassen. Gemeinsam wollen die 70 Einwohner verhindern, dass ihr Dorf künftig im Internet zu sehen ist. Wilhelm Meier, der Initiator der Aktion, misstraut dem Unternehmen Google zutiefst und befürchtet „haufenweise Missbrauchsmöglichkeiten von einer Art, die jetzt noch gar nicht absehbar sind.“ Die Fantasie von Kriminellen sei immer größer als die der Bürger, sagt er. Er will, dass Parum ein Ort bleibt, „den es für Google nicht gibt.“
Dabei ist laut Google bisher nicht geplant, dass Parum überhaupt abgebildet werden soll. Ob der Dienst in Deutschland flächendeckend ausgebaut wird, steht noch gar nicht fest, auch wenn Google es nicht ausschließt.
Datenschutz hat Vorrang in Parum
Die Bürger von Parum wollen diese Entscheidung nicht dem Unternehmen überlassen. Ihr Ziel sei nicht, dass ihr Ort von der Landkarte verschwinde, stellt Wilhelm Meier klar. Aber der Datenschutz habe bei einzelnen Gebäuden und Personen Vorrang. Gemeinsam haben sie sich deshalb schon mit einem Brief an den Bundesbeauftragten für Datenschutz Peter Schaar gewand. Der hat sie jedoch zurück an Google verwiesen, mit Hinweis auf das Widerspruchsrecht eines jeden Einzelnen. „Als großer Vermittler der Gebrauchsanweisung von Google“, wie Wilhelm Meier enttäuscht betont.
Geht es nach den Parumern, dann wären die Fahrzeuge von Google erst gar nicht durch das Dorf gefahren, um Straßen und Gebäude zu fotografieren. Da sie das aber wohl schon getan haben, werden alle Bewohner des Dorfes ihre Häuser unkenntlich machen lassen. Momentan sammelt Wilhelm Meier die nötigen Unterschriften, um das ganze Dorf auf einen Schlag verpixeln zu lassen. Von Parum wären dann maximal die Straßen im Netz zu begehen.
Gut für den Tourismus in Oberstaufen
Diese Art von Skepsis können sie in Oberstaufen im Allgäu nicht nachvollziehen. Die kleine Gemeinde mit 7 200 Einwohnern sollte ähnlich wie Parum eigentlich noch keine besondere Rolle in den Planungen von Google spielen. Aber auch hier wollte man die Entscheidung, ob und wann Google Street View das Dorf abbildet, nicht allein dem Unternehmen überlassen. Der Grund: Oberstaufen lebt vom Tourismus.
„Aus touristischer Sicht ist es nur zu begrüßen, wenn man überall in der Welt einen virtuellen Spaziergang durch Oberstaufen machen kann", sagt der Oberstaufener Bürgermeister Walter Grath. In Google Street View haben die Oberstaufener schon früh eine große Chance gesehen und sich intensiv um den Dienst beworben. Mit dem Bild einer großen Street View Torte und den Worten „Willkommen in Oberstaufen“ luden die Oberstaufener Google via Facebook direkt ein, in ihren Ort zu kommen. Und der Plan ging auf, das Unternehmen ist der Einladung gefolgt. Anfang November war das kleine Oberstaufen der erste Ort in Deutschland, der über Street View virtuell begehbar war, noch vor den Großstädten Berlin, Hamburg und München.
Spontane Sympathiebekundungen
Die meisten der Oberstaufener Bürger haben die Aktion mitgetragen. Konkrete Einwände habe es nicht gegeben, nur 16 Hausbesitzer wollten ihre Grundstücke aus privaten Gründen unkenntlich machen lassen, sagt Bürgermeister Grath. Gute Werbung war die Aktion für die Stadt sowieso. „Nicht nur die Resonanz in den Medien war überwältigend.
Auch die Reaktion unserer Stammgäste“, erklärt die Tourismus-Chefin des Kurortes Bianca Keybach. Viele äußerten sich in Mails und am Telefon richtiggehend stolz auf ihren Urlaubsort. „Wir hatten auch spontan Rückmeldungen von Menschen, die unseren Ort nicht kannten, aber nach einem virtuellen Rundgang nun nach Oberstaufen kommen wollen.“