20 Jahre Deutsche Einheit
Hoyerswerda gibt sich nicht aufSeit 1972 sterben mehr Deutsche, als neu geboren werden. Selbst die Zuwanderung gleicht seit 2003 das Defizit nicht mehr aus. Doch dieser Bevölkerungsschwund äußert sich regional unterschiedlich. Am stärksten ist eine Stadt betroffen, die bis 1990 als jüngste der DDR galt: Hoyerswerda in Sachsen. Nirgendwo gab es prozentual mehr Kinder, der Altersschnitt lag bei 27 Jahren. Fast 72 000 Menschen lebten hier, Produktionsarbeiter und Wissenschaftler, Künstler und Verkäuferinnen. Man war sozial gut durchmischt in den Plattenbauten, die als sozialistische Modellarchitektur galten, gleichwohl ihr uniformes Bild heute mehr denn je Tristesse ausstrahlt.
Die „Platte“ wurde praktisch hier erfunden. Man teilte die Siedlungen in Wohnkomplexe ein, von denen jeder alles hatte, was es für den Alltag so brauchte: Kindergarten, Schule, Kaufhalle, Post, Ladenzeilen, Kultur. Es war keine schöne Stadt, aber eine ohne Zäune, eine voller Sackgassen, in denen die Kinder ungefährdet toben konnten. Längst ist viel davon Geschichte. 150 000 Jobs verlor die Region nach der Einheit. Die Arbeitslosenquote stieg auf 23,5 Prozent. Das Gros der Bewohner war ab Ende der 1950er- Jahre zugezogen, als vor den Toren des 1268 erstmals erwähnten Städtchens Hoyerswerda das Kombinat „Schwarze Pumpe“ entstand – Europas größter Braunkohlenveredlungsbetrieb. Er versorgte die ganze DDR mit Stadtgas.
Weniger Einwohner, weniger Wohnungen
Vor allem die Jüngeren, Beweglicheren verließen die nun schnell schrumpfende Kommune, die bis 2008 noch kreisfrei war. Fast die Hälfte der Einwohner suchte seit 1990 das Weite. Und das Ende ist noch nicht erreicht. 2020 sind laut Prognosen gut 25 000 Menschen übrig, die meisten dann deutlich jenseits der 50. Die Konsequenzen für die Infrastruktur liegen auf der Hand. Bisher wurden rund 6 500 Wohnungen zurückgebaut, weitere 3 500 sollen folgen. Schon jede vierte Wohnung ist weg.
Es sei schwer gewesen, Visionen für all das zu entwickeln, erinnert sich Margitta Faßl, Chefin der städtischen Wohnungsgesellschaft. Es habe ja auch keine Rezepte dafür gegeben. Niemand hätte ihnen sagen können, wie man einen solchen Prozess angeht, steuert, gestaltet. Heute ist Hoyerswerda nun selbst das bundesweite Pilotprojekt dafür, wie man eine Stadt großflächig verkleinert, ohne dass daraus ein Schweizer Käse entsteht. Nun gehe man halt systematisch vor, erzählt sie: von außen nach innen. Von den zwölf Millionen Euro für Investitionen, die das Unternehmen 2008 einsetzte, flossen 1,7 Millionen in jenen Rückbau.
Es herrscht keine düstere Stimmung
Doch die düstere Stimmung, die man Hoyerswerda gern andichtet, stimmt so nicht. Das Leben ist farbiger und freudbetonter, als man es aus der Ferne wahrhaben will. Auch Sozialwissenschaftler wie Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erwarten, dass sich die Abwanderung nicht im bisherigen Maße fortsetzt. Die Einwohnerzahl werde sich eher bald „auf niedrigem Niveau stabilisieren“.
Optimismus verbreitet naturgemäß auch OB Stefan Skora (CDU). „Wir bauen mit dem Rückbau eine neue Stadt auf“, ist der von der SPD mitgetragene Rathauschef sicher. Als früherer Baubürgermeister brachte er bereits 2003 ein „integriertes Stadtentwicklungskonzept“ auf den Weg, beendete so den zunächst wenig planvollen Abriss.
Die Menschen rücken zusammen
Die drohende Agonie lässt die Leute zusammenrücken, gebiert neuen (Über-)Lebenswillen. Gern singt man Zeilen des legendären, früh verstorbenen Kohlebaggerfahrers und Liedermachers Gerhard Gundermann: „Hoy Woy, dir sind wir treu. Du blasse Blume auf Sand. Heiß, laut, starr, dicht und verbaut, du schönste Stadt hier im Land.“ So gründeten unter Skoras Leitung Akteure aus Stadt, Schulen, freien Trägern, Wirtschaft und Kultur eine lokale Verantwortungsgemeinschaft. Eine Koordinierungsstelle „Fit fürs Leben“ fügt deren Aktivitäten und Bausteine zusammen. Geleitet wird sie von der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) Hoyerswerda/Ostsachsen e.V.
Deren Geschäftsführerin Evelyn Scholz verweist nicht ohne Genugtuung auf Studien der Sozialforschungsstelle Dortmund und der Freudenbergstiftung Weinheim, wonach sich gerade Hoyerswerda für das Feld „Kompetenzentwicklung“ besonders eigne. Einerseits bestehe durch die schwierige Ausgangslage hoher Handlungsbedarf, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, andererseits existiere nach wie vor eine bereite Landschaft von Angeboten und Trägern.
Die Region wird zu einer der schönsten Deutschlands
Auch ortsansässige Unternehmer sehen viel Zukunftspotential in Hoyerswerda. Der junge Webdesigner Henry Kuhtz etwa erwartet, dass sich die Region durch die Flutung der Ex-Tagebaue im Umland „zu einer der schönsten in Deutschland entwickelt“. Auch Eventmanager Thomas Schülke sieht die Stadt als künftige „Perle der Lausitz“. Unlängst gab er eine Broschüre „Sommer im Lausitzer Seenland“ heraus.
Hoyerswerdas Altstadt ist längst wieder schön. In kopfsteingepflasterten Gassen treffen sich die Leute, auch junge. Es gibt ein Renaissanceschloss, in dem gar Napoleon nächtigte, und ein fast siebenhundertjähriges Rathaus am historischen Markt. Unweit von hier machte 1927 Konrad Zuse sein Abitur, der Erfinder des Computers. Auch der Zoo zieht sich wie eine grüne Lunge durchs Zentrum.
Mehr Intimität erhält auch die Neustadt. An den vierspurigen Straßen, die auf die Wohnviertel zuführen, werden teils die Außenstreifen begrünt. Und manchem Hochhaus kappt man originell die oberen Etagen. Gar Pläne, die modernisierten Komplexe zum Weltkulturerbe zu machen, kursieren bereits.
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