Erste bundesweite Studie zur Situation von Migranten im ländlichen Raum
Integrationspotenziale in kleinen Städten und LandkreisenIn Deutschland leben 15,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (Mikrozensus 2008), davon etwa die Hälfte in Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern. Dies bedeutet gleichzeitig, jeder zweite von ihnen lebt in kleineren Städten und Gemeinden. Kleinere Gemeinden mit hohem Zuwandereranteil liegen zumeist im Umfeld der Großstädte, verstärkt in den Ballungsregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet, dem Raum um Stuttgart, München, Köln und dem Ruhrgebiet. In peripheren, überwiegend ländlich geprägten Gebieten lebt rund ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands; die nicht-deutsche Bevölkerung macht hier rund 4,5 Prozent der Bevölkerung aus, wobei hier noch die Menschen mit Migrationshintergrund mit deutscher Staatsangehörigkeit – insbesondere Aussiedler – hinzuzurechnen sind.
Die Heterogenität und Vielfalt der ländlichen Regionen, unterschiedliche Prägungen durch Tradition, Zuwanderungsgeschichte und die Verschiedenheit der ortsansässigen Zuwanderergruppen bilden den Rah-men für die Qualität der Integrationsprozesse. Bei allen Unterschieden stehen die Zugewanderten im ländlichen Raum jedoch fast identischen Integra- tionsanforderungen gegenüber
Sie stoßen in Dörfern und Kleinstädten auf einen häufig von Traditionen und Einzelpersonen geprägten Kontext, der über ein hohes Maß an Öffentlichkeit verfügt. Rückzugsmöglichkeiten in die Anonymität, wie sie in großen Städten vorhanden sind, gibt es kaum. Bezogen auf die sozialräumliche Integration ist von einer Ambivalenz auszugehen. Die Überschaubarkeit des Sozialraums einer Kleinstadt ermöglicht durch die räumliche Nähe persönliche Kontaktfelder zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Gleichzeitig können durch das sichtbare Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansprüche an den Sozialraum Konfliktfelder entstehen, die die Integration der Zuwanderer in das Gemeinwesen erschweren.
Mit dem Forschungs-Praxis-Projekt „Integrationspotenziale in kleinen Städten und Landkreisen“ wird zum ersten Mal die Situation von Migranten in den kleineren Städten der ländlich geprägten Räume bundesweit vergleichend untersucht. Das über drei Jahre laufende Projekt (2009-2011) wird von der Schader-Stiftung in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dem Deutschen Städte- und Gemeindebund und dem Deutschen Landkreistag durchgeführt.
In einem diskursiven und aktivierenden Verfahren werden exemplarisch die Bedingungen für Integration in den Kommunen des ländlich geprägten Raums analysiert und die jeweiligen Potenziale für die Integration von Zuwanderern ermittelt.
Das Forschungsvorhaben bindet 12 Städte aus acht Landkreisen ein, die als Fallbeispiele ländlich geprägte Regionen in Deutschland repräsentieren. Das Projekt zielt bewusst auf die Ressourcen und Potenziale der Aufnahmegesellschaft und der Zuwanderer-Communities, um Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung der Integrationsarbeit vor Ort zu ermitteln und diese in einem dialo-gischen Prozess auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen.
Das Projekt will Handlungs- und Orientierungswissen für die kommunalen Akteure gewinnen und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Integration der unterschiedlichen Zuwanderergruppen und zur Stärkung des Zusammenlebens zwischen Einheimischen und Zuwanderern für die spezifische Situation der peripheren Klein- und Mittelstädte erarbeiten.
Die Forschungsarbeiten vor Ort werden vom ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) durchgeführt.
Erste Forschungsergebnisse liegen vor
Aufgrund der regionalen ökonomischen und demografischen Disparitäten sowie dem sehr unterschiedlichen Zuwanderungsgeschehen in den letzten Jahrzehnten in den Kommunen entstand eine deutlich heterogene Landschaft kommunaler Integrationspolitik.
Neben den strukturellen Unterschieden der Kommunen selbst sowie der Größe und Struktur der Zuwanderergruppen spielt vor allem der lokalpolitische Wille, sich mit Integrationspolitik offensiv zu beschäftigen eine entscheidende Rolle. In Folge dessen ist das Themenfeld der Integration auch sehr unterschiedlich in den Verwaltungsstrukturen der Kreise und Städte bzw. Gemeinden ländlicher Räume verankert. Dabei ist in den letzten Jahren, u.a. als Folge des im Nationalen Integrationsplan entwickelten Handlungsrahmens „Integration vor Ort“, auch im ländlichen Raum eine stärkere Hinwendung der Kommunen zum Aufgabenfeld „Integration“ zu beobachten.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den integrationspolitischen Rahmenbedingungen in Großstädten und denjenigen in den Untersuchungsstädten liegt jedoch in der Aufteilung der kommunalen Ebene in Kreise und kreisangehörige Gemeinden. Für die kreisangehörigen Städte und Gemeinden ergeben sich aus ihrer Kreisangehörigkeit spezifische Rahmenbedingungen für die Ausprägung von Integrationsstrukturen.
Die Landkreise und ihre Gemeinden sind jeweils selbständige Gebietskörperschaften. Zwischen ihnen gibt es, den Verwaltungsaufbau betreffend, keine hierarchische Über- bzw. Unterordnung. Als Glieder einer gestuften Verwaltung teilen sich beide Gebietskörperschaften kommunale Aufgaben, wobei die Kreise Aufgaben der „überörtlichen Gemeinschaft“ übernehmen. Zu diesen Aufgaben gehört u.a. das Ausländerwesen.
Die Aufgabenzuordnung ist jedoch auch von der Bevölkerungszahl und damit von der Leistungskraft der Gemeindeverwaltungen abhängig. So verfügen insbesondere die kleinen Städte und Gemeinden über eine deutlich unterkomplexe Verwaltungsstruktur, was zu Aufgabenverschiebungen in integrationsrelevanten Bereichen wie etwa Jugendhilfe, Soziales und Arbeitsförderung führt.
Kaum Angebote für Migranten
Spezifische Probleme für die Integrationsarbeit im ländlichen Raum sind die vergleichsweise geringen Anteile von Migranten, die geringe Siedlungsdichte und die damit verbundenen schlechten Erreichbarkeiten sowie Mobilitätsdefizite, da flächendeckende bzw. lokal erreichbare Angebote kaum zu gewährleisten sind. Hinzu kommt, dass vor allem kleinere Kommunen nur über eingeschränkte Steuerungsmöglichkeiten verfügen, da ihnen häufig materielle und personelle Ressourcen für die Integrationsarbeit fehlen.
Zentrale Rolle der Landkreise bei Integrationsstrategien
Den Landkreisen kommt daher bei der Aufrechterhaltung und Koordinierung von Integrationsangeboten sowie bei der Unterstützung der kleineren Städte und Gemeinden eine zentrale strategische Funktion zu. Charakteristisch für den ländlichen Raum ist die hohe Bedeutung von zivilgesellschaftlichen Strukturen für die Integrationsarbeit. Intermediäre Organisationen, Vereine und aktive Einzelpersonen spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Eine wichtige Vorbildfunktion hat auch die Politik. Wenn ‚der Bürgermeister’ das Thema „Integration“ zu seiner Sache macht, ist schon viel in der Integrationspolitik erreicht.
Schließlich zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass das Forschungs-Praxis-Projekt selbst durch seinen aktivierenden Ansatz mit Gruppendiskussionen, Veranstaltungen und Workshops an vielen Stellen Initialzündungen für Diskussionsprozesse über den Stellenwert der Integrationsarbeit in den beteiligten Kommunen ausgelöst hat und dadurch schon jetzt konkrete Hilfestellungen zur Weiterentwicklung der Integrationsarbeit und entsprechender Strukturen leistet.
Gudrun Kirchhoff,
Wissenschaftliche Referentin, Projektkoordination Schader-Stiftung
Mehr Informationen zum Projekt: www.integrationspotenziale.de