Editorial
lat. integratio heißt Wiederherstellung eines GanzenModerne Integrationspolitik setzt darauf, das beide Seiten dafür arbeiten, dass alle möglichst gleiche Chancen zu Teilhabe und Aufstiegsmöglichkeiten erhalten. Dabei geht es nicht nur um ethnische Minderheiten, sondern um alle, die wegen Alter, Geschlecht, Behinderung, Religion oder sozialer Schwäche ausgegrenzt werden (S. 15).
Da ist viel zu tun: Stehen wir zu Behinderten, Migranten, sozial Schwachen, zu denen, die nicht als „Leistungsträger“ gelten? Immerhin, angesichts von immer mehr Kindern (und Wählern) „mit Migrationshintergrund“ sind plötzlich alle für Integration: Dabei liegt der Fokus auf der größten Gruppe, den Türken, die laut Studie des Bundesinnenministers die größten Probleme haben, weil jeder fünfte schlecht deutsch redet, ihre Bildung hapert und die Hälfte kaum Kontakt mit Deutschen hat („General-Anzeiger“).
Die Politik gibt Gas
Die Kanzlerin lädt zur Islamkonferenz, NRW-Kandidatin Kraft beruft eine türkischstämmige Schatten-, Niedersachsens MP Wulff eine Sozialministerin (die allerdings nach offenen Interviews „zu Kreuze kriechen muss“), „Sachsens CDU hat plötzlich die Ausländer lieb“ („taz“), die Grünen küren einen türkischstämmigen Vorsitzenden und die SPD schafft die Zukunftswerkstatt Integration (S. 6), Parteichef Sigmar Gabriel besucht Moscheen (S. 12 ), die Berliner SPD bemüht sich um soziale Integration (S. 10), viele zivile Projekte arbeiten daran (S. 8f.), Verbände wie der LVR (S. 14 ), Länder wie Bremen (S. 15) und Kommunen wie Mannheim (S. 16) praktizieren Integration. Und doch liegt viel im Argen: Fordert Erdogan türkische Schulen, wird sich empört – dabei sollten deutsche Schulen Migranten mehr Chancen geben, kommentiert Ulrich Kober online. Man beklagt die Ausladung islamisch-konservativer Verbände aus der Islamkonferenz – aber wo ist der Verband liberaler Muslime, wie Lamya Kaddor fordert? Viele empören sich über „Parallelgesellschaften“ in Neukölln und Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (Titel und S. 11) erhielt auch den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis, weil er klare Worte in Richtung Migranten nicht scheut. Aber welche Chancen haben Kinder aus bildungsfernen Milieus, mit archaischen Werten, miserabler Schulbildung, ohne Akzeptanz in deutschen Behörden, Parteien und Betrieben? Der Pole Jerzy Mackow sagt: Ein US-Präsident, der in Washingtons Chinatown von „Parallelgesellschaften“ schwadronierte, würde ausgelacht. Andersherum müssen sich Minderheiten einfügen in Werte und Institutionen der Mehrheitsgesellschaft. Bis heute blockt der Bund kommunales Ausländerwahlrecht (S. 7) und Doppelpass. So viel zu tun, wir liefern Mutmacher-Beispiele.
Noch ein Wort zu NRW: (DEMO-)Lesen bildet. Wer sich statt mit Rüttgers (Sozial-)Rhetorik mit seiner (Amts-)Praxis befasst, findet viele Gründe, am 9. Mai wählen zu gehen.