Cochstedt will durchstarten. Der 1400-Seelen-Ort im sachsen-anhaltischen Salzlandkreis, den man zuvor kaum in Magdeburg kannte, drängt auf Europas Luftverkehrskarte. Nachdem das Land hier ab 1990 rund 60 Millionen Euro in einen Ex-Militärflugplatz investierte, hofft nun eine ganze Region. Pate steht Billigflieger Ryanair. Bei gut 30 Prozent Arbeitslosigkeit wirkt es wie ein Lotto-Gewinn, dass die Iren seit April Linienflüge zu vier spanischen Zielen anbieten.
Areal zum Schnäppchenpreis
Dabei ging das Areal als Schnäppchen weg. Mit 70 potenziellen Investoren waren die landeseigene Grundstücksfonds Sachsen-Anhalt GmbH sowie der dänische Flugplatzbetreiber zuvor im Gespräch. Alles umsonst. Als schon der Rückbau feststand, erschienen plötzlich die Iren am Himmel. Für ganze zwei Millionen kamen sie ins Spiel. Und sie hatten es nicht einmal weit. Denn was sie nun in Cochstedt aufziehen, betrieb Ryanair-Chef Michael O‘Leary bereits seit 2003 nur 160 Kilometer südlich im thüringisch-sächsischen Grenzland.
Auch hier, in Nobitz bei Altenburg, nutzte er eine alte Sowjetpiste. Und auch hier hatte das Land Thüringen zunächst fast 20 Millionen Euro aus Steuertöp-fen in deren Ertüchtigung gebuttert.
Noch 2009 bewilligte das Kabinett von Dieter Althaus (CDU) für drei Jahre Zuschüsse von 3,6 Millionen Euro. Doch bei jährlich nur 100 000 Passagieren auf drei Linien sowie einem weiteren internationalen Flugplatz in Erfurt geriet Nobitz – mittlerweile nennt man sich Leipzig-Altenburg – irgendwann zum Luxus. Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) drängte so schon 2009 auf einen Ausstieg aus der Flugplatz-GmbH.
Als dann Mitte 2010 in Erfurt Schwarz-Rot das Zepter übernahm, änderten sich die Prioritäten: Für Altenburg wie für Erfurt (nur noch eine Fluglinie!) versiegte bald der Geldhahn – und auch Ryanair zog daraufhin die Reißleine. 50 Mitarbeiter verloren in Altenburg ihren Job. Der Airport setzt nun verstärkt auf Geschäftsflüge und fokussiert sich dazu auch auf die VW-Werke und deren Zulieferer in Westsachsen.
Auf Teufel komm raus in Militärpisten investiert
Thüringens Vizepremier und SPD-Landeschef Christoph Matschie steht zu den Einschnitten: „Wenn eine Fluglinie auf Dauer nicht ohne Staatshilfen auskommt, muss man sich fragen, lohnt sich das, ist das strukturpolitisch sinnvoll?“ Matschie favorisiert ein gemeinsam mit Sachsen und Sachsen-Anhalt erstelltes mitteldeutsches Flughafenkonzept. „Der Subventionswett- bewerb der letzten Jahre muss ein Ende haben“, fordert er mit Nachdruck.
Altenburg ist nur das jüngste Opfer schriller Luftkämpfe in der ostdeutschen Provinz. Da diese lange Zeit flugtechnisch stark unterversorgt war, hatten nach der Einheit viele Kommunen und Landkreise auf Teufel komm raus in frühere Militärpisten investiert. Viel Hoffnung auf internationale Charterflüge machte sich etwa das ostsächsische Rothenburg, vor allem wegen der Nähe zum prosperierenden Westpolen. Auch Cochstedts Geschäftsführer, Uwe Hädicke, der für seine Gesellschaft nebenher noch die brandenburgischen Flughäfen in Fürstenwalde und Neuhardenberg betreut, kann ein Lied dazu singen.
Viele Landemöglichkeiten im Osten der Republik
Mittlerweile befinden sich 40 der 159 deutschen Verkehrslandeplätze zwischen Rügen und Erzgebirge. Unter den 232 Sonderlandeplätzen ist der Osten 63mal vertreten. Doch die Nachfrage hinkt zumeist dem Angebot hinterher – derweil die Kosten bleiben. Selbst die (neben Berlin-Schönefeld) beiden einzigen vorzeigbaren Ost-Airports Leipzig/Halle und Dresden nehmen sich momentan gegenseitig die Passagiere weg. Nur der Ausbau von Leipzig als internationales Frachtdrehkreuz erwies sich als Treffer. Und auch was für Cochstedt die Zukunft bringt, bleibt abzuwarten. O‘Leary erschien beispielsweise zur Eröffnung der ersten Linie in Cochstedt im Narrenkostüm. Das Publikum reagierte verunsichert. „Hoffentlich hält er uns nun nicht alle zum Narren“, hieß es. Zwar wollen die Dänen Cochstedt ganz ohne Landeszuschüsse betreiben. Doch falls die erhofften Einnahmen ausbleiben, so fürchtet man, werden wohl auch sie bald Begehrlichkeiten entwickeln.