Der Magdeburger Ex-OB Willi Polte erhält den DEMO-Kommunalfuchs für sein kommunalpolitisches Lebenswerk.
Reuters erster frei gewählter NachfolgerAls Polte 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, nach Westberlin fuhr und sich dort eine ruhende Mitgliedschaft in Willy Brandts SPD eintragen ließ, hätte er nicht zu träumen gewagt, dass er einmal der erste frei gewählte Nachfolger Ernst Reuters werden würde.
Politisch interessiert war der heute 71-Jährige seit früher Jugend. Was aber nicht dazu führte, dass er sich einer Partei oder einer der vielen Unterorganisationen in der DDR anschloss. Polte hielt es lieber mit der evangelischen Kirche. Zugleich schlug sein Herz stets für Magdeburg. 1987 bekam die Stadt von der westdeutschen Partnerstadt Braunschweig ein großes metallenes Kruzifix des Braunschweiger Künstlers Jürgen Weber für den Hochaltar des Magdeburger Doms geschenkt.
geheime Annäherung an die Besucher aus dem Westen
Die Feierstunde zur Übergabe des Kruzifixes war eine geschlossene Veranstaltung. Auf der einen Seite des Chorherrengestühls saßen führende Vertreter von Rat der Stadt und Bezirk, auf der anderen Seite die Gäste aus Braunschweig unter Leitung des damaligen SPD-OB Gerhard Glogowski. Dass Polte dabei sein durfte, verdankte er einem Zufall: „Meine beiden Töchter sangen im Dom-Chor, anders wäre ich da gar nicht reingekommen.“
Nach dem offiziellen Ende des Festakts gelang es ihm, sich an Glogowski heranzupirschen und ihm einen Brief zu übergeben. „Es war ein mehrseitiger handschriftlicher Brief, in dem ich ihn bat, sich dafür einzusetzen, dass es im Rahmen dieser Städtepartnerschaft nicht nur offizielle Begegnungen geben sollte, sondern auch gegenseitige Begegnung der Bevölkerung, von Familien“, sagt Polte. „Und ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch einen Briefumschlag so schnell verschwinden lassen hat, wie es Gerhard Glogowski damals getan hat.“ Bis zur Begegnung nicht nur offizieller Delegationen sollte es aber noch zwei Jahre dauern.
politische Karriere nach der Wende
Mit der Wende konnte Willi Polte seinem sozialdemokratischen Hang zur Politik endlich freien Lauf lassen. Er war Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei (SDP) im Bezirk Magdeburg, die sich noch 1990 in SPD umbenannte. Er saß am runden Tisch der Stadt, wurde Mitglied der ersten frei gewählten (und letzten) Volkskammer und im Mai 1990 zum OB gewählt.
Als solcher gab der gelernte Maschinenbauschlosser und studierte Ingenieur der Stadt wieder ein Gesicht. Zu DDR-Zeiten war das Innenstadtbild geprägt von Brachen, die wenigen verbliebenen historischen Bauten in der südlichen City waren dem Verfall preisgegeben. Heute kann sich nicht nur die Magdeburger City sehen lassen, woran Polte nicht unmaßgeblich beteiligt war.
Schweren Herzens musste er mit 65 Jahren auf das geliebte Amt des Magdeburger OB verzichten. Die Gemeindeordnung ließ es damals nicht anders zu. Die Hände in den Schoß legte er deshalb nicht. Vier Jahre engagierte er sich als Vorsitzender des Innenausschusses und kommunalpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, seit 2001 ist er ehrenamtlicher Ortsbürgermeister seines Geburtsortes Niegripp, heute ein Stadtteil Burgs bei Magdeburg.
treuer Fan der „Lindenstraße“
Er hat auch Hobbys. Eins davon ist die ARD-Dauersoap „Lindenstraße“. „Gewohnheit aus alten DDR-Zeiten“, schmunzelt er. „Als politischer Mensch habe ich natürlich stets am Sonntag den ,Bericht aus Bonn‘ im Fernsehen gesehen. „Gleich danach kam die Lindenstraße.“ Die Politsendung heißt längst „Bericht aus Berlin“, aber der „Lindenstraße“ ist er treu geblieben, versäumt, wenn möglich, keine Folge. Schließlich hatte er auch schon selbst einen Gastauftritt. Er durfte im Reisebüro von Mutter Beimer für den Besuch der Bundesgartenschau in Magdeburg werben.
Bei allem Engagement für „seine Stadt“ war sich Polte stets bewusst, dass sein Blick nicht am Magdeburger Tellerrand enden dürfe. Er wurde die ostdeutsche Stimme im Präsidium des Deutschen Städtetags. Und er wurde erster Präsident des Städte- und Gemeindebunds Sachsen-Anhalt. Polte schmückte sich nicht mit solchen Ämtern, er erfüllte sie mit Leben. Und dabei konnte sich der eher kleine Mann durchaus lautstark bemerkbar machen, wenn er ostdeutsche Interessen gefährdet wähnte.