Zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Entlassung der Politik aus ihrer Verantwortung
Rezession lässt Tafeln wie Pilze sprießenEine wichtige Funktion bei der Minderungder Bedürftigkeit spielen da die sog. Tafeln, bei denen Bedürftige gegen einen symbolischen Betrag Lebensmittel oder komplette Mahlzeiten erwerben können. Angesichts von Finanzkrise und weltweiter Rezession nimmt die Zahl der Tafeln im Deutschland sprunghaft zu. Waren es im April 2008 noch 769 Tafeln, so begrüßte der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V., Hans Mengeringhaus, erst im Januar dieses Jahres im nordrhein-westfälischen Ratingen die Ratinger Tafel e.V. als 800. Mitglied des Verbandes.
„Es gibt eigentlich keinen Grund zum Feiern“, sagte Mehringhaus bei der Übergabe der Mitgliedsurkunde. „Diese Urkunde würdigt das bürgerschaftliche Engagement der Ratinger Bürger und der spendenden Unternehmen, eine 900. Tafel wird es hoffentlich nicht geben.“ Das wird nur ein frommer Wunsch bleiben. Angesichts der Wirtschaftskrise und der sprunghaft gestiegenen Energiepreise im Vorjahr steigt die Bedürftigkeit einerseits sprunghaft an, sprießen andererseits die Tafeln wie die sprichwörtlichen Pilze aus den städtischen und regionalen Böden. Bei Redaktionsschluss dieser DEMO-Ausgabe zählte der Bundesverband bereits deutlich mehr als 850 Mitgliedstafeln.
Qualifizierungsgesellschaft trägt Magdeburger Tafel
Die Organisationsform der Tafeln ist unterschiedlich. Viele haben sich als eingetragene Vereine organisiert, andere Tafeln werden von caritativen oder anderen Wohlfahrtsorganisationen getragen. Das Magdeburger Modell ist anders. Hier ist die gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Beschäftigung mbh (AQB) Träger der Magdeburger Tafel. Träger der AQB sind wiederung die Stadt und die Arbeitsverwaltung. Zwar setzt auch die Magdeburger Tafel auf bürgerschaftliches Engagement und die Hilfe Freiwilliger, den Großteil der Beschäftigten stellen jedoch überwiegend Frauen und Männer in Beschäftigungsmaßnahmen, die aus Gastronomie- und Handelsberufen kommen.
Täglich sammeln die AQB-Mitarbeiter bei den Spender-Betrieben ca 1 200 Kilogramm an Lebensmitteln ein. „In Zusammenarbeit mit dem Verband der Kleingärtner werden brach liegende Kleingärten von Tafel-Mitarbeitern in Beschäftigungsmaßnahmen in Tafel-Gärten und Streuobstwiesen umfunktioniert, um den Obst- und Gemüsebedarf teilweise teilweise aus eigener Hand decken zu können“, sagt Ursula Fahtz, Geschäftsfüherin der AQB.
In zwei stationären Suppenküchen in Problemstadtteilen, die gleichzeitig als soziale Begegnungzentrenfungieren, werden täglich und ganzjährig drei Mahlzeiten ausgegeben. „Derzeit kochen wir etwa 120 Mittagessen täglich“, sagt Fahtz. Hinzu kommen die weiteren Mahlzeiten. Zudem werden in den Suppenküchen wie auch an drei mobilen Ausgabestationen täglich 150 Lebensmittelbeutel an Bedürftige ausgegeben.
Wie groß die Spendenbereitschaft ist, zeigte sich am Rande des Bundestafeltreffens im vergangenen Sommer in Magdeburg. OB Lutz Trümper (SPD) hatte mit dem Vorsitzenden des Bundesverbandes, Gerd Häuser, gewettet, dass die Magdeburger während der drei Tagungstage mindestens drei Tonnen Lebensmittel spenden. Am letzten Tagungstag waren schließlich fast acht Tonnen an Lebensmittelspenden gesammelt worden, die an die AQB weitergegeben wurden.
Häuser ist sich bewusst, dass die Tafeln mit ihrer sozial engagierten Arbeit in einem strukturellen Widerspruch bewegen. Einerseits lindern sie die größte Not der Bedürftigen und fördern das bürgerschaftliche Engagement. In Modellen wie dem Magdeburger integrieren sie zudem Langzeitarbeitslose in das Berufsleben und verschaffen ihnen so ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Anerkennung und individuellem Selbstbewusstsein. Andererseits entlassen sie Bund und Kommunen ein großes Stück weit aus ihrer sozialpolitischen Verantwortung (dies kritisierten zuletzt auch soziale Träger wie Caritas und Diakonie, d. Red.). „Eigentlich müsste es unser Ziel sein, uns überflüssig zu machen.“ Während die Tafeln vor Ort weiterhin ihrem caritativen Geschäft nachgehen, will der Bundesverband seine Lobbyarbeit gegenüber der Politik künftig weiter verstärken. Ein langer Weg, räumt Häuser ein, aber das jüngste Urteil des Bundessozialgerichtes, das den pauschalierten Bedarfssatz für Kinder in der Grundsicherung für verfassungswidrig hält, ist für ihn ein erster Schritt in die richtige Richtung.