Auch Zwickau betreibt keine eigenständige Wirtschafts- oder Strukturpolitik. Als Wirtschaftsförderer setze ich aber eigene Akzente, um den von der Politik formulierten Rahmen auszufüllen und den für ostdeutsche Städte vorhandenen Handlungsspielraum zu nutzen. Wifö umfasst also die Initiierung und Forcierung dauerhafter, nachhaltiger Projekte bei parallelem Auf- und Ausbau einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Verwaltungsstruktur, die den gestiegenen Anforderungen gerecht wird.
Voraussetzung dafür ist, dass viele Städte ihre bisherige rückwärtsgewandte, egoistische Sichtweise überwinden und sich neuen Themen öffnen müssen. Nur wer sich der „neuen Unübersichtlichkeit“ stellt und eigene wirtschaftsfördernde Akzente setzt, kann gewinnen. Für Zwickau gilt: Regionale Kooperationen und Vernetzung eröffnen die Chance, sich als Kommune zu profilieren und eine zukunftsfähige Politik für die in der Region ansässigen Unternehmen und Menschen zu etablieren.
Mitte der 1990er schlossen sich folgerichtig die Gebietskörperschaften im Ballungsraum Chemnitz/Zwickau zur „Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau“ zusammen, um überregional Gehör zu finden. Dies wird mit Nachdruck durch die entsprechenden OB forciert und spiegelt sich im Engagement in der „Metropolregion Sachsendreieck“ sowie der „Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland“ wider.
Die Bildung solcher Städtecluster zeigt auch, dass Wifö keine Ad-hoc-Aufgabe ist. Es muss Einigkeit bestehen, diese Aufgabe mit Priorität zu erledigen. Die beteiligten Städte müssen den „Markt“ gemeinschaftlich mitentwickeln und die politischen Rahmenbedingungen im konsensualen Meinungsbildungsprozess ausgestalten. Denn nationale Handlungsspielräume werden weiter abnehmen und die Interventionsmöglichkeiten verlagern sich auf die internationale und supranationalen Ebene. Damit ist der Rahmen kommunaler und regionaler Wifö sowie der von der Landesregierung vorgegebenen Strukturpolitik abgesteckt und ermöglicht Zwickau, sich neue und zukunftsweisende Arbeitsfelder zu erschließen.
Dabei sind die spezifisch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von Zwickau zu beachten: Zwickau hat die höchste Dichte an Industriearbeitsplätzen in Ostdeutschland und eine hohe Exportquote des verarbeitenden Gewerbes (61,1 Prozent im Jahr 2007). Demgegenüber steht die inakzeptable, hohe Arbeitslosigkeit (16,2 Prozent 2007 gegenüber 18,4 Prozent 2000).
Die Wifö stellt sich diesen gesamtgesellschaftlichen Aufgaben: einerseits, um stabile Voraussetzungen zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen zu gewährleisten und andererseits als kundenorientierter Dienstleister ortsansässige wie auch neue Unternehmen oder Investoren in allen Belangen zu unterstützen.
Dies konnte bislang nur erfolgreich realisiert werden, weil die Wifö frühzeitig alle Interessen organisiert zusammenführte und allen Beteiligten ein Konzept aus einem Guss anbot. Dazu war ein engmaschiges Netzwerk Voraussetzung, welches Ministerien, umliegende Gebietskörperschaften, die Westsächsische Hochschule Zwickau, ortsansässige Unternehmen, Sozialpartner sowie Kammern und Verbände zusammenführte und organisatorisch begleitet.
Um diesen Ansatz auf Dauer zu realisieren, wird die aktivierende und motivierende Kommune benötigt, die den entsprechenden Arbeitsrahmen bereitstellt. Vorausgesetzt, alle Beteiligten kooperieren und führen eine neue Partnerschaft ein, die allen Beteiligten in Unternehmen, Verwaltung und Politik gerecht wird und alle Wirtschaftskreisläufe sowie die politisch abgestimmte städtische Ziele berücksichtigt.
Aufbauend auf einer solchen Entwicklungsplanung sind innovative Strategien zu entwickeln, die sich in der Konkurrenz um produktive Investitionen, qualifizierte Arbeitsplätze und erwünschte öffentliche Investitionen bewegen.
Von Bernd Skudelny, Politik- und Verwaltungswissenschaftler, Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Zwickau