Die Frankenmetropole Nürnberg stellt sich den guten wie den schlechten Seiten ihrer Vergangangenheit und geht stolz und kämpferisch, aber ohne Dünkel die Herausforderungen der Gegenwart an
Stolz und kämpferisch aus TraditionDas wäre normal – und sinnlos. Schließlich hat jede Leserin und jeder Leser irgendeine Assoziation zu Nürnberg. Der eine denkt an die Bratwürste, die andere an den Christkindlesmarkt, der dritte an den Club und mehr als jeder zweite weiß: Da war doch was in der Nazizeit. Stimmt genau, bei uns reichen die Etiketten von Albrecht Dürer bis zum „Führer“. Welche Geschichte also soll man erzählen über diese schöne alte Stadt, die weder als die Stolze noch als die Schöne oder die Königliche bekannt ist?
Vielleicht doch die: Stellen Sie sich das Gesicht einer alten Frau vor, vielleicht als Schwarz-Weiß-Aufnahme. Sie sehen Falten und Furchen des Erlebten, vielleicht auch manche Narbe aus schlimmer Zeit. Sie sehen aber auch Persönlichkeit und Charakter, die Ahnung früherer Schönheit und die Ästhetik eines in Würde gealterten Gesichts. Sie sehen Spuren eines stolzen Selbstbewusstseins ebenso wie den Gesichtsausdruck von jemandem, der immer kämpfen musste, dem nichts in den Schoß gefallen ist. So ein Gesicht hat Nürnberg.
Vor rund 1 000 Jahren urkundlich erwähnt, hat sich die Stadt ab dem frühen Mittelalter durch ihren Status als freie Reichsstadt gut entwickelt. Die Bürger handelten mit aller Welt, die Stadt war geistiges und wirtschaftliches Zentrum einer ganzen Region und unterhielt Kontakte in alle Welt. Karl der IV. reiste auf der Goldenen Straße zwischen Prag und Nürnberg, die „Fondaco dei Tedeschi“ in Venedig war ausschließlich von Nürnberger Kaufleuten betrieben und Albrecht Dürer galt als europäischer Künstler schlechthin.
Diese „große Zeit“ endete wirtschaftlich und gesellschaftlich in recht verkrusteten Strukturen des örtlichen Patriziats, hoher Verschuldung der Stadt und politisch in der Annexion durch das Königreich Bayern von Napoleons Gnaden im Jahr 1806. Im kollektiven Bewusstsein der Nürnberger wird diesem historischen Umstand durch eine Grundskepsis gegenüber allem allzu Bayerischen Rechnung getragen.
Nach einigen Jahren der Agonie war es die industrielle Revolution, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts Nürnberg wachsen ließ. Vom Mittelalterstädtchen mit rund 30 000 Einwohnern wuchs die Stadt auf über 350 000 in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Nirgendwo sonst in Bayern ist Industriegeschichte (und damit wohl auch Arbeiterkultur) so ausgeprägt wie bei uns.
Nach der Kriegszeit konnte an diese wirtschaftliche Erfolgsgeschichte schnell wieder angeknüpft werden, umso härter hat uns dann der Strukturwandel vor rund 25 Jahren erwischt. Mancher Stern aus dieser Zeit ist längst verglüht, andere Unternehmen gehen ihren Weg in die Zukunft auf der soliden Basis dieser geschichtlichen Herkunft. Heute wird natürlich auch Nürnberg von modernen Dienstleistungsunternehmen und einer vielfältigen Wirtschaftsstruktur geprägt.
Es war u.a. das geschlossene mittelalterliche Stadtbild (und nicht etwa die Begeisterung der Nürnberger für die NSDAP), das Hitler bewogen hatte, Nürnberg zu seiner „Stadt der Reichsparteitage“ zu machen. Hier wurden 1935 die widerwärtigen Rassengesetze verkündet, die als pseudojuristisches Mäntelchen den Weg in den Holocaust bereiteten. Hier begannen im Herbst 1945 in der völlig zerstörten Stadt die Hauptkriegsverbrecherprozesse, denen später noch die Ärzte- und Juristenprozesse folgten. Nach jahrelanger Diskussion hat sich Nürnberg dieser Geschichte noch vor vielen anderen Städten gestellt. Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände ist ein großes Dokumentationszentrum entstanden und der Ort der Nürnberger Prozesse wird derzeit zu einem „Memorium“ ausgebaut (s. S. 49).
Heute bieten Stadt und Region alles, was man braucht: solide Wirtschaftszahlen, ausgezeichnete Hochschulen, ein breites Kulturangebot – von der Basis- und Subkultur bis zum Spitzenevent – und eine Lebensqualität, die beispielhaft ist.
Wir wissen, dass das manch einer noch nicht weiß. Das Laute und Marktschreierische ist ja nicht so unser stärkster Charakterzug. Mit dem Status als Geheimtipp unter den deutschen Stadtregionen dagegen können wir ganz gut leben. Aber den Tipp sollte halt jede und jeder kennen. Also lesen Sie dieses DEMO-Extra, sonst gibt’s Ärger!
Und dann bis bald!
Dr. Ulrich Maly
obm@stadt-nuernberg.de,
www.nuernberg.de