DEMO: Der SWR hat kürzlich eine Reportage über Sie ausgestrahlt: „Vom türkischen Jungen zum deutschen Politiker“. Warum haben Sie sich in der SPD engagiert?
Ergun Can: Ich war politisch interessiert, habe die Politik der SPD verfolgt: Namen wie Brandt, Bahr und Wehner. Das hat mich inspiriert, auch alles, was die SPD erreicht hat – Chancengleichheit, sozialer Aufstieg. Ich bin in einer Gastarbeiterfamilie groß geworden. Mein Elternhaus war zwar bildungsnah, aber natürlich mit dem ganzen System in Deutschland nicht vertraut. Ich war 24 Jahre alt, als meine Eltern zurück nach Istanbul gegangen sind. Das war der Kick-off: Ich blieb und engagierte mich – natürlich in der SPD.
Bringen Sie durch Ihre Herkunft einen anderen Blickwinkel in die deutsche Politik ein?
Ja, ich denke, dass ich beim Thema des Miteinanders, beim Thema Willkommenskultur sicherlich eine etwas andere Sicht habe. Da kann ich sowohl in die eine als auch in die andere Richtung Impulse geben oder manchmal den Spiegel vorhalten, wie das ist, wenn man als Fremder gesehen wird.
Willkommenskultur – haben wir die in den Kommunen?
Diese Kultur fehlt sicherlich bei den Ausländerbehörden. Das ist für mich wie eine Visitenkarte. Ich kann bildungsnah, ich kann bildungsfern sein oder ich kann als qualifizierter Zuwanderer nach Deutschland kommen, die ersten Adressen sind die Ausländerbehörden. Ich hatte vor einem Jahr ein Erlebnis: Man hat mich dort gleich in gebrochenem Deutsch angeredet.
Das Thema Integration im öffentlichen Dienst treibt Sie um?
Man sagt immer: „Toll, wir haben soundso viel Migrationshintergrund. Und in Stuttgart läuft vieles auch sehr gut, keine Frage, aber mir geht es darum, dass es sich weiterentwickeln muss. Ich muss Anreize schaffen, Instrumente entwickeln, damit junge Leute sagen können: Mensch, der hat es sogar zum Abteilungsleiter geschafft. Doch meistens arbeiten Menschen mit Migrationshintergrund doch eher in der öffentlichen Abfallwirtschaft und nicht als Abteilungsleiter.
Was zeichnet die Stuttgarter Integrationspolitik denn aus?
Das Aushängeschild ist sicherlich die Stabsstelle Integration. Die ist beim Oberbürgermeister angesiedelt, ist also Chefsache. Und das Team zeichnet sich durch sehr großes persönliches Engagement aus. Außerdem haben wir mit Gari Pavkovic einen tollen Intergrationsbeauftragten. Der kann Leute einbinden, Sensibilitäten schaffen. Und er weiß letztendlich, wovon er spricht, wenn es um das Thema Benachteiligung geht. Die interkulturelle Öffnung der Moscheen war ein solches, wichtiges Thema.
In Frankreich und den Beneluxstaaten finden sich viel mehr Politiker mit Migrationshintergrund. Warum?
Als Sprecher des „Netzwerkes türkischstämmiger MandatsträgerInnen” weiß ich, dass wir parteiübergreifend nur circa 80 Mandatsträger von der europäischen bis zur kommunalen Ebene haben. Allerdings erfassen wir nur Städte ab 100 000 Einwohner. Aber die Frage ist schon: Inwieweit öffnen sich die Parteien? Man muss auch Angebote machen. Ich bin über Netzwerke dahin gekommen, wo ich heute bin. Im Bürgerverein, im Sportverein müssen solche Netzwerke entstehen. Es kann nicht sein, dass sie sagen, okay, wir haben einen und der deckt das ganze Feld ab. Das reicht nicht.
Brauchen wir mehr Migration?
Ja! Der demographische Wandel schlägt voll zu. Wir werden keine qualifizierte Zuwanderung aus China oder Indien bekommen. Das ist aus meiner Sicht eine politische Illusion. Die gehen in Länder, wo es vernünftige Einwanderungskriterien gibt. Wir betreiben hier doch lediglich eine nachholende Integration! Wir konzentrieren uns nur auf Defizite, kultivieren Ängste. Denken Sie doch nur an die enormen Potenziale, die für die Wirtschaft durch die Zweisprachigkeit entstehen.
Interview: Nils Hilbert