Porträt
Zurück in die WirklichkeitVon Berlin nach Kiel braucht der Zug dreieinhalb Stunden – umsteigen in Hamburg inklusive. Torsten Albig kennt die Strecke gut. Seit mehr als drei Jahren pendelt der Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zwischen der Haupt- und der Fördestadt. Damit könnte es bald vorbei sein, denn Albig will Kieler Oberbürgermeister werden. Am 15. März tritt er gegen Amtsinhaberin Angelika Volquartz (CDU) an.
Doch was treibt einen, der in der Bundespolitik vorne mitmischt und in Berlin nicht erst in der Finanzkrise bekannt geworden ist, zurück in die Provinz? „Du bist dort mit echten Menschen zusammen“, nennt Albig einen Grund, der ihm besonders wichtig ist. „Es macht viel Spaß, im Finanzministerium zu arbeiten, aber diese Welt bleibt virtuell.“ Die Bundespressekonferenz etwa, in der er regelmäßig den Hauptstadtjournalisten Rede und Antwort stehen muss, sei lediglich ein „Spielplatz, auf dem jeder seine Rolle spielt“.
Zwischen globaler Finanzkrise und Kieler Förde
Die reale Welt des Torsten Albig ist an diesem Samstagmorgen ein Veranstaltungszentrum im Kieler Hafen. Rund 250 Interessierte sind in die „Halle 400“ gekommen. Die Wohneigentümer-Schutzgemeinschaft „Haus & Grund“ hat sie eingeladen, dem Kandidaten auf den Zahn zu fühlen. „Wer wird OB in Kiel? Machen Sie sich ein Bild!“ hat ein Beamer an die Wand geworfen. Darunter sitzen Albig und seine Konkurrenten von CDU und Linkspartei. Selbstbewusst und mit viel Herzblut wirbt Torsten Albig für die Aufwertung des Kieler Marktplatzes, den vernünftigen Umgang mit Investoren und ein Gaskraftwerk in Hafennähe. Routine für einen Ministeriumssprecher, möchte man meinen, doch muss er hier nicht abstrakte Steuergesetze erklären, sondern für das eigene Programm werben.
Er kann motivieren – das glauben auch Kiels Grüne
„Ich bin eigentlich kein Politiker“, hatte Albig zuvor in Berlin gesagt. Doch wer den 45-Jährigen vor den Wohneigentümern erlebt, nimmt ihm das nicht ab. Und so gibt der OB-Kandidat schließlich doch eine seiner großen Stärken zu: „Ich kann Menschen motivieren und setze mich für sie ein.“
Das trauen ihm offenbar auch die Grünen zu. Anfang des Jahres haben sie sich für Torsten Albig als gemeinsamen Kandidaten für die OB-Wahl ausgesprochen. Auch der SSW, die Vertretung der dänischen Minderheit in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt, unterstützt ihn. Damit sind Albigs Chancen, das Rathaus mit dem roten Turm nach sechs Jahren von der CDU zurückzuerobern, merklich gestiegen. Im Stadtrat zumindest verfügen die drei Parteien seit der Kommunalwahl 2008 mit 30 Sitzen über eine knappe Zwei-Stimmen-Mehrheit.
„Mich wählt Kiel, nicht Rot-Grün“, gibt Albig zu bedenken, doch ist er sichtlich zufrieden, dass er die Grünen mit einem Zehn-Punkte-Programm für seine Kandidatur gewinnen konnte. So hat er zugesagt, als Oberbürgermeister auf den Bau eines Kohlekraftwerks zu verzichten und stärker auf Energieeffizienz zu setzen (zur „Kieler Kraftwerksdebatte“ siehe Beitrag von SPD-Fraktionschef Ralph Müller-Beck in DEMO 2/09, S. 44, die Red.). Auch eine Stadt-Regional-Bahn, die das Kieler Zentrum mit dem Umland verbindet, soll entstehen.
Doch nicht nur die Einwohner der Fördestadt würden von einem Oberbürgermeister Albig profitieren. „Wir müssen über die Kommunen für die Demokratie werben“, fordert er. Städte und Gemeinden fänden bei der politischen Willensbildung viel zu wenig statt. Als Stadtchef werde er dafür sorgen, dass Kiel in der kommunalen Familie wieder präsent sei. „Das hat auch etwas mit Stolz zu tun.“ Sein politisches Vorbild ist dabei Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. „Der ist für die Menschen da, ringt für seine Kommune und ist trotzdem ein normaler Mensch geblieben.“
Der Einzug ins Rathaus wäre eine politische Heimkehr
Zieht Albig am 15. März tatsächlich ins Kieler Rathaus ein, wäre es eine Rückkehr mit Ansage. Denn bevor er als Sprecher von Peer Steinbrück nach Berlin ging, war er in der Fördestadt als Stadtrat für Bürgerangelegenheiten, Ordnung, Personal und Inneres zuständig, später auch Kämmerer. Mit Erfolg: Zu seinem Abschied veranstaltete die Stadt einen Festakt in der Oper und die „Kieler Nachrichten“ besuchten ihn damals zu einem Abschlussinterview. „Einen Job gibt es, für den ich von überall zurückkommen würde“, versprach Albig damals. Nun kann er seine Ankündigung wahr machen.
Ab 1. März bloggt Albig für DEMO unter www.kommunal-wahlblog.de