Bericht zum Forum „Kultur, Integration und Identität in der Globalisierung“
Der Dialog der Menschen und Kulturen ist die Mutter aller Integration. Dabei ist als Basis der Verständigung bei uns die deutsche Sprache unverzichtbar. So die Quintessenz des Forums 3, das sich mit Fragen und Wechselwirkungen zwischen „Kultur, Integration und Identität in der Globalisierung“ auseinandersetzte. Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz steckte in seinem Impulsreferat den Diskussionsrahmen ab und schöpfte aus dem Erfahrungsschatz seiner langjährigen Tätigkeit als Kulturdezernent der größten Stadt der Metropolregion Rhein- Neckar. Der 44-jährige Sozialdemokrat, der erst vor wenigen Monaten gleich im ersten Anlauf zum neuen Stadtoberhaupt gewählt worden war, räumte feuilletonistische Abgrenzungen des Kulturbegriffs zur Seite: Kultur, so seine Erfahrung, entwickelt sich in den Städten inzwischen zu einem „harten Thema“.
Vorbei also die Zeiten, da sich städtisches Kulturschaffen und dessen Förderung als Befriedigung eher elitärer Bedürfnisse eines überschaubaren Teils der Bevölkerung verstand? Kurz sieht das so: Immer verschiedenere Politikfelder bedienten sich mittlerweile der Kultur, die nicht nur als Standortfaktor verstanden werde, sondern sich zu einem „zentralen Gestaltungsfaktor“ der Kommunalpolitik entwickle. In Zeiten der Globalisierung, in denen sich das Bildungsbürgertum auf dem Rückzug befinde, die Gesellschaft in unterschiedliche Milieus aufgesplittert werde und der gemeinsame Wertekanon verloren zu gehen drohe, könne, darauf setzt Kurz, Kultur Identitäten stiften und als gesellschaftliche Klammer eingesetzt werden.
Für ihn steht außer Frage: Auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen müssen die Städte auch kulturpolitisch reagieren, wenn sie ihren Bewohnern Lebensqualität bieten und Identifikationshilfen an die Hand geben wollen.
Kommunen müssen sich als europäische Städte verstehen
In unseren zunehmend multikulturell geprägten europäischen Gesellschaften müssten sich die Kommunen entsprechend als europäische Städte verstehen und ihre Bürger in die Planungen einbeziehen. Wie das Leitbild von Toleranz und Freiheit ausschauen könnte, demonstrierte Kurz am Beispiel eines Mannheimer Kindergartens: Dieser ist in den Räumen der Jüdischen Gemeinde untergebracht, als Träger fungiert die katholische Kirche, doch die meisten der dort aufgenommenen Kinder kommen aus muslimischen Familien.
Für Kurz ist Kulturarbeit dieser Art ein wesentlicher Integrationsfaktor, der durch die Förderung interkultureller Dialoge gestärkt werde, Menschen mit Migrationshintergrund die eigene Kraft erleben lasse und ihr Selbstbewusstsein stärke, wenn sie in kommunalpolitische Entwicklungen und Entscheidungen einbezogen würden.
Doch alle Befunde zeigten, dass etwa die Häfte der Gesamtbevölkerung, insbesondere junge Menschen, nur schwer motiviert werden könne, kulturelle Angebote wahrzunehmen. Um das zu ändern, um ihre Neugierde und ihr Interesse zu wecken, müssten gerade junge Menschen mit Migrationshintergrund erleben und erkennen, dass sie in unserer Gesellschaft willkommen sind. Für Kurz kann ihre Integration aber nur gelingen, wenn dieses Ziel im Rahmen handlungsleitender strategischer Richtlinien für die gesamte Stadtpolitik verfolgt wird. Für Kurz meint Integration auch Chancengleichheit. Ihr Ziel ist eine tolerante und sozial gerechte Gesellschaft mit gleichen Rechten für alle, in der die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen zwar als Herausforderung, aber auch als Bereicherung verstanden werden müsse.
In seinem Impulspapier notierte Peter Kurz ganz zum Schluss drei Punkte, an denen besonderer Handlungsbedarf erkennbar sei: Das Thema „Interkulturelle Kulturarbeit“ müsse von den Kommunen in ihre alltägliche Arbeit aller Kultureinrichtungen implementiert werden. Eine kommunale Qualitätssicherung und die Qualifikation der Mitarbeiterschaft gelte es zu sichern. Je früher, desto besser: Der „interkulturellen Bildung in den Schulen“ sei ein höherer Stellenwert einzuräumen, forderte Kurz.
Er fand auf dem Podium für seine Thesen Unterstützung, wobei Essens Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt unter den Begriffen Identität und Integration Prozesse versteht, bei denen sich durchaus die Frage stelle, wer sich darum kümmere: „Wer macht das?“ Nicht alles könne der Staat erledigen, aber er sei dazu berufen, attraktive Leitbilder für die Kulturpolitik anzubieten. Bildung sei das Gebot der Stunde und müsse im Zusammenhang mit Kunst als der Substanz von Kultur, diese wiederum als Substanz von Politik verstanden werden. Dem Staat wies Scheytt zur Steuerung dieser Entwicklungen eine vorsorgende Ausgleichsfunktion zu. Er bezeichnete den Hamburger Parteitag verabschiedeten SPD-Leitantrag zur Kultur als richtungweisend. Es gehe um Anerkennung und den Respekt vor den anderen über kulturelle Grenzen hinweg. Die kulturelle Vielfalt müsse gestützt, Differenzen müssten ausgehalten werden. Dieser Form des Zusammenlebens den Boden zu bereiten, ist nach Scheytts Einschätzung eine der „vornehmsten Aufgaben der Kulturpolitk“.
Am Begriff der Integration möchte Dr. Alfred Reichwein von der KGSt festhalten. Die Kulturpolitik der letzten Jahre nahm jedoch, wie er beobachtete, ihren Einfluss als Gestaltungsfaktor nicht ausreichend wahr. Das bisherige „klassische Kulturangebot“ habe eher die soziale Trennung gestärkt, nicht aber die Integration gefördert. In den Kommunalverwaltungen sind für Reichwein deshalb zur effizienteren Arbeit dezernatsübergreifende Kooperationen im kulturund bildungspolitischen Bereich notwendig. Die Wurzeln des Integrationsproblems sieht er übrigens im Schulsystem. Dieses fungiere noch als „zentrale Sozialisationsinstanz“ und segregiere, anstatt die Grundlagen für Integration zu schaffen. Reichweins plakative Forderung: „Wir müssen unser Schulsystem ändern.“
Allerorten ein Mangel an Sprachkompetenz
Der Berliner Autor Jens Sparschuh sieht allerorten einen allgemeinen Mangel an Sprachkompetenz und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Auf dem Sektor Kunst und Kultur wähnt er sich als Teil einer „Echo-Gesellschaft“, die Zeuge eines Wettbewerbs der Städte ist, in denen immer neue Leuchtturmprojekte aufgelegt würden. Gefragt seien längst keine Event- Manager mehr, sondern Experten, die im Kulturbereich bei ihrer Arbeit an regionale und lokale Traditionen anknüpfen. Die Identität des Einzelnen müsse dabei immer wieder neu justiert werden, erkannte Sparschuh, der sich über eines völlig im Klaren ist: „Kultur und Kunst gibt es nicht zum Nulltarif.“ Eine Erkenntnis, die auch Mannheims OB Kurz im Laufe der Diskussion bestätigte, mit dem ernüchternden Hinweis allerdings, der Etat für diese Politikfelder bewege sich noch in einem marginalen" prozentualen Bereich.
Kurz und Scheytt waren sich mit den Teilnehmern des Diskussionsrunde einig, dass erst der Dialog der Menschen aus verschiedenen Kulturen ihr Zusammenleben möglich macht. Während Kurz dazu aus der Praxis berichtete, dass es in Mannheim gelungen sei, der Mehrheit der Einheimischen das Gefühl zu vermitteln, „wir sind tolerant“, betonte Scheytt die verbindenden Werte, die dazu beitragen könnten, die Gesellschaft über alle Unterschiede hinweg zusammenzuhalten. Der entscheidende Punkt ist für ihn „die deutsche Sprache: Die muss gelernt werden.“ Mit ihr als Basis lasse sich Kunst und Kultur gemeinsam erleben. Die Politik steht deshalb vor der Aufgabe, den Menschen die Teilhabe an beidem zu ermöglichen und beides zu fördern.
Auch für Alfred Reichwein gibt es in Fragen der Integration und bei der Kulturpolitik zur Beteiligung der Migranten und zum Dialog der Kulturen keine Alternative. Netzwerke müssten auf allen Sektoren gepflegt werden, wobei Reichwein keine Bedenken gegen eine Vernetzung der Wirtschaft mit der Kultur hat.
Die Demokratie muss den Rahmen vorgeben
Moderator Dr. Klaus-Jürgen Scherer räumte zum Schluss der Gesprächsrunde ein, man habe für alle anstehenden Fragen „die Lösung“ noch nicht gefunden. Doch auch er erinnerte in diesem Zusammenhang an den Hamburger Leitantrag der SPD, der für ihn den Auftakt zu einer Begriffsdiskussion beinhaltet: Toleranz sei gefordert, klar sei dabei aber auch, dass das Grundgesetz und die Demokratie den Rahmen vorgeben.