Bericht zum Forum „Kinder und Familien sind unsere Zukunft“
Es bedarf einer ganzen Stadt, um ein Kind zu erziehen.“ Mit diesem Satz beschrieb Bärbel Dieckmann, Oberbürgermeisterin von Bonn und Präsidentin der deutschen Sektion des RGRE, in ihrem Impuls die Probleme, aber auch die Herausforderungen, vor der ein Gemeinwesen steht. Vor der Herausforderung nämlich, wer verantwortlich ist für ein Kind und wie man seine Bedürfnisse berücksichtigen muss. Gleichzeitig kritisierte sie, dass es in der Bundesrepublik, vor allem in den Altbundesländern, erst eines Impulses, wie er vom demografischen Wandel ausgeht, bedurft hatte, um das Problem kenntlich zu machen: Dass eine Gesellschaft nämlich Nachwuchs braucht, um lebensfähig zu sein. Und dass es in der Verantwortung eben dieser Gesellschaft liegt, Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.
Damit erntete Dieckmann Zustimmung bei Forumsbesuchern und Podiumsteilnehmern gleichermaßen. Da beide Gruppen etwa gleich stark besetzt waren, entspann sich auch eine lebendige Diskussion darüber, was bisher getan wurde und was noch zu tun ist. Dass das viel ist, wurde ersichtlich, als Moderator Karsten Wiedemann anmerkte, dass inzwischen jedes sechste Kind in Deutschland als arm angesehen wird. Und „die Kinderarmut wird weiterhin drastisch steigen“, merkte Dormagens Bürgermeis - ter Heinz Hilgers an, der gleichzeitig auch der Prasident des Deutschen Kinderschutzbunds ist.
Deswegen setze man in Dormagen seit seinem Amtsantritt 2004 darauf, dass kein Kind mehr unbetreut bleibt und kein Elternteil sich allein gelassen mit seinen Problemen fühlt. Gut für Dormagens soziales Klima, schlecht für seine Finanzen. Seitdem die Stadt nämlich die Zahl auffälliger Kinder sozusagen auf fast nicht mehr vorhanden drückte, hat das Land Nordrhein-Westfalen der Stadt Gelder für Problemfalle gestrichen mit der Begründung, dass es ja keine Problemkinder mehr gebe. „Deutschland ist präventionsfeindlich“, war denn auch Hilgers lakonisches Fazit.
Reden alleine macht nur wenig Sinn
Dass nur „Reden alleine ... wenig Sinn“ macht, bemerkte ohne ironischen Unterton auch Lengedes Bürgermeister Hans-Hermann Baas an. Deswegen betreut man in der 13 000-Einwohner-Stadt Kinder schon seit 1997 auch außerschulisch, damit der Nachwuchs nicht problematisch wird bzw. zum Problem. Dem pflichtete Jörg Freese, seines Zeichens Beigeordneter für Jugend, Bildung und Gesundheit beim Deutschen Landkreistag, mit der Aussage bei, dass man auch beim Landkreistag dem quantitativen Ausbau der Betreuung vor dem Ausbau des qualitativen den Vorzug gebe, damit die Menschen nicht vor die Wahl gestellt sind, entweder arbeiten zu können oder Kinder zu haben, deren (oftmals kostspielige) Betreuung von vielen nicht zu finanzieren sei.
Wie weit Kinder in der bundesrepublikanischen Gesellschaft als (finanzieller) Risikofaktor gesehen werden, beschrieb Prof. Roland Roth von der Hochschule Magdeburg-Stendal: „Es klingt zum Lachen, ist es aber nicht. Laut einer Erhebung der Hochschule verzichten viele junge Akademikerinnen in Sachsen- Anhalt während des Studiums auf eine Beziehung, um bei einem anstehenden Ortswechsel wegen des Arbeitsplatzes nicht durch Familie gebunden zu sein.“ Dass das zwar verstärkt fur die neuen Bundesländer zutrifft, aber überall im Land ein Problem sein kann, zeigt sich an der großen Anzahl der Lokalen Bündnisse für Familien (über 500) und das auch hier noch kein Ende abzusehen ist.
Notwendig sind die Bündnisse deswegen, da sie nicht nur das Problem aufzeigen, dass für Familien zuwenig oder nicht das Richtige getan wird, sondern sie auch Vermittler sind zwischen dem, was Eltern und Kinder wünschen, und dem, was Kommune oder Arbeitgeber tun können/ wollen. Oder wie es Dr. Jan W. Schröder vom Servicebüro für die Lokalen Bündnisse für Familien ausdrückte: „Die Betreuungslandschaft ist ein Mix unterschiedlicher Angebote und die Bündnisse sind ein guter Ort, diesen Mix zur Zufriedenheit aller auszuhandeln.“
Dass der Nachholbedarf trotzdem weiterhin sehr groß ist, wurde durch zwei Bemerkungen Dieckmanns am Ende des Forums deutlich. Einmal, dass nicht nur die Politik, sondern auch die deutschen Arbeitgeber noch lange nicht alle Möglichkeiten ausnutzen, um Eltern mehr Zeit für ihre Kinder zu ermöglichen. Und zweitens, dass es nicht sein kann, dass ihre vier Kinder heute die gleichen Probleme bei der Frage, ob Kind oder nicht bzw. wohin mit ihm, wenn ich arbeiten möchte/muss, haben. Deswegen dürfe (nicht nur ihrer Meinung nach, wie das zustimmende Murmeln im Forum zeigte) die Frage niemals sein, wer wie viel für Kinder verantwortlich in einem Gemeinwesen sei, denn: „Es gibt nur eine Gesamtverantwortung für die Kinder.“