Das monatelange Chaos bei der Berliner S-Bahn geht weiter: Laut Bahnangaben konnte die S-Bahn gestern nur 286 der 310 für den Notfahrplan vorgesehenen Waggons einsetzen. Außerdem kam es immer wieder zu Verzögerungen, viele Linien fahren nur im 20-Minuten-Takt, einige gar nicht. Von insgesamt 662 Einheiten muss die Bahn über die Hälfte wegen möglicher Reifenschäden überprüfen, was sich laut S-Bahn wegen der Kälte noch schwieriger gestalte. Der eingeschränkte Fahrplan bleibe bis auf weiteres in Kraft, so ein Sprecher.
Zu den aus der Politik geforderten Entschädigungen - so fordert Andreas Kohler (SPD) zwei Monate freies Fahren für alle Nahverkehrsnutzer - äußerte sich der Sprecher nicht, der zustandige Bahnvorstand Ulrich Homburg werde sich Ende Januar dazu äußern, wie es bei der Bahn weiter gehe.
So lange will der Berliner Senat nicht mehr warten: Laut SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller haben "die Verantwortlichen für die S-Bahn gezeigt: Sie können es nicht." Die zuständige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kürzte den Zuschuss für die S-Bahn für 2009 bereits um 37 Millionen Euro, morgen will sie vorstellen, wie sie sich den Fortgang denkt. Dabei, so SPD-Verkehrsfachmann Christian Gaebler, gehe es nicht um eine Kündigung des bis 2017 laufenden Betriebsvertrags mit der S-Bahn: Dies "würde nur die Bahn aus der Verantwortung für das Desaster entlassen."
Beschluss über das weitere Vorgehen bis März
Bis zum März will der Senat über das weitere Vorgehen beschließen: Laut Michael Müller wolle man "eine Ausschreibung des Verkehrs, aber es gibt auch eine sehr ernsthafte Diskussion über eine Betriebsübernahme durch das Land." Die mitregierende Linkspartei strebt laut deren Verkehrsexpertin Jutta Mattuschek "ein kommunales Verkehrsunternehmen ohne Renditedruck an". Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) verwies auf gute Erfahrungen mit Ausschreibungen im Nahverkehr.
Die Zeit für eine Entscheidung ist knapper als das Vertragsende 2017 erwarten lässt: Wer die Bahn dann betreibt, benötigt für die Entwicklung und den Bau eigener Waggons bis fünf Jahre Zeit. Fremde Waggons passen schlecht auf das Berliner Gleisnetz. Berlins Abgeordnetenhaus macht jedenfalls Druck: Auf SPD-Antrag muss nächsten Montag Bahnchef Grube Rede und Antwort stehen. Andreas Köhler fordert von Grube die Entlassung des zuständigen Vorstands Homburg. CDU-Verkehrsexperte Oliver Friederici will gar einen Krisenstab einsetzen, in dem auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sitzen soll. Der hatte kürzlich erklärt, die Bahn habe die S-Bahn "ausgequetscht". Vom Bund als Eigentümer der Bahn erwartet SPD-Fraktionschef Müller, "dass er für einen vernünftigen Betrieb der S-Bahn sorgt."