In Zeiten, in denen immer mehr junge Menschen an die Hochschulen drängen und sich das Handwerk vor einer ungewissen Zukunft sieht, ist es eine besondere Nachricht: 1400 neue Ausbildungsplätze in der Industrie wird es 2012 Jahr wohl in Berlin geben. Vorausgesetzt natürlich, die Unternehmen halten sich an die Vereinbarung, die sie im „Steuerungskreis Industriepolitik“ zusammen mit dem Berliner Senat und den Gewerkschaften getroffen haben. Diese seit 2010 bestehende Kooperation führe zu einer „Bündelung der Kräfte“, sagte Wowereit. Exemplarisch stünde dafür das Konzept der Verbundausbildung. Unternehmen und Politik seien gemeinsam aufgefordert, jungen Menschen berufliche Perspektiven zu bieten, betonte Wowereit.
„Kleinere und mittlere Unternehmen sind mit der Ausbildung oft überfordert, sagt Burkhard Ischler, Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Die Verbundausbildung sei hier eine große Unterstützung: Die Unternehmen schließen sich zusammen und lassen ihre jungen Mitarbeiter bei einem betrieblichen Partner ausbilden. Beim Technologiekonzern ABB im Gewerbegebiet „PankowPark“ machen so in diesem Jahr 560 Jugendliche aus Berlin und Brandenburg eine betriebliche Verbundausbildung. Von Lehrmaterial bis zu hochautomatisierten Maschinen steht hier zur Verfügung, was sich ein Kleinbetrieb allein nicht leisten kann.
Jugendliche für eine Ausbildung begeistern
Für diese Anstrengungen dankte Wowereit den Unternehmen, wies aber auch darauf hin, dass man mit der erhofften Aufstockung der Ausbildungsplätze auf 1400 zunächst nur auf den Stand von 2007 zurückkehre. Entscheidend sei es weiterhin, unter Jugendlichen für Ausbildungsberufe zu werben und Patenschaften zwischen Schulen und Unternehmen zu schaffen. Deren Verhältnis sei bislang leider häufig von „Sprachlosigkeit“ bestimmt. Nicht nur der Regierende Bürgermeister dürfte sich also sehr gefreut haben, als zum Abschluss seines Besuchs ABB und das Max-Delbrück-Gymnasium aus Niederschönhausen eine Kooperationsvereinbarung schlossen. Durch Praktika und Berufsorientierung sollen Schüler anschaulich lernen, wie Wirtschaft funktioniert – und das Interesse für eine betriebliche Ausbildung entwickeln.
Dass die Verbundausbildung eine gute Sache ist, findet auch Jean-Philippe David. Der 22-jährige ist Jugendvertreter beim Energiekonzern Alstom und berichtet: „Ich habe meinen Ausbildungsplatz recht schnell bekommen, aber da bin ich wohl eine Ausnahme. Viele Bekannte schicken mehr als 100 Bewerbungen und kriegen nichts.“ Für ihn ist deshalb auch nötig, dass die Beschäftigten kritisch ihre Stimme erheben und sich einmischen im Unternehmen. So könnten zum Beispiel drohende Schließungen verhindert werden.
Es bleibt noch viel zu tun – gemeinsam
Sicherlich eine wichtige Bemerkung an einem Tag, der vor allem im Zeichen der Zufriedenheit über das Erreichte stand. Die Unternehmen, die er hier besichtigt habe, seien verantwortungsbewusst und Vorreiter bei der Ausbildung, lobt Wowereit am Ende seines Rundgangs, aber es gebe immer noch viele Ausnahmen: „Wenn manche Großunternehmen eine Ausbildungsquote von unter fünf Prozent haben, dann muss das für sie peinlich sein.“ So forderte auch Margit Haupt-Koopmann, Berlin-Chefin der Arbeitsagentur, dass sich Unternehmen auch den „nicht gleich auf den ersten Blick bestechenden“ Bewerbern widmen. Eine Chance habe jeder verdient. Wenn die gemeinsame Anstrengung von Unternehmen, Politik, Gewerkschaften und Schulen nicht nur eine Absichtserklärung ist, dann bleibt Jean-Philippe mit seiner schnellen Zusage vielleicht keine Ausnahme.