Die Berliner CDU macht auch ihrem neuen Chef Frank Henkel vor allem Kopfzerbrechen: Seit Monaten tobt im einflussreichen Bezirk Neukölln ein Machtkampf zwischen dem sog. konservativen Lager um den Stadtrat Michael Büge und die sog. Liberalen um die stellv. Kreisvorsitzende Steffanie Vogelsang. Letztere hatte bei der Nominierungskonferenz der Landes-CDU Platz problemlos drei erobert, wird aber seither systematisch demontiert. Letzte Höhepunkte dieser außerordentlich hart geführten Auseinandersetzung: Anfang des Jahres hatte ein Kreisparteitag der Neuköllner CDU die Kreisvorsitzende Vogelsang ohne Gegenkandidat zweimal ohne Mehrheit dastehen lassen, bis die resignierte und an ihrer Stelle den Stadtrat Michael Büge vorschlug, der auch prompt eine Mehrheit gewann. Auf einem außerordentlichen Kreisparteitag voriges Wochenende hatte dann die Mehrheit der CDU ihre stellv. Bezirksbürgermeisterin aufgefordert, auf ihre Kandidatur zum Bundestag zu verzichten, was diese jedoch ablehnte.
Nun eskalierte der Machtkampf auf ungewöhnliche Weise: Auf der Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln am vergangenen Mittwoch brachten zehn von 17 Fraktionsmitgliedern - darunter der Fraktionschef Falko Liecke - ohne Vorankündigung einen Abwahlantrag gegen Vogelsang ein. Der stellv. Fraktionschef Christopher Kroll vom Vogelsang-Flügel kritisierte, niemand habe in der Fraktionssitzung einen solchen Antrag gestellt: Wer sich derart über die Fraktion und ihre Regeln hinweg setze, könne kein derartiges Amt bekleiden. Bei den anderen Fraktionen herrsche Unverständnis darüber, "wie hier Parteistreitigkeiten in die Fraktion und die BVV getragen werden", so Kroll weiter.
Das Büge-Lager wirft Vogelsang Misswirtschaft vor und beanstandet u.a. ein Loch von 40 000 Euro aus dem Wahlkampf 2006 sowie auf dem Kreisparteitag Buchungsfehler. Der Parteitag forderte genaue Prüfung, Vogelsang selbst bat die Bundespartei, die Akten zu prüfen. Der Rudower CDU-Chef Sascha Steuer forderte "ein Ende der Kampagne, die nicht als eine nachträgliche Rechfertigung der Abwahl Vogelsangs sein soll." Außerdem kündigte Steuer rechtliche Schritte gegen Kreischef Büge an, der sein Verhalten in dem Machtkampf mit dem Adolf Hitlers gegenüber den Widerständlern des 20. Juli verglichen haben soll. CDU-Generalsekretär Bernd Krömer mahnte: "Der politische Gegner steht außerhalb der CDU." Dieser kann das Hickhack in der CDU in Ruhe genießen: Der regierenden SPD liefen nach der grünen "Überläuferin" Bilkay Önay auch das grüne BVV-Mitglied Sinan Senyurt aus dem Bezirk Mitte sowie der frühere Pankower Baustadtrat Andreas Bossmann (parteilos für die Linke im Amt gewesen) als neue Mitglieder zu.