Die Politprominenz ist angekommen. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, schreitet lässig, locker und entspannt in Jeanshose mit Sakko und offenem Hemdkragen auf die Bühne, - hier in Form eines hell weiß scheinend bemalten Bodens in der "Station", einer alten frisch aufgeputzten Fabrikhalle im besten New-Yorker Stil in Berlin Kreuzberg. Die Journalisten folgen eifrig Wowereit, der freundlich händeschüttelnd Parteifreunde begrüßt. Die beiden anderen Spitzensozialdemokraten Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse und SPD-Landeschef Michael Müller erhalten kaum Aufmerksamkeit an diesem Samstagmorgen.
Es soll um Ingration und Teilhabe gehen in dieser ersten von vier "Ideenkonferenzen" , die Berlins SPD veranstaltet. Ideen lassen sich aber nur spärlich dem Publikum aus der Nase ziehen, während der Plenumdiskussion an diesem Vormittag. Fragen können auf kleinen Zetteln in einer Frageecke abgegeben werden, wo zwei SPD-Mitarbeiter sie dann sortieren. Welche Fragen warum aussortiert werden, weiß keiner. Unter dem meinungsmäßig recht homogenen Publikum, von dem rund ein Drittel einen Migrationshintergrund haben, lässt sich kein einziges Kopftuch erblicken. Dafür sind alle angezogen, als wäre es eine Vernissage im modischen Prenzlauer Berg, arm ist hier eindeutig keiner. Eine Frage geht durch die Zensur: "Was kann man gegen die Vertreibung des deutschen Einzelhandel tun?" Das scheint irgendwie nicht zu dieser politisch korrekten Versammlung zu passen.
Aus dem Expertenplenum - das zumeist aus Experten mit Migrationshintergrund besteht - antwortet Dr. Mark Terkessidis, Migrationsforscher und Journalist, eher überrascht über die Frage. Er sehe es zum Beispiel an der Sonnenallee, einer berühmten Strasse im Berliner Problemstadtteil Neukölln, wo es zumindest im Norden fast nur noch Migrantengeschäfte gibt, als eine Bereicherung. Terkessidis schließt seine Anwort mit der Gegenfrage: " Was spricht dagegen?" Das Publikum gibt keine Rückantwort. Die Moderatorin und Tagesspiegel-Journalistin Ferda Ataman versucht sich mit einen liberalen Grundsatz zu retten, aber das "Vielleicht sollte man das den Markt regulieren lassen?" löst lautstarke Buhrufe der sozialdemokratisch dominierten Versammlung aus. Danach wird das Thema nicht weiter besprochen.
Thilo und der Tiger
Eine der "Panel"-Diskusssionen am Nachmittag befassen sich mit dem ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, SPD-Mitglied und jetziger Bundesbankvorstand. Seine Aussagen über Migranten und Harz-VI Empfänger - er hatte unter anderem gesagt: ''Warmduscher sind nie weit gekommen''und deshalb eine Empfehlung zum Kaltduschen für diese Gruppen ausgesprochen. Terrekessidis meint über die Aussagen von Sarrazin: "Es war eine zeitlang selbstverständlich, was Sarrazin gesagt hat, aber es ist mit der SPD nicht vereinbar", Wowereit fasst nach geduldigem Warten den Tag damit zusammen, dass man nicht vergessen dürfe, wie weit man mit der Integration bereits gekommen sei. Der gutgelaunte, samtagsschläfrige Wowereit springt mit tigerartiger Geschmeidigkeit rhetorisch über Thilo Sarrazin her und bekennt sich als Warmduscher. Er widerspricht der Aussage von Sarrazin mit dem schlagenden Verweis auf sich selbst: Er als erfolgreicher Bürgermeister Berlins und stellvertretender Vorsitzender der SPD beweise schließlich, dass man es als Warmduscher weit bringen kann. Sarrazins Behauptung, die Berliner Türken produzierten nicht mehr als "Kopftuch-Mädchen", wurde gar nicht mehr verhandelt.
Die "Ideenkonferenz" der Berliner SPD geht zu Ende. Welche neuen Ideen die Bürger mitgebracht haben, bleibt offen, nur eine SPD, die nicht mit Vielfalt in der Partei und in der Bevölkerung klar kommt, bleibt zurück.
Europa- und Levanteschulen
Seit ca. sieben Jahren stelle ich diese Forderung beharrlich für eine bessere Beschulung der Türkisch- und Arabischstämmigen Kinder und wurde dafür oft ausgebuht. Einen Antrag innerhalb meines Kreises habe ich gestellt und nun muss ich zusehen, wie Angela M. und die Konservativen meine Pläne schneller umsetzen werden, als meine Partei reagiert. Seit Jahren schreibe ich immer wieder dasselbe. Und ich bleibe dabei, wir müssen auf die Kinder zugehen und sie vorerst dort abholen, wo sie z. Z. stehen, nämlich in ihrer Sprachenisolation inmitten unter uns Deutschen. Darum sollten wir Deutsch-Türkische Europaschulen und Deutsch-Arabische Levanteschulen sofort zur Verfügung stellen, ehe es von den Konservativen als ihre Idee aufgegriffen und umgesetzt wird. Es ist das beste Mittel, wie wir Migranten in unserem System binden und was wir ihren Kinder bieten können, um den Anschluss an das Deutsche Schul- und Bildungssystem nicht zu verlieren.
Warum ich diese Möglichkeit am Besten finde, schildere ich nun:
• Die Herkunfts- oder meist Muttersprache der Kinder von Migranten, wird zunächst richtig erlernt. Diese Vorraussetzung ermöglicht es, weitere Sprachen zu lernen. Ohne Muttersprache kann keine weitere Sprache richtig erlernt werden, das ist wissenschaftlich fundiert.
• Die Kinder lernen in „ihrer“ Sprache lesen und schreiben, mit „ihrem“ kulturellem Background, den sie in Deutschland nur vom Hörensagen kennen lernen. Denn auch die jeweilige Landeseigene Kultur wird in einer bilingualen Schule automatisch vermittelt.
• Selbstverständlich lernen die Kinder spätestens ab der zweiten Klasse unser deutsches Alphabet und nebenher die deutsche Schrift- und die richtige Sprachweise. So werden Kinder z. Z. in den existierenden Europaschulen beschult, die in Deutschland bereits (oder sollte man besser sagen erst?) ca. 36 Mal existieren.
• Sie erlernen leider z. Z. noch in deutscher Sprache die Mathematik, was m. M. n. völlige unlogisch erscheint, da fast alle anderen Sprachen die Zahlen in ihrer tatsächlichen Reihenfolge sprechen. Fast nur in der deutschen Sprache werden zuerst die hintere Zahl und zuletzt die vordere Ziffer genannt, beginnend mit der Ziffer 12. Dadurch wird zusätzlich den Kindern von Migranten ein immens schweres Hindernis aufgestellt.
• Vom Hörensagen werden oft Märchen und Fehlinterpretationen über geschichtliche Ereignisse überliefert. Es führt zu romantisierten Vorstellungen von den Herkunftsorten und zu beschönigenden Gräueltaten der Vergangenheit, die wir selbst kennen. Es gibt in jedem Volk die „guten, alten und bessere Zeiten“.
• Die Kinder von bisher nicht integrierten Migranten könnten in „ihrer“ Sprache lernen und müssten nicht eine „fremde“ Sprache neu, falsch und brüchig lernen, so wie es bisher für sie der Fall ist.
• Dadurch hätten diese Kinder mehr Erfolgserlebnisse und sie wären viel entspannter und weniger frustriert.
• Die Kinder von Migranten könnten besser zum Erfolg der Klassen beitragen, sie fühlten sich ernst genommen.
• Sie bräuchten sich weniger durch Gewalt Luft machen, was dem friedlichen Miteinander dienen würde.
• Die Eltern dürften nun endlich ihre Kultur an uns herantragen. Durch das Geben und Nehmen erhielten die Erwachsenen Respekt, denn bisher prägen uns mehr Vorurteile als kultureller Austausch obwohl wir uns seit mehr als vierzig Jahren begegnen. Die Achtung, die Migranten zusteht, ist ihnen bedingt durch die Stellung als Bittsteller in unserer Gesellschaft bisher fast völlig versagt worden.
• Da Ansehen immer im Gegenzug erbracht wird, könnten wir das Selbe nun auch von ihnen erwarten, ein besseres Aufeinanderzugehen ist die Folge der Europa- und Levanteschulen.
• Viele Kinder könnten sich durch diese hervorragende Ausbildung bis zum Abitur und darüber hinaus weiterbilden und das sogar in „ihrer“ Sprache.
• Mädchen könnten diese Chancen nutzen und endlich den Männern das Kopftuchtragen überlassen, wenn sie es wollen. Einzig allein eine gute Bildung verschafft bekanntlich „Aufklärung“ und persönliche Freiheit.
• Die Kinder hätten als Erwachsene die Wahl, ob sie vielleicht in ihre Herkunftsländer zurückgehen möchten, die haben sie bislang nicht, weil sie auch in ihren Herkunftsländern faktisch marginalisiert und Migranten sind. Bisher kam ja noch niemand auf die Idee sie zu fragen, ob sie unbedingt hier bei uns Deutschen leben möchten, wo wir in vielerlei Hinsicht nicht gerade nett mit Kindern und Migranten umgehen.
• Die Kinder könnten endlich in den Genuss besserer Berufsausbildungen und Studien kommen.
• Die Kinder von Migranten würden eher nicht mehr beim Sozialamt oder schlimmer noch, chancenlos als Kriminelle enden. Es kommt kein Mensch auf die Welt und behauptet, er möchte gerne Hartz-IV-Empfänger oder Rechtswidriger werden. Jeder Mensch will Prinzessin oder Ritter, Feuerwehrmann oder Krankenschwester, Lehrerin oder Kindergärtner werden und vor allen Dingen will jeder Mensch in seiner Kindheit eine Familie mit einem „Haus am See“ haben.
So viel zu den Vorteilen für die Kinder von türkischen und arabischen Migranten.
Und was haben wir Deutschen davon?
• Wenn die deutschen Kinder in den Europa- und Levante-Schulen in Türkisch u. Arabisch ausgebildet werden, können unsere Kinder nach dem Studium oder nach der Ausbildung mit den reichsten Staaten der Welt verhandeln, z. B. den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Kuwait.
• Die türkische Sprache dient dabei als Brückenschlag zwischen unserer und der moslemisch- islamischen Gesellschaft.
• Die arabische Sprache bringt uns dann direkt zu den reichsten Handelspartnern der Welt.
• Die Europa- und Levante-Schulen werden uns eher mit den Arabischen und Türkischen Migranten ins Gespräch bringen als bisherige Versuche.
• Außerdem wissen alle, dass die letzten Erdölvorkommen u. a. im Osten lagern, dort gehandelt und gefördert und die kommenden Kriege wegen der letzten Reserven geführt werden. Durch unser Engagement könnte das verhindert werden.
Vielleicht fällt Ihnen selbst noch etwas ein, Sie dürfen gerne ergänzen.
Ich meine, dass die o. g. Argumente ausreichen, um mindestens vier der jeweils genannten Schulen sofort zu gründen. Möglichst in den Brennpunkten der Städte Berlin, Köln und Frankfurt am Main.
Zuerst muss Überzeugungsarbeit bei den jeweils betroffenen Migrantengruppen und bei Deutschen Eltern geleistet werden. Migranten mit denen ich gesprochen habe, zeigen inzwischen Angst, ihre eigene Sprache in Deutschland von ihren Kindern erlernen zu lassen. Wir sagen ihnen, lernt Deutsch, lernt Deutsch… aber das ist nicht der richtige Weg für diese Kinder. Wir leben in der Europäische Union und die Globalisierung steht im Vordergrund bei Berufschancen, wir können das Rad nicht zurückdrehen. Wir sollten nicht vergessen, dass wir unseren Wohlstand Ali u. Eiche zu verdanken haben. Sie kamen zu uns und haben ihre Heimat hinter sich gelassen, sie waren und sind fleißig. Jedes Kind in der Gesellschaft hat es verdient, dass es in Würde beschult wird und nicht seines wichtigsten Instrumentariums beraubt wird, seiner Herkunftssprache. Wenn wir weiterhin massenweise Kinder und deren Zukunft ab dem fünften Lebensjahr „mundtot“ machen, werden sie uns als Erwachsene schelten, weil sie sich lange Zeit nicht artikulieren durften.
Ich vertraue auf die Mitmenschlichkeit und die Liebe, die uns alle trägt, wir sind alle aufeinander angewiesen. Die Liebe ist ein Teil unseres Grundwertes, dass als GG von Menschen niedergeschrieben wurde, die nach dem zweiten Weltkrieg hohe Verantwortung trugen. Und weil ich, wie sie, unser GG liebe und achte, werde ich für dieses GG eintreten und wie für einen heiligen Gral dafür ringen, dass das Schubladendenken abgebaut und der sich immer mehr verbreitende Rechtspopulismus an die Seite gedrängt wird.
Unsichtbare Schlagbäume müssen aufgeschlagen werden, die einem großen Teil unserer Gesellschaft bisher wie ein undurchdringlicher Wall erscheinen muss, dem kein Visums- oder Aufenthaltsgenehmigungsstempel zum beruflichen Aufstieg verhilft.
„Break down the wall!“