Wer sich vom SPD-Kongress "Heimat Metropole" eine ausführliche Vorstellung der Politik der gleichnamigen Kommission unter Leitung von Klaus Wowereit erwartet hatte, der wurde am freitagabend im Berliner "Radialsystem" (angenehm?) überrascht: Die rd. 800 schwitzenden, weit überwiegend Berliner Zuschauer im engen, fensterlosen Saal des alten Radialsystems in Friedrichshain erlebten einen rundweg lockeren, auf Wahlkampf ausgerichteten Abend mit SPD-Größen und Vertretern von Kunst und Kultur.
Zum Auftakt sah man einen kurzen, gut gemachten Berlinfilm vom weltweit bekannten Kameramann Michael Ballhaus, dann gab es großen Beifall für Berlins Regierenden Bürgermeister Wowereit, der sein Heimspiel sichtlich genoss. Das Thema Stadtpolitik werde in der SPD ernster genommen als früher, versicherte er. Städte seien Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen und die SPD müsse Antworten geben auf die Herausforderungen der sozialen Spaltung der Städte und andere Probleme. Die moderne Metropole, erklärte Wowereit, müsse allen Menschen eine Chance geben und einer Trennung in "Gated Communities" und "No-Go-Areas" entgegen wirken. Dazu sei Bildung zentral, Kitas, Schulen und Unis müssten gebührenfrei bleiben. Weiter brauche es eine Willkommenskultur sowie die Integration der Migranten inclusive kommunalem Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger. Schließlich müsse man - wie in Berlin - viel tun für die "kreative Klasse", die die Metropolen bunt und dynamisch mache. Wowereit schloss mit einem Toleranzappell: Die SPD wolle einen bunten Mix in den Städten, man stehe dafür ein, andere Menschen zu akzeptieren und für soziale Gerechtigkeit.
Für den Fotografen Jim Rakete war Berlin vor 20 Jahren so kaputt, dass er sich fragte: "Warum haben wir uns nicht alle umgebracht?" Andererseits habe die Stadt Platz für neues gehabt. Musikmanager Tim Renner forderte einen Kreativpakt, der die eine Million Jobs in Bildung, Kunst und Bildung unterstützen soll. Im Anschluss berichtete Kopenhagens Bürgermeisterin Ritt Bjerregard, wie Dänemarks Hauptstadt versucht, aus Risiken Chancen zu machen: Mit Ganztagsschulen, viel Wirtschafts-, Integrations- und Sozialpolitik.
Ein Aufreißer war der Hiphopsong "Legal leben" der "Gangway Beats", die gegen frauen- oder schwulenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Hiphop auftreten. SPD-Chef Franz Müntefering gab zu, dass sei zwar nicht sein Musikgeschmack, die "Burschen sind aber inhaltlich richtig drauf" und gäben den jungen Leuten viel Selbstvertrauen, er finde das "prima".
Zum Schluss bekräftigte Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, Berlin sei eine Weltstadt. Rot-Rot habe Schluss gemacht mit verklemmtem Kleingeist, heute sei die Stadt wieder Treffpunkt von Ost und West, vielfältig, weltläufig, wenn auch manchmal etwas schwierig. Angesichts der wachsenden sozialen Spaltungen in den Megacities dieser Welt, aber auch in Deutschland, werde die SPD keine Teilungen mehr zulassen. "Wir haben hier eine andere Stadtkultur", so Steinmeier unter viel Beifall, "wir legen Wert auf öffentliche Infrastruktur und -Raum." Eine liberale, tolerante Stadt müsse immer wieder erkämpft werden, auch gegen Gegner von Rechts: Deshalb habe er die Initiative "Nazis aus dem Takt bringen" mitgegründet.
Auch die Zukunft der Städte werde am 27. September mitentschieden, so der Außenminister weiter. Es gehe um Chancen für alle oder Privilegien für wenige, es könne nicht sein, dass die krisenverursachende Ideologie der gier nun Krisengewinnler werde. Schwarz-gelbe Steuersenkungsversprechen, so Steinmeier, seien unseriös: "Wer soll dann Bildung für alle beazhlen?" Rot-Grün habe das Land gesellschaftlich liberalisiert, nun drohe der Backlash: "Integration, Gleichstellung, Homoehe - Wo war eigentlich die FDP bei all unseren Reformen?" so Steinmeier kämpferisch in die Richtung seines gewünschten Koalitionspartners.
Dabei gebe es noch so viel zu tun, Steinmeier nannte Reformen beim Staatsbürgerschaftsrecht, das Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger, für die kreative Klasse, für Alleinerziehende und sozial Schwache usw. In der Bildungspolitik forderte er gleiche Chancen für ale Kinder, Gebührenfreiheit, Schulsozialarbeit und Ganztagsschulen. Schließlich entscheide der 27. September auch über den Atomausstieg. Einen Neustart der sozialen Marktwirtschaft gebe es nur mit der SPD, so Steinmeier unter dem Jubel der Besucher, eine tolerante und faire Gesellschaft nicht ohne sie.