Seit 2007 ist die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam laut Prognos-Atlas die "familienfreundlichste Stadt Deutschlands". Derzeit hat sie über 100 Kitas, die von 46 freien Trägern betreut werden. Damit gibt sich die von OB Jann Jakobs (SPD) regierte Stadt aber nicht zufrieden: sie baut systematisch ihr Angebot an betrieblichen Angeboten und städtischen Tagesgroßpflegestellen aus. So errichtet das städtische Klinikum Ernst von Bergmann zusätzlich zu den bereits belegten 60 Plätzen einen Anbau für weitere 50 Kinder. Laut Klinikchefarzt Hubertus Wenisch will man systematisch "hervorragende Fachkräfte" im boomenden Medizinbereich "auch mit einem sehr guten Kinderbetreuungsangebot" nach Potsdam locken oder in der Stadt halten.
Im Bereich des Wissenschaftsparks Golm entsteht eine weitere Anlage, der Filmpark Babelsberg will auf eigenem Gelände eine Kita für 130 Kinder ab August 2010 durch die Fröbel gGmbH betreuen lassen. Laut Elona Müller, parteilose Beigeordnete für Soziales der Stadt, gehen jährlich rd. 38 Millionen Euro in die Kita-Betreuung der 130 000-Einwohner-Stadt. Davon kommen 20 Prozent vom Land, den Rest zahlen die Stadt und die Eltern über ihre Beiträge.
Jedes Jahr 200 Plätze mehr
Außerhalb der Kitas, d.h. Horte, Krippen und Kindergärten, die in Potsdam alle von freien Trägern geführt werden, stellt die Stadt 350 Tagespflegeplätze bereit. Diese Anzahl soll sich bis 2013/14 verdoppeln, so Jugendamtsleiter Norbert Schweers. Die Zahl der Kitaplätze steigt in dieser Zeit von 12 440 derzeit auf mindestens 14 000, also jährlich um rund 200 Plätze. Im Januar 2010 startet ein Betreuungsplatzservice, der über eine online-Plattform Nachfrage und freie Kapazität abgleichen hilft.
Allerdings übersteigt die Nachfrage in den "jungen, hippen" Stadtteilen Babelsberg und Innenstadt auch weiterhin das Angebot. Der Kinderboom schlägt sich bereits im schulischen Bereich nieder: Die Schulentwicklungsplanung musste für steigende Kapazitäten angepasst werden.
Potsdam kinderfreundlich ja, aber...
Liebe Leserinnen und Leser,
ich kann es mir bezüglich dieses Artikels nicht verkneifen darauf einzugehen, das der Titel zwar schon nicht ganz falsch ist, Potsdam ist nicht kinderunfreundlich, aber was mich als Babelsbergerin (ihr Artikel redet von "jung und hipp", soso...) mit zwei kleinen Kindern im Alltag doch daran zweifeln lässt...
Da ist das katastrophale Verkehrskonzept, das mitnichten auf die Bedürfnisse junger und noch jüngerer Verkehrsteilnehmer und - teilnehmerinnen ausgerichtet ist: Im ganzen Stadtteil gibt es gerade mal zwei (!) Zebrastreifen und nur an der Hauptverkehrsstraße Ampeln! Wer nun glaubt es gibt stattdessen ein durchdachtes shared-spaces-Konzept, der sei leider enttäuscht: Kinder können auch in Potsdam nicht wirklich sicher und selbstbestimmt ihren Kiez erobern.
Nicht ganz schweigen möchte ich eigentlich auch zum gemeingefährlichen Leben als überzeugte Radfahrerin in Potsdam. Auch hier gibt es viel zu tun für VerkehrsplanerInnen, die Kinder nicht zu Autofahrern erziehen möchten.
Da wäre aber auch die gelobte Kinderbetreuung: Da wird tatsächlich viel Geld in die Hand genommen, um Kapazitäten zu erweitern und auch für die Bildung der Kleinen und Kleinsten etwas zu unternehmen. Gleichzeitig wird aber nichts unternommen, um den katastrophal hohen Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen effektiv zu senken!
Wo sind die Gelder für mehr Fachkräfte in Krippe, Kita, Hort und Schule?
So wie die Schlüssel jetzt gerechnet sind, findet doch meist nur Beaufsichtigung statt anstatt sinvoller Beschäftigung bzw. Förderung. Das frustriert nicht nur Eltern, auch Erzieherinnen und Lehrer sind so weit ausgebrannt, daß dies das Problem wegen Krankenständen bis an die äußerste Belastungsgrenze noch verschärft. (In unserer Schule fehlen derzeit 25% der Lehrkräfte, da kann gar nichts mehr aufgefangen werden...)
Ja, wir könnten feststellen, daß es da natürlich Sache des Landes Brandenburg wäre, entsprechende Gesetzte zu ändern, Geld locker zu machen, aber die Kommune sollte sich tatsächlich mehr darum kümmern, damit ich demnächst mit vollerer Überzeugung in den Lobgesang einstimmen kann.
Nathalie Löwe