Bericht zum Forum „Effiziente, ökologische Stadt“
Europa wandert: in die Großstädte hinein und aus diesen heraus. Nicht unbedingt ein Widerspruch, da Städte europaweit als Verdichtungsräume verstanden werden. Sie wachsen nach Erkenntnissen von Folkert Kiepe, beim Deutschen Städtetag für Stadtentwicklung, Bauen, Wohnen und Verkehr zuständig, aber „sie wachsen nicht im Kern, sondern an den Rändern“.
Die Ausfransung der Städte mit ihrer Trennung von Wohnen und Arbeiten führt zu erheblichen Infrastrukturproblemen: Die „Annehmlichkeiten“ des Wohnens im Grünen führen zu Unannehmlichkeiten wie Pendler- Verkehrssstaus. Die Kernstädte überaltern und verarmen. Dennoch werden dort die Anforderungen an die kommunale Daseinsvorsorge nicht geringer, während sie an den Rändern rapide zunehmen.
Vor diesem Hintergrund muss sich Stadtpolitik neu definieren: Ziel, so Kiepe, ist „die kompakte, nutzungsgemischte und sozial integrierende europäische Stadt“. Denn die Zahl der über 60-Jährigen und der Menschen mit Migrationshintergrund wird in den Städten deutlich zunehmen und sie müssen sich mit ihrer öffentlichen Infrastruktur anpassen. Der gewohnte Standard der Daseinsvorsorge wird in Zukunft nur noch in großen Städten und in Netzwerken kleiner Städte und Gemeinden möglich sein.
Je mehr Städte oder Stadtregionen sich ausdehnen, desto größer werden die Entmischungstendenzen. Wer es sich leisten kann, wohnt in der Fläche, aber kann sich die Gesellschaft das leisten? Kann sie nicht, denn die allseits gewünschte Mobilität ist weder in den Zentren noch in der Fläche dauerhaft zu gewährleisten, wenn gleichzeitig Individualverkehr und ÖPNV gefördert werden sollen.
Städte und Umland können nur gedeihen, wenn der Autoverkehr geordnet und begrenzt wird. Zentren und Umlandgemeinden müssen gemeinsam ihren jeweiligen Großraumverkehr abstimmen und reduzieren. Die Begünstigung des Straßenverkehrs zu Lasten einer gesellschaftlich akzeptablen Nutzung aller Verkehrsträger sollte ein Ende haben, sonst sind in absehbarer Zeit die städtischen Verdichtungsräume vollends dicht.
Zwei Schritte sind erforderlich, um den drohenden Kollaps abzuwenden. „Der Kannibalismus der Kommunen bei der Ansiedlung muss beendet werden.“ Mit dieser Auffassung weiß sich Gisela Nacken, Dezernentin für Planung und Umwelt in Aachen, in Übereinstimmung mit vielen Kolleg/innen. Sie setzt, wie auch der Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz, auf die mobile und ökologische Effizienz des ÖPNV. „Wer damit zur Arbeit fährt“, so Franz, „bekommt den Kopf frei.“
Der ÖPNV, vor allem der schienengebundene, ist zwar kostenintensiv, bietet aber, gerade unter ökologischen Gesichtspunkten, den höchsten Effizienzgrad, und der ist bei zunehmender Alterung der Gesellschaft geboten. Daher ist es unsinnig, dessen Mittel zurückzufahren. Denn sie sind keine Subventionen, sondern eingekaufte Leistungen für eine nachhaltige Daseinsvorsorge. Diese Erkenntnis muss in den Köpfen der öffentlichen Verwaltungen verankert werden. Infrastruktur, vor allem im Schienenverkehr, muss nach Auffassung der Berliner Staatssekretärin für Stadtentwicklung, Maria Krautzberger, „in öffentlicher Verantwortung bleiben“, denn eines ist sicher: die Renaissance der Innenstädte.
Gerade angesichts dieser Perspektive ist ein attraktiver, wettbewerbsfähiger und wirtschaftlich erfolgreicher ÖPNV für Großstadtregionen lebensnotwendig. Einzelne Kommunen allerdings könnten mit dieser Herausforderung überfordert sein. Erforderlich ist die Schaffung von Verkehrsverbünden und der Abschied von der verkehrspolitischen Kleinkrämerei. Das gilt vor allem in der Fläche, damit auch kleinere Städte und Gemeinden an den Rändern der Ballungsräume Zukunftschancen haben.