Bericht zum Workshop „Strategische Öffentlichkeitsarbeit für Fraktionen“
Das ist der zentrale Fehler von Politik im Großen wie im Kleinen: „Wir reden zu häufig über die Menschen und nicht mit ihnen.“ Das mag bequem sein, politisch ist es nicht, da es dazu verführt, Eigenvor Fremdwahrnehmung zu stellen. „Wer die politische Landkarte der Kommunen zeichnen will“, so der Hamburger Sozialwissenschaftler René Märtin, „der muss rausgehen, zuhören und nachfragen. Schließlich sind wir keine Ufos.“
Politikerinnen und Politiker müssen als Akteure mittendrin sein im Geschehen ihrer Kommunen, denn viele politische Fragen werden maßgeblich von denen beeinflusst, die die Definitionsmacht besitzen. Wer sich nicht bekannt macht, wird in der Lokalpolitik kaum auf Sieg setzen können. Genau hier beginnt strategische Öffentlichkeitsarbeit, und die hat mit klassischer Pressearbeit nur sehr wenig zu tun. Pressemitteilungen, egal ob auf Papier oder elektronisch verbreitet, sind nur selten nachhaltig.
Märtins Ratschlag für Lokalpolitikerinnen und -politiker: „Lasst Euch einladen, von Vereinen, sucht die Runden Tische auf, auch die Stammtische, und sorgt dafür, dass Ihr die entscheidenden Personen in Eurer Kommune für Euch und Euer Anliegen einnehmen könnt.“ Dann nämlich gelingt es, dass andere von anderen Positives über uns erfahren.
Die sieben Punkte der strategischen Öffentlichkeitsarbeit
Sieben Punkte gilt es in der strategischen Öffentlichkeitsarbeit zu beachten, wenn Lokalpolitik nachhaltig werden soll:
- Aufmerksamkeit erregen
- Wahrnehmung erhöhen
- Bekanntheit steigern
- Orientierung geben
- Einstellungen verändern
- Unterstützung gewinnen
- Beziehungen von Dauer gestalten.
Das höchste anzustrebende Ziel ist die „Erzeugung eines Wir-Gefühls“. Dabei ist es unerheblich, was sozialdemokratische Politik ist, sondern wie sozialdemokratische Politik wirkt. Beispielhaft hat die Freiburger SPD ihre sozialpolitische Kompetenz so stark in der Öffentlichkeit verankern können, dass sie mittlerweile als „Volksfürsorge gegen Schwarz- Grün“ angesehen wird. Dabei ist es in Freiburg gelungen, den offenbar als Verächtlichmachung gedachten Begriff „Volksfürsorge“ positiv zu wenden.
Die Freiburger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben begriffen, dass sie Beziehungen knüpfen und pflegen müssen und damit auch erhalten können. „Wir müssen das Bild, das die Menschen von uns haben, aktiv gestalten“, fordert Märtin, „und wir müssen sagen und vermitteln, dass wir gut sind.“
Strategische Öffentlichkeitsarbeit hat Appell-Charakter. Sie soll Identifikation schaffen, am besten über die Ansprache auf der Gefühlsebene. Wer möchte schon bei einem Anliegen von gemeinsamem Interesse abseits stehen. Die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern ist das Nonplusultra strategischer Öffentlichkeitsarbeit.
Wer sich nicht mitten ins pralle Leben begibt, wird lokalpolitisch wenig bewirken können. „Wir müssen die Lebenswelten erfahren“, fordert Märtin, „und wir müssen uns darum kümmern, wie die Menschen in unserer Umgebung leben, müssen ihre Lebenswirklichkeiten kennen.“ Mit diesem Erfahrungsschatz werde es leichter, Einstellungen, Orientierungen und Werte zu vermitteln und deutlich zu machen, welche Wirkung sozialdemokratische Politik jetzt und in Zukunft in der Kommune entfalten soll.
Wer sich ins kurze Gras der Lokalpolitik begibt, sollte schon „dem Volk aufs Maul“ schauen. Das allein reicht jedoch nicht. Erst nachfragen macht schlau. Dabei, so Märtin, „fällt man so auf einiges, was man bislang nicht gemacht hat, aber immer schon mal hätte machen sollen.“
Die SPD ist die Partei der Kümmerer
Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten müssen in den Kommunen auch dafür bekannt sein, Dinge zu tun, die man nicht unbedingt von ihnen erwartet. Dazu braucht es Visionen und Konzepte, klare Zielformulierungen, aktive Beziehungsarbeit und die Organisation von Dialoggruppen, denn Informationen lassen sich am besten im Dialog vermitteln. Diese Bausteine strategischer Öffentlichkeitsarbeit haben letztlich nur ein Ziel: den Menschen das Image zu vermitteln, dass die SPD die Partei der Kümmerer ist.