Bericht zum Forum „Kommunale Sportpolitik“
Wenn sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Sportpolitik richtet, geschieht das meist im Zusammenhang mit Olympischen Spielen, Bundesliga oder Doping. Dabei wird oft übersehen, dass der größte Teil der in Deutschland aktiven Sportler vor Ort in den Sportvereinen der Kommunen aktiv ist und vor ganz anderen Herausforderungen steht.
Hier muss sich der Fokus der Sportpolitik verschieben“, so der Sportpolitische Sprecher beim SPD-Parteivorstand, Manfred Schaub, in seinem Impulsreferat zum Forum „Kommunale Sportpolitik“. Als Bürgermeister der nordhessischen Stadt Baunatal weiß er, wovon er spricht. „Die Vereine vor Ort machen eine hervorragende Jugend- und Seniorenarbeit. Sie leisten einen wichtigen Beitrag und entlasten damit die öffentliche Hand. Gleichzeitig brauchen aber auch sie selbst Entlastung.“
Hier geht Baunatal mit gutem Beispiel voran. Im Rathaus wurde eine Vereinsservicestelle eingerichtet, damit sich die ehrenamtlich Tätigen auf das Wesentliche konzentrieren können. Aus einer Hand werden alle Informationen aus dem Rathaus gebündelt und Anfragen und Anregungen der Vereine entgegengenommen. Ein Service, der die Kommunen wenig kostet, den Sportlern aber ermöglicht, sich um ihren Verein zu kümmern.
Sport leistet wesentlichen Beitrag zur Lebensqualität
Das funktionierende Vereinsleben vor Ort ist Schaub wichtig. Denn die vielfältigen Angebote des Sports leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Lebensqualität in den Kommunen, ein Element für den inneren Zusammenhalt des Gemeinwesens. Aber auch die kommunale Sportförderung steht vor neuen Herausforderungen.
Angespannte Kommunalfinanzen und demografischer Wandel zwingen Städte und Gemeinden zum Handeln. „Die Organisation der öffentlichen Einrichtungen ist hinsichtlich der Nachfrageorientierung, einer effizienten Bewirtschaftung der Mittel und angemessener Vermarktung zu überprüfen“, so sein Plädoyer. Sportangebote, die nicht angenommen werden, oder Vereine, die sich weder für die Jugend noch sonst sozial engagieren, müssten künftig damit rechnen, dass die öffentliche Hand Anpassungen der Förderung vornehme.
In der Debatte um Sport und Bewegung in der Schule sieht der sportpolitische Sprecher auch große Einflussmöglichkeiten der Kommunen. Sie sollten bei der künftigen Ausgestaltung der Ganztagsschulangebote verstärkt ihren Einfluss nutzen, um einen angemessen Stellenwert des Sports in der Bildung zu sichern.
Sportpolitik darf keine isolierte Fachpolitik sein
Schaubs Thesen zeigen, dass auch auf der kommunalen Ebene Sportpolitik keine isolierte Fachpolitik, sondern eine Verknüpfung mit anderen Politikbereichen erfordert. „Die Potenziale des Sports können nur durch die Vernetzung in der Sozial-, Jugend- und Bildungspolitik sowie im Zusammenhang mit Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Tourismus und Kultur voll genutzt werden“, ist sich das Mitglied im SPD-Parteivorstand sicher.
Die Förderung von Sport sollte integrativer Bestanteil der kommunalen Entwicklungspolitik werden – gerade auch in sozia- len Brennpunkten ohne tradierte Vereinsstrukturen.
Hier kann ein einfacher Bolzplatz einen wichtigen Beitrag leisten. Solche Plätze gehören wieder verstärkt ins Bild unserer Städte. „Das Förderprogramm ‚Soziale Stadt‘ muss stärker als bisher Mittel für diesen Bereich bereitstellen“, so Schaubs Forderung.
Sportpolitik ist heute mehr denn je gute Sozialpolitik
In der anschließenden Debatte unterstrich auch die Vizevorsitzende des Landessportbunds NRW, Bärbel Dittrich, die Auffassung, dass Sportpolitik heute mehr denn je gute Sozialpolitik sei. In der Solidargemeinschaft des Sportvereins lernten Jugendliche mitunter mehr über Sozialverhalten und gemeinschaftliches Miteinander, als Elternhaus und Schule vermitteln können.
Allerdings seien viele Vereine heute froh, wenn sie überhaupt den Sportbetrieb aufrechterhalten können. Ein Übungsleiter werde meist noch gefunden, aber aktive Vorstandsmitglieder, die einen Verein und die Kassengeschäfte führen können, werden immer seltener. Sportvereine dürften daher nicht immer mit neuen Aufgaben und gesellschaftlichen Anforderungen überfordert werden, sondern müssten erst einmal ihren Pflichtaufgaben nachkommen.
„In Zeiten angespannter kommunaler Haushalte wird der Sport zur freiwilligen Leistung abgestuft. Kürzungen oder gar Streichungen von Zuschüssen der öffentlichen Hand gegenüber Vereinen ist die Folge“, klagt Klaus Hebborn, beim Deutschen Städtebund für Sportpolitik zuständiger Dezernent. Dabei sei der Sport in einer Stadt unverzichtbar. „Ohne ein breites Sport- und Kulturangebot fehlt den Städten das, was sie ausmacht.“
Hebborn teilt die These Schaubs, dass das Thema Sport aus der Fachlichkeit raus und in die Stadtentwicklung rein müsse. Das Öffnen der Schulen für den Vereinssport sieht Hebborn grundsätzlich positiv. Doch müsse darauf geachtet werden, dass die Vereine nicht die Ausfallbürgen für eine verfehlte Kultuspolitik der Länder missbraucht werden.
Sylvia Schenk kennt den Sport aus vielen Perspektiven. Als Teilnehmerin der Olypischen Spiele, als Sportdezernentin in Frankfurt sowie als Präsidentin des Bunds Deutscher Radfahrer. Heute ist Schenk die Vorsitzende der Antikorruptionsorganisation Transparency International.
Sie muss in Sachen Sport kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, wenn sie sagt, dass dem Sport die intellektuelle Kapazität fehle, um sich aktiv und nachhaltig in gesellschaftspolitische Debatten einzumischen. Auch aus der Sportwissenschaft gebe es schon lange keine Impulse mehr in die Gesellschaft hinein. Diese Aufgabe sei aber drängender denn je. „Sport gehört in die Bildungsdebatte.“ Es geht dabei aber nicht allein um die Frage, ob in den Schulen die dritte Sportstunde stattfindet oder nicht.
Keine Bildungskongresse mehr ohne das Thema Sport
Schenk plädiert dafür, künftig keinen Bildungskongress mehr zu organisieren, in dem nicht auch der Sport thematisiert werde. Auch erreiche der Sport bestimmte gesellschaftliche Gruppen gar nicht mehr. Insbesondere Kindern aus sozialen Randgruppen würde der Vereinsport vorenthalten und somit ein wichtiger Sozialisierungsfaktor.
„Die Kooperation zwischen Schule und Sportverein helfe nicht nur den Schulen weiter, sondern könne vor allem im ländlichen Raum auch den Mannschaftssportarten eine neue Perspektive geben“, so ein Beitrag aus dem Plenum. „Dort, wo aufgrund des demografischen Wandels den Sortvereinen die Mitglieder verloren gehen, kann eine Konzentration an Schulstandorten eine Bündelungsfunktion erfüllen. Allerdings müssten die Vereine darauf vorbereitet werden“, ergänzt der Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall, Hermann- Josef Pelgrim.
Ein Versprechen am Ende des Forums
Am Ende des Forums versprach Manfred Schaub, dass Thema Sport und Kommunalpolitik zum Schwerpunkt seiner Arbeit im nächsten Jahr zu machen, und kündigte einen Kongress an, der die aufgeworfene Fragestellung intensiver behandeln werde.