Bericht zum Forum „Welche Möglichkeiten bietet Bürgerkommune in einer alternden Gesellschaft?“
Eine Vorbemerkung sei gleich an dieser Stelle erlaubt: Ob sie’s wahrhaben wollen oder nicht, ein wenig hat der Jugendkult auch „die Alten“ erreicht. Älter wollen sie alle werden, aber wenn sie’s dann sind, nennen sie sich gerne ein wenig euphemistisch „Senioren“.
Sei’s drum: Gleichgültig, ob wir von Alten oder Senioren sprechen, eine „demografische Gefahr“ sieht Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung in der anwachsenden Zahl älterer Menschen nicht. Diese Bedrohung besitzt für ihn allenfalls den Status eines Gespenstes. Für Jung gilt das glatte Gegenteil: Die Älteren sind willkommen, die Kommunen brauchen sie geradezu, denn die Senioren „zeigen großes Engagement“. Sie bewähren sich als „Stützpfeiler unserer demokratischen Ordnung“. Es müsse alles getan werden, um das von ihnen angesammelte „Sozialvermögen“ – Lebenserfahrung, Berufskompetenz oder auch ihre Menschenkenntnis – zum Ausbau der Bürgerkommunen zu nutzen.
Wer alle Potenziale einer solchen Kommune erfassen will, der muss im Interesse der umworbenen älteren Generation einige Grundvoraussetzungen schaffen. Jung nannte zur Eröffnung der Podiumsrunde in seinem Impulsreferat Beispiele und schilderte anschaulich die soziale Lage der Leipziger Seniorenschaft über 65 Jahre, zeichnete skizzenhaft ihre Finanz- und Wohnsituation.
Die Gruppe der älteren Generation wächst und stellt in Leipzig inzwischen bei rund 515 000 Einwohnern Gesamtbevölkerung einen Anteil von 113 000 Personen oder rund ein Fünftel. Die demografischen Zukunftsberechnungen sagen einen Anstieg der Älteren auf 28 Prozent der Einwohnerschaft im Jahr 2020 voraus. Doch während die Zahl der Älteren steigt, geht es mit ihrem Einkommen bergab. Das wird unter anderem durch die anwachsende Gruppe jener Menschen belegt, für deren Grundsicherung die Stadt Leipzig inzwischen sorgen muss. 2005 erhielten 2 181 Personen diese Grundsicherung, ein Jahr später waren es schon 2 619 und mittlerweile erhalten schon über 3 000 Männer und Frauen, wie Jung konstatieren musste, derartige Finanzspritzen.
Leipzig setzt gleichwohl auf den Lebensmut dieser Menschen und deshalb auch in immer stärkerem Maß auf ihre ehrenamtliche Mitarbeit in den unterschiedlichsten kommunalen Einrich- tungen. Das gelingt umso besser, je passender sich das Umfeld den Senioren präsentiert – in den eigenen vier Wänden oder auch im öffentlichen Raum. Nötig sind möglichst viele barrierefreie Wohnungen und ein attraktives Freizeitangebot. Da gleichzeitig die Mobilität vieler Älterer nachlässt, müssten die „aufsuchenden Hilfen“ ausgebaut werden, weiß Jung. Gelinge das, dann lasse sich Isolation und Vereinsamung wirksam entgegentreten.
Dabei helfe der Leipziger Seniorenrat, der den „Dialog der Generationen“ fördere und von der kommunalen Seniorenbeauftragten unterstützt werde. Sie fungiere gewissermaßen „als Scharnier“ zwischen der Kommune, den Freizeiteinrichtungen und den Senioren. Jung hält im Übrigen nichts davon, die Altersgruppen über das Stichwort „Kampf der Generationen“ gegeneinander auszuspielen. Vielmehr sei über gemeinsame neue Formen der Arbeitsteilung oder der Freizeitgestaltung nachzudenken. Eine „kommunale Generationenpolitik“, die den Erfahrungsschatz der Älteren ernst nimmt, könnte hilfreich sein, schätzt Jung.
In seiner Zustandsbeschreibung, seiner Analyse der Problemfelder und seinen in aller Kürze angerissenen Lösungsvorschlägen fand der Leipziger Oberbürgermeister alles in allem bei seinen Diskussionspartnern auf dem Podium Bestätigung und Unterstützung. Dagmar Schlapeit- Beck, Sozialdezernentin aus Göttingen, fügte allerdings an, lokale Besonderheiten müssten bei der Seniorenpolitik im Auge behalten werden. Man stehe in ihrer Stadt bei inzwischen 55 Prozent Ein-Personen-Haushalten. Das hänge sicher zum Teil mit der Universität zusammen, spiegele aber auch die Entwicklung unter den Älteren.
In Göttingen hat die Reformfreude Tradition
Dennoch wusste sie aus Göttingen zu berichten, dass die Reformfreude unter der Bevölkerung beachtlich sei und schon eine gewisse Tradition habe. Schlapeit- Beck rief ein vor 15 Jahren initiiertes Projekt einer „Alten- WG“ in Erinnerung, das immer wieder zu Recht positive Schlagzeilen gemacht habe. Dennoch nehme die Zahl alter Menschen zu, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen wollten. Ein Paradigmenwechsel kündige sich an. Betreutes Wohnen zu Hause sei einerseits gefragt, wofür Konzepte entwickelt werden müssten. Doch ein Problem ergebe sich andererseits aus der schwächer werdenden Bereitschaft jüngerer Familienmitglieder, Pflegeaufgaben für ihre älteren Angehörigen zu übernehmen. So kämen an dieser Stelle auf die nachbarschaftlichen Hilfseinrichtungenen in den Stadtquartieren neue oder zusätzliche Aufgaben hinzu. Leider sei gleichzeitig zu beobachten, dass „auch die Mitgliederentwicklung in den Kirchengemeinden wegbricht“. Ein neues Problem also, weil gerade sie in der Vergangenheit eine große Hilfe bei der Betreuung älterer Menschen waren.
Franz Einhaus, Landrat in Peine, bestätigte Burkhard Jungs Einschätzung: Auch er sieht das Erstarken der Senioren nicht als Gefahr, sondern als Herausforderung. Die Älteren seien allerdings „keine homogene Gruppe“, was besondere Anstrengungen für die Problemlösungen bedeute. Doch ihr Wissen, ihre Unterschiedlichkeit berge enorme Facetten, die es zu nutzen gelte. Einhaus räumte mit Blick auf die Entwicklung der kleineren Gemeinden ein, dass die Planer im ländlichen Raum über Jahre die Trends und Strukturen der Ortskerne vernachlässigt hätten. Gebaut und geplant wurde an der Peripherie, die Jungen seien weggezogen, die Geschäftswelt siedelte sich außerhalb der Ortschaften an. Und jetzt litten die alleine gelassenen Älteren in ihren zentral gelegenen Wohnungen und Häusern unter den unzureichenden infrastrukuturellen Gegebenheiten. Erschwerend kämen zwei gerne übersehene Versorgungsprobleme hinzu, wie Einhaus erinnerte: Wie lösen Dörfer und kleine Städte die Betreuung älterer Ausländer oder Behinderter? Sie sind bisher kaum auf altengerechte Wohnangebote für diesen Personenkreises eingerichtet.
Professor Bernhard Müller vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung sparte nicht mit Lob: Was in den Städten bisher zugunsten der Älteren geplant und realisiert wurde, sei „beeindruckend“. Auch er plädierte für eine kommunale Generationenpolitik, fügte hinzu, bei einer ständig steigenden Lebenserwartung – „alle zehn Jahre klettert sie um ein Jahr“ – müsse der vierte Lebensabschnitt nach dem 65. Geburtstag inzwischen stärker berücksichtigt werden.
Notwendig sei eine neue Beschäftigungspolitik für diesen Personenkreis, „da auch das körperliche und das geistige Vermögen der älteren Menschen steigen“. Müller stellte in diesem Zusammenhang klar, „dass Menschen mit 65 in aller Regel nicht in Ehrenämter einsteigen. Das kommt selten vor.“ Wichtig sei daher eine „Alternspolitik, die viel früher ansetzt“. Die Stadtentwicklung der Zukunft müsse „alternssensibler“ werden. Wer alle Generationen im Dialog und die sich dabei wandelnden Anforderungen im Blick habe, dem erschließe sich eine weitere Forderung: „Wir brauchen die Stadt der kurzen Wege.“