EU-Studie zu Rassismus und Diskriminierung

Antirassismusbeauftragte: Ergebnisse zu Rassismus machen größte Sorge

Vera Rosigkeit 31. Oktober 2023
Fast die Hälfte der in Europa lebenden Menschen afrikanischer Herkunft erfahren in ihrem Alltag Rassismus und Diskriminierung.
Eine Studie in 13 europäischen Ländern zeigt: Knapp 50 Prozent der Menschen afrikanischer Herkunft ist im Alltag mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert. In Deutschland sind es sogar 70 Prozent. Antirassismusbeauftragte will schnelle Hilfe.

Es ist die dritte Studie, die die Europäische Agentur für Grundrechte (FRA) zu Erfahrungen von Schwarzen in der EU vorlegt. Ausgewertet wurden die Antworten von mehr als 6.700 Menschen afrikanischer Herkunft, die in 13 EU-Ländern leben. Die Ergebnisse stimmen nicht hoffnungsvoll. Denn obwohl seit dem Jahr 2000 in der EU verbindliche Antidiskriminierungsvorschriften und umfangreiche Maßnahmen ergriffen wurden, erlebt fast die Hälfte der Menschen afrikanischer Herkunft in ihrem Alltag Rassismus und Diskriminierung.

Deutschland bei Diskriminierung weit vorn

Im Vergleich zu den Ergebnissen der ersten Studie 2016 ist sogar ein Anstieg festzustellen. Geben heute 45 Prozent der Befragten an, in den fünf Jahren vor der Erhebung Opfer von Rassismus geworden zu sein, lag der Wert 2016 bei nur 39 Prozent. In Deutschland und Österreich liegt er sogar mit mehr als 70 Prozent weit darüber. Untersucht wurde in insgesamt 13 EU-Staaten. Die meisten Diskriminierungserfahrungen fanden laut Studie bei der Arbeits- oder Wohnungssuche statt. Am stärksten betroffen sind junge Menschen mit Hochschulabschluss.

Auch die Kleidung spielt eine Rolle. So sind junge Frauen, Menschen mit Hochschulbildung und Menschen mit erkennbarer religiöser Kleidung häufiger rassistisch motivierten Belästigungen ausgesetzt. Insgesamt erklärten 30 Prozent der Befragten, rassistisch motivierte Übergriffe erlebt zu haben. Kaum jemand erstattet Anzeige. Mit 58 Prozent überdurchschnittlich hoch liegt die Erfahrung des diskriminierenden Profilings. Diejenigen, die ihre Kontrolle als diskriminierendes ethnisches Profiling empfinden, vertrauen der Polizei deutlich weniger, heißt es dazu im FRA-Bericht „Being Black in the EU“. Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz fühlten sich 34 Prozent rassistisch diskriminiert, 31 Prozent erging es am Arbeitsplatz so.

Ergebnisse für FRA-Direktor schockierend

Dabei haben sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung häufiger nur befristete Verträge und sind für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Auch die Wohnungssuche ist ein Problem: 31 Prozent gaben an, hier rassistisch diskriminiert worden zu sein. Zudem verlassen Jugendliche afrikanischer Herkunft dreimal häufiger als Jugendliche allgemein vorzeitig die Schule. Im Vergleich zu 2016 gaben im Jahr 2022 mehr Eltern an, dass ihre Kinder in der Schule von Rassismus betroffen sind.

FRA-Direktor Michael O’Flaherty bezeichnet es als schockierend, dass seit der Umfrage im Jahr 2016 keine Verbesserungen zu sehen sind, sondern im Gegenteil Menschen afrikanischer Herkunft allein aufgrund ihrer Hautfarbe immer stärker diskriminiert werden. Die EU und ihre Mitgliesstaaten fordert er auf, ihre Anstrengungen gezielter auszurichten. Die von der FRA vorgeschlagenen Maßnahmen reichen von der Identifizierung von Hassdelikten und Anwendung wirksamer und abschreckender Sanktionen über die Erhebung von Gleichstellungsdaten bis hin zur Ausstattung von Gleichstellungsstellen mit notwendigen Mandaten und Ressourcen, damit sie gegen Diskriminierung vorgehen und Opfer unterstützen können. Hinzu kommt die Aufforderung, eine diskriminierende Kultur in der Polizeiarbeit zu verhindern und politische Strategien zur Bekämpfung von  Rassendiskriminierung in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Wohnen und Gesundheit zu entwickeln.

Antirassismusbeauftragte stellte Modellversuch vor

Staatsministerin Reem Alabali-Radovan, Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus machen die Ergebnisse größte Sorge. „Wir müssen den Kampf gegen Rassismus endlich ernstnehmen, den Nährboden austrocknen, alle Strukturen überprüfen, die Prävention stärken und Betroffene empowern“, erklärte sie am Mittwoch in Berlin. „Wir müssen Rassismus überall die Stirn bieten, in Schulen und Klassenzimmern, im öffentlichen Dienst, im Sport“, fügte sie hinzu. Für sie bestätigen die Ergebnisse, wie wichtig schnelle Hilfe für alle sei, die Rassismus trifft.

Im Zusammenhang mit einer schnellen Hilfe wies Alabali-Radovan auf die community-basierte Beratung gegen Rassismus hin, die sie im September der Öffentlichkeit präsentierte. Beratungsangebote werden hier an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, die Rassismus erleben und sind deutschlandweit an 32 Standorten vertreten. „Wer rassistisch angegriffen wird, soll endlich auch Gehör finden“, betonte die Staatsministerin.

Anfang des Jahres hatte sie erstmals einen Lagebericht zu Rassismus in Deutschland veröffentlicht und konkrete Vorschläge gemacht, wie er bekämpft werden soll. Damals erklärte sie im Kontext der Krawalle in der Silvesternacht in Berlin, dass man Menschen nach ihren Taten, nicht nach ihren Vornamen beurteilen sollte. „Ich bin enttäuscht, dass es so schnell zu einer so emotionalen Debatte gekommen ist. Wir sollten genauer schauen, was los ist, bevor wir gesamte Bevölkerungsgruppen stigmatisieren“, forderte sie.

Erst im vergangenen Jahr wurde in Deutschland das Amt der Antirassismusbeauftragten eingerichtet. Seitdem gilt der Zugang zu und die Durchsetzung von Grundrechten von Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ist staatlicher Auftrag.

Der Artikel ist zuerst auf vorwarts.de erschienen.

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