Nahversorgung in den Kommunen

App als Herzstück eines lokalen Online-Marktplatzes

Uwe Roth19. Mai 2021
Moosbrunn, ein Ortsteil der Gemeinde Schönbrunn. Die nächsten Discounter sind weit entfernt.
Die Anwendungssoftware Marktfee soll die Nahversorgung im ländlichen Raum stärken. Wir haben uns im Rhein-Neckar-Kreis umgehört, wie das funktioniert.

Jörg Gerspach ist längst im Renten­alter. Zwei Dinge halten den 74-Jährigen körperlich und geistig fit: Er liefert zweimal pro Woche in zwei kleinen Gemeinden im Rhein-Neckar-Kreis (Baden-Württemberg) gegen eine kleine Aufwandsentschädigung Lebensmittel aus. Und der gelernte Kaufmann ist der offizielle Kümmerer einer App mit dem schönen Namen Marktfee.

Gerspach kennt sich mit den Funktionen der kleinen Anwendungssoftware bestens aus. Die Marktfee-App ist das digitale Herzstück eines lokalen Online-Marktplatzes, die vor allem im ländlichen Raum die Nahversorgung stärken soll. Jeder kann die Anwendung kostenlos auf sein Smartphone laden und darüber Bestellungen an Händler vor Ort abgeben. Online bezahlen, das geht mit wenigen Klicks. Die bestellte Ware kann man wahlweise abholen oder sich nach Hause liefern lassen. Letzteres ist besonders attraktiv für ältere Menschen, die nicht gut zu Fuß sind oder außerhalb des Orts wohnen und kein Auto haben. Senioren und Apps werden indes nicht immer gleich Freunde. Wer Probleme im Umgang mit dem Programm hat, darf gern den Kümmerer anrufen. ­Gerspach erklärt den Bestell- und Zahlvorgang und liefert auch Waren aus gegen eine kleine Aufwandspauschale.

Liste mit Händlern in der Nähe

Der ehrenamtliche Helfer lebt in Schönbrunn. Die 3.000-Einwohner-Gemeinde liegt wenige Kilometer östlich von Heidelberg inmitten eines Naturparks. Die nächsten Discounter sind weit entfernt. Erster Schritt zum Online-Einkauf bei der Marktfee ist die Eingabe der Postleitzahl. Es erscheint eine Liste mit rund einem Dutzend Einzelhändlern in der näheren Umgebung der Gemeinde: überwiegend sind es Metzger, Bäckereien, Obst- und Gemüsehändler, Hofläden sowie diverse Weingüter. Die Händler zahlen keine digitale Standgebühr. Stattdessen ist der Online-Markt-Betreiber am Umsatz beteiligt.

Kümmerer Gerspach ist hochzufrieden mit der App. „Sie funktioniert tadellos“, urteilt er. Aber obwohl die Software­entwicklung bereits seit einem Jahr auf dem Markt ist, könnte die Nachfrage aus seiner Sicht besser sein. Er würde auch öfter als zweimal die Woche seine Tour machen, sagt er. Die Menschen, die er beliefert, sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. „Die über 70-Jährigen haben doch selten ein Smartphone“, stellt er fest. Wenn sie eines haben, nutzen sie es ­lediglich zum Telefonieren.

Starthilfe von Kreis und Land

Der Rhein-Neckar-Kreis hat die Einführung der App in Schönbrunn und dem Nachbarort Spechbach (1.800 Einwohner) bis Ende vergangenen Jahres gefördert. Auch das Land ­Baden-Württemberg hatte Fördermittel zur Verfügung gestellt. Für Kreiswirtschaftsförderin Julia Sliwinski ist das Projekt „sehr positiv verlaufen“, wie sie sagt. Doch nun müssen der App-Entwickler, die ciconia Software GmbH in Mannheim, und die Vor-Ort-Helfer, ­darunter ein Taxi-Unternehmen, wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen.

Der App-Entwickler heißt Marko ­Jeftic und ist nun Geschäftsführer des ­Start-ups. Marktfee ist aus der Forschung in der Universität Mannheim entstanden – lange vor der Corona-Pandemie. Für die Wissenschaftler war nicht die ­Herausforderung, eine einfache Lösung für die Einrichtung eines Online-Shops zu finden, mit der Bäcker oder Metzger umgehen können. Es ging ihnen vielmehr darum, einen intelligenten Algorithmus zu erstellen, „um zukünftige Wege von angemeldeten Mitbringern vorherzu­sagen und ihnen passgenaue Vorschläge für mögliche Mitnahmefahrten zu geben“, wie es in der Uni-Beschreibung heißt. Optimierte Lieferrouten sparen Geld und schonen die Umwelt.

Jeftic ist Systeminformatiker. Doch nun ist er mehr als Vertriebler gefragt, wie er sagt. Das sei eine völlig andere Herausforderung. Mit kleinem Marketingbudget kommt man nicht weit, musste er feststellen. Corona und der Lockdown haben die Marktfee-App nicht zum Selbstläufer gemacht. Seine Expansionspläne hat er abgespeckt. „Wir konzentrieren uns auf die Region Rhein-Neckar.“ Außerdem hat Jeftic sein Vertriebsmodell abgeändert: Anstatt eine fertige App anzubieten, will er die Technologie verkaufen. Die Benutzeroberfläche und das, was darüber vertrieben wird, können individuell gestaltet werden. „Das ist auch für Kommunen interessant“, ist er überzeugt. Jüngster Kunde ist der Frankfurter Marktverein. Seit März können Verbraucherinnen und Verbraucher Lebensmittel von Erzeugerinnen und Erzeugern des Wochenmarktes an der Konstablerwache über die Marktfee-App online ­bestellen. Die Auslieferung übernimmt „Sachen auf ­Rädern“ am jeweiligen Markttag mit Lastenrädern im Umkreis von drei bis vier Kilometern.

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