Tourismus

Attraktive Haufen

Ulf Buschmann05. August 2019
Das Wattenmeer ist Naturlandschaft, Anziehungspunkt für Tausende Touristen und bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Sichtlich Spaß hat der Steppke. Bei der Wattwanderung mit Mama und Papa tritt er immer wieder auf die kleinen Sandhaufen. Als Papa ihm erklärt, dass unter eben diesen Würmer sind, bleibt er stehen. „Wirklich?“, fragt er erstaunt. Zufällig kommt ein Wattführer mit einer Gruppe vorbei. „Ja, das stimmt“, erklärt der Mann mit dem langen grauen Bart, „das sind unsere Wattwürmer. Sie fressen sich durch den Boden und graben ihn um. Dadurch wird‘s da unten sauber“.

Bis zu 24 Millionen Übernachtungen

Nicht nur der kleine Junge ist fasziniert, auch die Eltern hören interessiert zu. Wie viele Familien machen sie jedes Jahr Urlaub an der Nordsee – mal buchen sie sich entlang der Küste ein, doch viel lieber fahren sie auf eine der ostfriesischen Inseln. Die Urlauber sind einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Norddeutschlands. Allein das Statistische Landesamt Niedersachsen zählt rund 14 Millionen gewerbliche Übernachtungen jährlich. Darunter fallen Betriebe mit zehn und mehr Betten. „Wenn wir die Kurkarten zugrunde legen, sind es sogar 24 Millionen Übernachtungen“, sagt Carolin Wulke, Vorstandsmitglied des Tourismusverbandes Nordsee e. V.

Sie beziehungsweise ihr Verband, die Städte und Gemeinden entlang der Küste sowie die Bundesländer Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein mit ihren Nationalparkverwaltungen müssen jahrein und jahraus einen Balanceakt vollziehen: hier der Tourismus, dort die Belange des Naturschutzes. Das, finden die Akteure, gelingt im Großen und Ganzen recht gut. Gleichwohl geht es nicht ganz konfliktlos ab. So finden zum Beispiel ­einige Bewohner der ostfriesischen Inseln, die Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer schränke ihren Bewegungsraum immer mehr ein. Maßnahmen würden ohne Kommunika­tion nach außen umgesetzt.

Wattenmeer ist Weltnaturerbe

Insgesamt jedoch sind die Kritiker in Sachen Naturschutz weitgehend verstummt. Das Wattenmeer als eine der letzten ursprünglichen Naturlandschaften weltweit kann in diesem Jahr sogar so etwas wie einen Geburtstag feiern. Vor zehn Jahren, am 26. Juni 2009, erklärte die UNESCO das Wattenmeer von den Niederlanden bis hinauf nach Dänemark zum Weltnaturerbe. Dies wird an der Küste mit Aktionen und Events gefeiert. Immerhin: Es ist die größte zusammenhängende Wattenmeer-Landschaft der Welt mit mehr als 10.000 verschiedenen Pflanzen- und Tierarten.

Doch die Geschichte des Naturschutzes allein in Niedersachsen reicht noch weiter zurück. Im Jahr 1986 beschloss die damalige Landesregierung, das Wattenmeer zum Nationalpark zu erklären. Sechs Jahre später wurde das Niedersächsische Wattenmeer Biosphärenreservat und 2009 schließlich Weltnaturerbe. Heute umfasst alleine die geschützte Wattenmeerfläche nach Angaben der Nationalparkverwaltung rund 345.000 Hektar. Die landseitige Grenze ist rund 260 Kilometer lang. Damit verfügt das Bundesland über den zweitgrößten deutschen Nationalpark, freut sich die Nationalparkverwaltung.

Tourismus und Naturschutz sollen in Einklang gebracht werden

Inzwischen ziehen alle Akteure an ­einem Strang: Tourismusverbände auf den Inseln und dem Festland, die Kommunen und nicht zuletzt die Nationalparkverwaltung. Das Bemühen, Tourismus und Naturschutz unter einen Hut zu bekommen, geht sogar über Grenzen hinweg. Nach Angaben von Wulke ist zurzeit ­eine Trinationale Tourismusstrategie im Rahmen des EU-Interreg-Programms am Entstehen. Daran sind Deutschland, die Niederlande und Dänemark beteiligt. Als Punkte auf der Agenda nennt Wulke das Bemühen um weniger Lichtverschmutzung, die Vermeidung von Plastikgeschirr zum Beispiel bei Events, ein nachhaltiges Eventmanagement und die Entwicklung von nachhaltigen Mobilitätsangeboten.

Es gehe darum, das Wattenmeer erlebbar zu machen und den Besuchern zu vermitteln, dass sie sich in einem sensiblen Ökosystem bewegen. Dabei reiche es nicht, nur Schautafeln aufzustellen, erklärt das Nordsee-Vorstandsmitglied: „Das Wattenmeer ist ein Thema als Naturerbe und eine Verpflichtung, der wir uns gerne stellen.“ Es gehe bei der Tourismusentwicklung um ein qualitatives Wachstum.

Und wie geht es den Einheimischen? Der Großteil geht den Kurs mit, und doch grummelt es hier und da in der Bevölkerung. So ist von den Inseln zu hören, dass die Nationalparkverwaltung teilweise sehr rigoros Maßnahmen durchsetzen würde. Die Menschen, heißt es, fühlten sich nicht mitgenommen. Das jedoch solle nicht sein, erklärte dem gegenüber ein Sprecher der Nationalparkverwaltung im NDR. Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat sich eingeschaltet und bemüht sich zurzeit, Kritiker und Nationalparkverwaltung zusammenzubringen.

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