Wolfsburgs Sozialdezernentin Monika Müller

„Aufstieg meint, gehört zu werden”

Carl-Friedrich Höck30. Mai 2022
Monika Müller will als Dezernentin in Wolfsburg dazu beitragen, dass alle Menschen die Gesellschaft mitgestalten können, in der sie leben.
Zur Sozialdemokratie gehört das Aufstiegsversprechen. Aber was heißt das genau und warum spielt gerade die Kommunalpolitik eine so wichtige Rolle bei der Umsetzung? Wolfsburgs Sozialdezernentin Monika Müller erklärt es im Interview.

Es gibt den Begriff des „sozialdemokratischen Aufstiegsversprechens”. Was bedeutet er für Sie?

Das Aufstiegsversprechen heißt für mich: Jeder Mensch soll und muss die Chance bekommen, in und an der Gesellschaft aktiv teilzunehmen und sich durch ein passendes Bildungsangebot entwickeln zu können. Und welches Bildungs­angebot passend ist, entscheidet dabei jeder selbst. Die Sozialdemokratie ist für mich der Garant dafür, dass dieses Versprechen eingelöst werden kann. Kommunalpolitik spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie nicht nur die Aufstiegsbedingungen vor Ort schafft, sondern auch das Aufstiegsversprechen selbst für kommunalpolitisch Aktive in sich trägt: Ich habe viele Menschen erlebt, die durch kommunalpolitisches Engagement neue Kontakte und Netzwerke geknüpft und vor allem ihren Horizont erweitert haben. Aufstieg bedeutet ja nicht vorrangig, dass man beruflich in eine höhere Gehaltsstufe kommt. Aufstieg meint doch vielmehr, unabhängig vom Status gehört zu werden und die Gesellschaft, in der man lebt, mitgestalten zu können.

War das ein wesentlicher Grund für Sie, Sozialdemokratin zu werden?

Ein wesentlicher Grund für meinen Eintritt in die SPD mit 17 Jahren war meine bis heute (also 30 Jahre später) bestehende Zuversicht, dass eine gerechte Bildungspolitik gelingen kann – aber nur mit sozialdemokratischer Handschrift. In meinem Heimatland Baden-­Württemberg zeichnete sich das Schulsystem damals wie heute durch frühzeitige Selektion aus, die verbindlichen Grundschulempfehlungen erwiesen sich schon allein in meinem familiären Umfeld als Vorverurteilung und stigmatisieren bis heute Kinder, bevor sie überhaupt selbst so weit sind, ein Recht auf freie Entfaltung einzufordern. 

Als Wolfsburger Sozialdezernentin wollen Sie einen Sozialentwicklungsplan auf den Weg bringen. Was bedeutet das?

Es ist wichtig, nicht nur Statistiken über die soziale Lage in Stadtteilen zu führen und fortzuschreiben. Ich will gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern vor allem klare Ziele definieren, an denen sich die Sozialpolitik der Stadt dann ausrichtet. Sozialentwicklungsplanung betrifft nicht nur das Soziale im herkömmlichen Sinne, sondern alle Politikbereiche, also auch beispielsweise Städtebau, Sicherheitspolitik oder Umweltschutz. So kann eine Verkehrsberuhigung dazu beitragen, das soziale Miteinander und Begegnungen in einem Stadtteil zu verbessern. Dieses umfassende Verständnis möchte ich stärker etablieren. Der Sozialentwicklungsplan soll auch helfen, vorhandenes Engagement noch besser zu koordinieren. Die Stadt weiß nicht immer, welche sozialen, Jugend- oder Integrationsangebote schon von Bürgerinnen und Bürgern selbst organisiert werden – oder werden können. Das müssen wir aber wissen, damit die Stadt die vorhandenen Projekte gezielt ergänzen kann.

Sie sind auch für das Jobcenter zuständig. Wie wollen Sie Langzeitarbeitslosen wieder in Arbeit verhelfen?

Oft geht Langzeitarbeitslosigkeit mit anderen Problemen einher: zum Beispiel einer Suchtneigung oder Schwierigkeiten, den Alltag zu strukturieren. Wenn wir die Betroffenen in Arbeit vermitteln wollen, müssen wir auch die anderen Dinge angehen. Zum Glück hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil den Kommunen neue Instrumente an die Hand gegeben und einen „Sozialen Arbeitsmarkt“ geschaffen …

Was heißt das?

Es gibt jetzt die Möglichkeit, dass man ganz normale Arbeitsstellen über mehrere Jahre hinweg bezuschusst. Der Zuschuss durch das Jobcenter wird nach und nach abgeschmolzen. Wir erhoffen uns, dass die Menschen ihre Leistung nach und nach steigern können, sodass sie nach mehreren Jahren in reguläre Arbeitsverhältnisse übernommen werden. Den Prozess unterstützen wir mit Sozialarbeit oder auch Suchtberatung. In Wolfsburg kümmern wir uns mit einem Pilotprojekt verstärkt um die Gesundheitsprobleme, die Langzeitarbeitslose oft auch haben. Sie werden zu medizinischen Terminen, zu Bewegungsangeboten oder Beratungsstellen begleitet. Psychische Erkrankungen gehen wir natürlich ebenfalls an. Wichtig ist, dass wir den Menschen Zeit geben – deshalb müssen auch solche Projekte langfristig angelegt sein.

Sie sind zugleich Sportdezernentin. Kann Sport ebenfalls einen Beitrag leisten, gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen?

Der Sport wird in dieser Hinsicht oft unterschätzt. Sport fördert das Selbstwertgefühl und schafft damit eine wesentliche Voraussetzung, um sich etwas zu trauen. Sich etwas zu trauen, auch mal Niederlagen zu verkraften, wieder aufzustehen – genau das braucht es, um Aufstieg zu wagen und einzufordern. Mut und Selbstvertrauen, Sport kann beides stärken.

Zur Person

Monika Müller stammt aus Baden-Württemberg, ging in Muggensturm und Rastatt zur Schule. Nach einem rechtswissenschaftlichen Studium arbeitete sie als Büroleiterin und Referentin im Bundestag. 2005 kam sie zur Bundes-SGK, wo sie sich als Referentin um die Themen Soziales, ­Bildung, Gesundheit, Sport und ­Kommunalrecht kümmerte. 2011 wurde sie in Pforzheim Dezernentin für Soziales, ­Jugend, Bildung und Sport. 2018 wechselte sie nach Wolfsburg. Dort ist sie als Dezernentin für Soziales und Gesundheit, Klinikum und Sport zuständig.

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