Strukturwandel in Ostdeutschland

Bäume statt Braunkohle

Ulf Buschmann01. November 2021
Helmut Franz zeigt auf eine Karte des Tagebaugebietes, wo auch Rekultivierungsflächen dargestellt sind. Franz ist ehemaliger Betriebsrat der Lausitz Energie Bergbau AG.
In der Lausitz werden die ausgekohlten Tagebaue Stück für Stück wieder aufgeforstet.

Helmut Franz beschreibt einen großen Halbkreis in Richtung Süd-Ost. Dort, am Rand des Waldes, am jetzigen Aussichtspunkt Süd entlang und noch ein bisschen weiter, solle noch Braunkohle abgebaut werden. Die Abbruchkante werde sich noch ein ganzes Stück verschieben. Franz kennt sich ziemlich gut aus, denn der Elektroingenieur ist Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Vor seinem Ruhestand war Helmut Franz Betriebsratsmitglied bei der Lausitz Energie Bergbau AG, besser bekannt als LEAG, mit Sitz in Cottbus.

Ab 2038 ist Schluss mit dem Braunkohletagebau

Der Braunkohletagebau und dessen Zukunft beschäftigt Helmut Franz, denn bis heute ist er stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Welzow. Die kleine Stadt im Herzen der Lausitz gleich an der Grenze zu Sachsen hat dem bis heute existierenden größten Tagebau ihren Namen gegeben: Welzow-Süd. Seit 1966 wird hier für das in Sichtweite liegende Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ Braunkohle zur Verstromung gefördert – rund 15,8 Millionen Tonnen laut LEAG allein im Jahr 2020.

Laut dem in der Kohlekommission erarbeiteten Kompromiss soll mit dem Tagebau in der Lausitz ab dem Jahr 2038 Schluss sein. Es könnte aber auch aufgrund der Klimakrise etwas früher der Fall sein. Egal, welches Jahr es am Ende sein wird, über das Danach wird seit langem nachgedacht. Bergbaufolgelandschaften heißt es im Fachjargon. Unter dem Strich, so steht es unter anderem in der Landesplanung Brandenburgs, muss es für die ausgekohlten Flächen wieder genauso viel Flächen geben, die dem Zustand vor dem Abbau entsprechen. Allerdings muss dies nicht an gleicher Stelle sein. Die Gesamtrechnung muss stimmen: Es muss so viel Wald oder auch landwirtschaftliche Flächen geben, wie vor dem Anrücken der Abraumförderbrücken und Bagger.

Bergbaufolgenutzung: Nicht viel Spielraum für Kommunen

Für die Kommunen bleibt dabei aber nicht allzu viel Spielraum. Beispiel Welzow: Der Stadt mit ihren gut 3.300 Einwohnerinnen und Einwohnern stehen im Bereich laut Bürgermeisterin Birgit Zuchold (SPD) nur rund 120 Hektar sogenannter Sondernutzungsfläche zur Verfügung. Dort könne die Stadt selbst in Sachen Bergbaufolgenutzung entscheiden. Dort entsteht laut Internetseite der Stadt ab diesem Jahr die „Neue Landschaft Welzow“. Mit mehreren Partnern aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft sollen dort neue „Rekultivierungs- und Landnutzungsansätze“ erforscht werden, heißt es auf der Internetseite der Stadt Welzow.

Im Entstehen ist überdies ein „Montainbike-Park“. An den Planungen sind die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Stadt beteiligt. Und dann ist da noch das Rekultivierungsgebiet, das zum Landschaftsschutzgebiet „Steinitz-Geisendorfer Endmoränenlandschaft“ gehört. Dort sind nach dem Ende des Bergbaus artenreicher Mischwald sowie unterschiedliche Biotope geplant. Diese sollen, verspricht die Kommune, „Lebensraum für eine vielfältige Flora und Fauna werden.“

Wald und Wein

In Sachen Rekultivierung ist jedoch vor allem die LEAG gefordert. Laut Unternehmen sind alleine in Welzow-Süd „bislang auf gut der Hälfte der Rekultivierungsflächen Wälder“ angelegt worden. Es seien in erster Linie Kiefern, Trauben- und Stieleichen. Seit Mitte der 1990er Jahre sind es laut LEAG allein mehr als zehn Millionen Bäume. Hinzu kämen Sträucher und Gehölze, Nisthilfen, gezielt ausgelegte Findlinge und Steinhaufen, Totholzgruppierungen wie Stubben und Benjeshecken, die Tieren Unterschlupf böten.

Doch nicht nur der Wald kommt zurück, denn mehr als 40 Prozent der Bergbaufolgelandschaft werden schon jetzt landwirtschaftlich genutzt. „Um die Entwicklung des Bodens zu fördern, wenden wir über sieben Jahre hinweg eine spezielle Fruchtfolge aus Leguminosen, Luzerne, Winterweizen und Roggen an“, schreibt die LEAG hierzu. Die Landwirte vor Ort seien an der Entwicklung von Anfang beteiligt worden. Auch eine wissenschaftliche Begleitung gebe es.

Überregionale Schlagzeilen hat zudem der sechs Hektar große Weinhang am Wolkenberg gemacht. Dort wurden vor elf Jahren etwa 26.000 Rebstöcke am Südhang gepflanzt. Ferner wurde die rund zweieinhalb Kilometer lange Geisendorf-Steinitzer Endmoräne rekonstruiert. Damit sei auch das Einzugsgebiet der Steinitzer Quelle wiederhergestellt.

„8.800 Hektar wurden rekultiviert“

„In Summe wurde durch LEAG und die Vorgängerunternehmen mittlerweile eine Fläche von rund 8.800 Hektar rekultiviert – also für die Forst- und Landwirtschaft sowie für den Naturschutz wiederhergestellt“, sagt Sprecherin Kathi Gerstner. Dafür falle ein „fünfstelliger Euro-Betrag pro Hektar an, es „wurde also ein dreistelliger Millionenbetrag für die von der LEAG betriebenen Tagebaue bislang aufgewendet“. Genauere Zahlen nennt sie nicht.

Das alles sei jedoch nicht erst nach der Wiedervereinigung in Gang gekommen, betont Helmut Franz. Wiederaufforstung habe auch schon zu DDR-Zeiten begonnen. Am Aussichtspunkt Süd des Tagesbaus blickt er die Abbruchkante entlang und zeigt: Dort, hinter dem in Hügeln versteckt liegenden Industriepark „Schwarze Pumpe“, erstreckt sich ein Kiefernwald-Streifen, mit recht stattlichen Bäumen, der bis an die Straße heranreicht.

 

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