Wohnungsnot

Wie Berlin auf Wohnungsnot und steigende Mieten in den 1920er Jahren reagierte

Carl-Friedrich Höck10. März 2016
Die Weiße Stadt im Norden Berlins gehört mit ihren 1268 Wohnungen zum Unesco-Weltkulturerbe.
Die Weiße Stadt im Norden Berlins gehört mit ihren 1268 Wohnungen zum Unesco-Weltkulturerbe.
Eine wachsende Stadtbevölkerung, Wohnungsnot und steigende Mieten gab es in Berlin schon einmal, nämlich in den 1920er Jahren. Die Stadtregierung hat darauf mit dem massiven Neubau von Wohnhäusern reagiert, von denen heute zahlreiche zum Weltkulturerbe zählen. Aber ihre Ziele hat die Stadt trotzdem verfehlt.

Die Bevölkerung Berlins wächst ­rasant. Deshalb investiert die sozialdemokratisch geführte Stadtregierung und kurbelt den Wohnungsbau an. Das geschieht heute, das gab es aber auch vor 90 Jahren schon. Von 1920 bis 1930 stieg die Einwohnerzahl um mehr als 450.000, insgesamt wuchs sie damit auf über 4,3 Millionen. Wohnungen waren in der Hauptstadt zu der Zeit ohnehin ein knappes Gut: Schon nach dem Ersten Weltkrieg fehlten 130.000. Sofern ärmere Familien überhaupt eine eigene Unterkunft fanden, lebten sie meist dicht gedrängt in engen, oft stickigen Mietskasernen, die sich um dunkle Hinterhöfe reihten.

Erstmals sozialer Wohnungsbau gegen steigende Mieten

In der Weimarer Republik wurde es erstmals als staatliche Aufgabe angesehen, die Bevölkerung mit ausreichenden Wohnungen zu versorgen. Der Staat legte ­eine öffentliche Wohnungsbauförderung auf und führte 1924 die Hauszinssteuer ein. Das Prinzip: Wenn in den bestehenden Altbauten die Miete erhöht wird, schöpft der Staat einen Teil der Mehreinnahmen ab. Dieses Geld fließt in den Wohnungsbau.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre brummte die Wirtschaft – damit stiegen auch die Steuereinnahmen. Bis zu 120 Millionen Reichsmark pro Jahr nahm Berlin aus der Hauszinssteuer ein. Und die sozialdemokratischen Stadtoberen achteten darauf, dass das Geld den weniger Wohlhabenden zugutekommt. ­Eine Wohnungsfürsorgegesellschaft wurde gegründet. Sie verwaltete die Einnahmen und verteilte sie an gemeinnützige Wohnungsbauunternehmen. Letztere schossen wie Pilze aus dem Boden, oft gegründet von Gewerkschaften.

Grundsätze des Neuen Bauens: Licht, Luft und Badezimmer

Nicht nur die Zahl der Wohnungen sollte steigen, auch ihre Qualität. Mehr Licht und Luft sollte in die Behausungen strömen. Die Stadtverordneten legten fest: Jede geförderte neue Wohnung musste jetzt ein Bad haben, einen Balkon und Fenster an gegenüberliegenden Seiten, um besser lüften zu können. Teilweise wurden sogar Zentralheizungen eingebaut.

Großen Einfluss übte der Architekt und Sozialdemokrat Martin Wagner aus – zuerst als Leiter der gewerkschaftlichen Wohnungsbaugesellschaft GEHAG, ab 1926 als Baustadtrat von Berlin. Mit dem Geld aus der Hauszinssteuer setzte er ein gewaltiges Wohnungsbauprogramm um. Vier Großsiedlungen mit je mehr als 1000 kleineren Wohnungen ließ Wagner als Baustadtrat errichten, alle nach den Grundsätzen des „Neuen Bauens“: Ra­tional und funktionalistisch sollten die Formen sein, um die Kosten niedrig zu halten. Beim Bau der „Hufeisensiedlung“ im Stadtteil Britz etwa wurden serienmäßig hergestellte Bauteile eingesetzt – damals eine Revolution. Im Stadtteil Friedrichsfelde entstand nach Plänen Wagners zwischen 1926 und 1930 sogar die erste deutsche Plattenbausiedlung.

Wichtig war Wagner auch: Die dicht bebauten Wohngebiete im Stadtzentrum sollten mit Grünflächen aufgelockert werden. Freiflächen und Natur vor der Haustür – auch das gehörte zur neuen Wohnkultur. Viele kleine Stadtzentren sollten die Metropole entzerren. Deshalb wurden auch die Vorstädte ausgebaut. Am Stadtrand entstanden große Anlagen mit Flachbauten, die mit den Wäldern und Seen der Umgebung verschmolzen.

Das Bau-Programm minderte die Wohnungsnot nicht

Auch wenn die Bevölkerung damals über die schlichten Bauten ohne Giebeldächer spottete, aus heutiger Sicht waren sie wegweisend. Nur: Das Ziel, allen Berlinern ein hochwertiges Zuhause zur Verfügung zu stellen, wurde verfehlt. Beachtliche 140.000 öffentlich geförderte Wohnungen entstanden zwischen 1924 und 1931 – doch weil die Bevölkerung so rasant wuchs, stieg die Zahl der Wohnungssuchenden trotzdem. Eine Folge davon: Trotz aller Sparmaßnahmen beim Bau waren die Neubauten zu teuer für die einfachen Arbeiter- und Angestelltenfamilien. An sie hatten die Stadtpolitiker, Architekten und Baugesellschaften gedacht, als sie das Bauen revolutionierten und zu einer sozialen Aufgabe erklärten. Doch es war der Mittelstand, der in die neuen Häuser einzog.

Mit der Weltwirtschaftskrise war die Zeit der Wohnraumförderung und des „Neuen Bauens“ vorbei. Die Hauszinssteuer brachte nichts mehr ein und wurde 1931 abgeschafft. Was blieb, war eine neue Idee – die nach dem Zweiten Weltkrieg mit immer größeren Plattenbauten fortgeführt wurde, aber durch das Übermaß auch an Charme verlor. Und es blieben die Bauten. Sechs Großsiedlungen der Berliner Moderne gehören heute zum Unesco-Weltkulturerbe.

 

Weitere Informationen
www.welterbesiedlungen-berlin.de
www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/weltkulture...

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