Rezension „Dialog statt Spaltung“

Besser zuhören

Carl-Friedrich Höck21. September 2020
Miteinander reden statt gegeneinander anzureden: Das würde unserer Gesellschaft weiterhelfen, glaubt Kommunikationstrainer Patrick Nini. Er ruft zu mehr Selbstreflexion auf und gibt Denkanstöße.

Eine Gesellschaft von Brückenbauern wünscht sich Patrick Nini. Damit meint er: Menschen, die sich offen und aufmerksam begegnen, einander zuhören, in einen echten Dialog treten. Denn nur so werde politischer Streit konstruktiv geführt und bewirke, dass gemeinsam gute Lösungen gefunden werden.

Die Realität ist manchmal eine andere. Warum das so ist, hat Nini mit seinem Buch „Dialog statt Spaltung“ zu ergründen versucht. Eine Kernthese lautet: Der konstruktive Austausch scheitert oftmals an uns selbst. Weil wir so überzeugt sind von unserer Sicht auf die Welt, dass wir bei Widerspruch in Empörung geraten statt zuzuhören. Weil wir sogenannte „blinde Flecken“ in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Debatten immer nur bei anderen vermuten. Und weil wir bevorzugt die Informationen glauben, die unser vorhandenes Weltbild bestätigen – und dabei auch mal Falschnachrichten oder geschickten PR-Strategien auf den Leim gehen.

Leser*innen sollen eigene Ansichten kritisch reflektieren

Patrick Nini ist Kommunikationstrainer und engagierte sich vorübergehend in der NEOS, einer 2012 gegründeten liberalen Partei in Österreich. In seinem Buch will er ausdrücklich keine politischen Positionen vermitteln, sondern zur Selbstreflexion anregen. Das gelingt ihm, indem er Mechanismen wie Filterblasen oder Belief-Bias (verzerrte Überzeugungen) erklärt. Er geht auch auf Kommunikations-Tricks der PR-Abteilungen aus Politik und Wirtschaft ein. Jedes Kapitel endet mit einigen Fragen, die wir uns gelegentlich selbst stellen sollen. Zum Beispiel: „In welchem Ausmaß werden Sie durch die Meinungen Ihrer Freunde und Bekannten beeinflusst?“, oder „Welche leeren Worthülsen haben Sie zuletzt gehört?“.

Ausdrücklich will Nini den Lesern nicht seine eigene Meinung aufdrücken – und doch zieht sich ein politisches Thema wie ein roter Faden durch sein Buch: Der menschengemachte Klimawandel. Dieser sei nämlich keine Ansichtssache, sondern ein wissenschaftlich belegter und nachprüfbarer Fakt, erklärt Nini. Immer wieder kommt der Autor auf die Klimakrise zurück und geht der Frage nach, warum die Politik immer noch so zaghaft gegen die globale Erhitzung vorgeht. Eine Antwort: Teile der Wirtschaft wehren sich mit erfolgreichen Kommunikationsstrategien (wie „Greenwashing“) gegen echten Wandel. Aber auch die Spieltheorie liefert Nini eine mögliche Erklärung: Solange die Staaten sich gegenseitig misstrauen, will niemand einen potenziellen Nachteil für sich in Kauf nehmen. Die vage Aussicht, dass ein gemeinsamer Verzicht auf klimaschädliche Projekte letztlich allen nützt, reicht da nicht als Gegengewicht. Nini will seine Leserinnen und Leser dazu anregen, solche Mechanismen kritischer zu hinterfragen.

Mancher Satz regt zu Widerspruch an

Auch der Autor selbst ist nicht frei von Schubladendenken. Spürbar wird dies, wenn er streitbare Thesen als völlig selbstverständlich voraussetzt. Etwa, wenn er Politiker als „die Leibeigenen der Unternehmer“ bezeichnet oder behauptet: „Politik links der Mitte versucht ja, Identitäten von Minderheiten zu verteidigen, während sie den Identitäten christlich orientierter Menschen weniger Bedeutung beimisst.“ Hier greift Nini unkritisch eine tendenziell rechtskonservative Erzählung auf, der zufolge die linken Parteien die Mehrheit der Gesellschaft völlig aus dem Blick verloren hätten.

Zudem behauptet Nini, dass „die einzige Möglichkeit, objektiv, verantwortungsbewusst und integer bleiben zu können, der Parteiaustritt ist“. Hier schließt Nini von seiner subjektiven Erfahrung auf allgemeine Regeln – er selbst hat das Parteiprogramm von „NEOS“ zunehmend als starres Korsett wahrgenommen, in das man ihn zu zwängen versuchte. Viele SPD-Mitglieder dürften Nini widersprechen, schließlich gehören Meinungsvielfalt und innerparteiliche Debatte zur DNA der Sozialdemokratie.

Mit Nini ließe sich also trefflich streiten. Und streiten sollen wir auch – nur eben ohne gedankliche Mauern. Wichtig ist, miteinander zu reden und nicht gegeneinander anzureden. Hierzu gibt das Buch wertvolle Gedankenanstöße.

Patrick Nini:
Dialog statt Spaltung.
Verantwortungsbewusst kommunizieren und Brücken bauen in unserer Gesellschaft
Gabal-Verlag 2020, 248 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-96739-009-4

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen