Wirtschaft

Wie Bremen den Strukturwandel gestaltet

Ulf Buschmann20. August 2020
Bremen hat von allen Bundesländern die mit Abstand höchste Exportquote – und einen großen industriellen Schwerpunkt. Daher trifft die Corona-Krise die Stadt hart.
Bremens Wirtschaft leidet wegen ihrer hohen Exportabhängigkeit und ihres großen industriellen Schwerpunkts besonders unter der Coronakrise. Doch SPD-Bürgermeister Andreas Bovenschulte macht Mut: Mithilfe des Bundeskonjunkturprogramms lässt sich einiges zum Guten verändern.

Gut ein Jahr ist es jetzt her: Andreas Bovenschulte wurde zum neuen Präsidenten des Bremer Senats gewählt. Der Sozialdemokrat regiert das kleinste Bundesland zusammen mit Senatorinnen und Senatoren der Grünen und der Linken. Das Bündnis hat sich einiges vorgenommen: mehr Klimaschutz, eine autofreie Bremer Innenstadt, mehr Investitionen in Bildung.

Doch nur rund acht Monate lang hat Rot-Grün-Rot an der Unterweser die angepeilten Ziele verfolgen können – dann kam die Corona-Ppandemie samt Lockdown. Alle anderen Themen auf der Senatsagenda mussten sich dem erst einmal unterordnen. Wie überall, fährt die Politik auch an der Unterweser zurzeit nur auf Sicht. Immerhin haben die Akteure eine Idee, wie die Zeit nach der Pandemie aussehen kann.

Dabei zeigt sich schon jetzt eine Bremer Besonderheit. In Krisenzeiten ziehen alle an einem Strang: Politik, Verwaltung, Industrie- und Handelskammer und Gewerkschaften. Der Zusammenhalt zeigte sich unter anderem bei einer gemeinsamen Sitzung von Wirtschafts- und Arbeitsdeputation vor den Sommerferien. Das Schlusswort von Annette Düring, Geschäftsführerin der Region Bremen-Elbe-Weser des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), war so etwas wie ein Aufruf an alle. „Ein Strukturwandel in Bremen ist gestaltbar“, sagte sie.

Bremen ist doppelt gebeutelt

Der Zwei-Städte-Staat ist gleich doppelt durch die Coronakrise getroffen: Bremen hat von allen Bundesländern die mit Abstand höchste Exportquote – und einen großen industriellen Schwerpunkt. Beides greift dann auch noch ineinander – etwa bei Daimler-Benz. Der Konzern ist mit rund 12.000 Beschäftigten der mit Abstand größte Arbeitgeber der Stadtgemeinde Bremen.

Durch den Stillstand der Wirtschaft im Frühjahr konnte Daimler-Benz weder Autos verschiffen noch produzieren. Zwar will der Konzern nach eigener Mitteilung weltweit seine Fixkosten drücken und Personal abbauen. Doch Bremen dürfte davonkommen. Daimler-Benz wird wohl keine Arbeitsplätze in Bremen abbauen, gibt Volker Stahmann, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion und ehemaliger Bezirksleiter der IG Metall Küste, die Einschätzung des Betriebsrates wieder. Der Grund: In Bremen soll die Produktion der neuen C-Klasse anlaufen. „Dafür braucht man Leute“, sagt Stahmann.

600 Jobs bei Airbus auf der Kippe

Anders sieht es in einer weiteren wichtigen Branche aus: der Luft- und Raumfahrtindustrie. An der Weser befindet sich das zweitgrößte Werk des Unternehmens. Dort produziert Airbus unter anderem Teile der „Ariane“ und liefert Flügelteile für die Flugzeuge zu. Airbus hat angekündigt, weltweit rund 15.000 Arbeitsplätze abzubauen. Etwa 6.000 sollen es in Deutschland sein. Gewerkschaftsvertreter gehen davon aus, dass 600 Jobs in Bremen auf der Kippe stehen.

Auch die Krise auf dem internationalen Stahlmarkt schlägt voll auf die Unterweser durch: Noch bis Ende des Jahres sind alle rund 3.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ArcelorMittal in Kurzarbeit. Weitere Arbeitsplätze sind bei ThyssenKrupp Engineering bedroht. Das Unternehmen lässt in Bremen Produktionsstraßen für die Autoindustrie herstellen.

Sicher ist überdies, dass 200 Arbeitsplätze der Bosch-Lenksäulenproduktion für Autos zum Ende des Jahres von Bremen nach Ungarn verlagert werden. An der Weser verbleibt lediglich die 30 Mitarbeiter umfassende Entwicklungsabteilung. Hinzu kommen die bundesweiten Probleme im Hotel- und Gastronomiegewerbe, bei den Schaustellern, in der Veranstaltungsbranche und den öffentlichen Unternehmen.

Enorme Arbeitsplatzverluste absehbar

Wie viele Jobs angesichts der derzeitigen Lage konkret auf der Strecke bleiben, mag niemand sagen. Dies sei schwer einzuschätzen, meint Bovenschulte. Er wolle nicht spekulieren. Aber: „Zu befürchten ist, dass weitere Arbeitsplätze verloren gehen.“ Ähnliches fürchtet auch Fraktions-Wirtschaftssprecher Stahmann. Er geht „in den nächsten zwölf bis 18 Monaten“ von einigen tausend Jobs aus.
Gewerkschafterin Düring vermutet, dass der große Schub an Einbrüchen in der Gastronomie, bei den Reisebüros und teilweise im Einzelhandel nach dem Ende der Sommerferien kommt. Alleine in der Gastronomie sind die Folgen vermutlich gigantisch. Düring gibt die Einschätzung ihrer Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) wider: Danach werden rund 40 Prozent der Betriebe die Krise nicht überstehen.

Hinnehmen indes möchte dies niemand. „Wir stemmen uns mit aller Kraft dagegen“, wird denn auch Bovenschulte nicht müde, die Marschrichtung für die kommenden Monate, vielleicht sogar Jahre, auszugeben: „Ich bin optimistisch, dass wir mit dem Bundeskonjunkturprogramm die Krise für uns nutzen können.“

Teil 2: Der „Bremen Fonds“ und Wege aus der Krise

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