Jahresbilanz

Carsharing-Branche wächst weiter

Carl-Friedrich Höck18. Februar 2020
Fahrzeuge des Unternehmens „Dive Now” (Archivbild). Diese ist mittlerweile mit Car2go zum neuen Abieter „ShareNow” fusioniert.
Mehr Städte, mehr Fahrzeuge: Die deutschen Carsharing-Unternehmen verzeichnen erneut Zuwächse. Die nun beschlossene Novelle der Straßenverkehrsordnung dürfte der Branche weiteren Auftrieb verleihen.

Der Bundesverband Carsharing (bcs) hat am Dienstag seine Jahresbilanz vorgestellt. Daraus geht hervor, dass die Branche weiter wächst. Die Zahl der Kommunen mit einem stationsbasierten Carsharing-Angebot ist um 100 auf nun 840 Orte gestiegen.

Carsharing erreicht auch kleine Städte

„Das Carsharing ist in der Fläche gut verbreitet“, sagt bcs-Geschäftsführer Gunnar Nehrke. Fast jede Großstadt in Deutschland hat laut dem Branchenverband ein Carsharing-Angebot. Auch in 72 Prozent der Mittelstädte mit 50-100.000 Einwohner*innen ist mindestens ein Carsharing-Unternehmen aktiv. Von den Städten mit 20-50.000 Bewohner*innen hat noch fast jede zweite ein Angebot. Hinzu kommen 445 kleinere Orte, in denen Leih-Fahrzeuge zur Verfügung stehen (was einer Quote von 7,6 Prozent entspricht).

Der bcs sieht darin einen Beleg, dass Carsharing auch im ländlichen Raum möglich sei. Anders als in den Städten sei Carsharing hier aber in der Regel kein aus sich heraus tragfähiges Geschäftsmodell. Die Angebote würden oft von ehrenamtlichen Vereinen getragen oder von Kommunen mitfinanziert.

Free-Floating-Anbieter mit deutlich mehr Autos

Ein Sonderfall sind die stationsunabhängigen Carsharing-Angebote (Free Floating). Diese gibt es nur in insgesamt 17 Städten – hinzu kommen 14 Orte mit kombinierten Systemen. Trotzdem entfallen auf die Free-Floating-Anbieter die meisten registrierten Kund*innen: Von 2,3 Millionen Fahrberechtigten insgesamt sind knapp 1,6 bei Free-Floating-Firmen angemeldet.

Von diesen Kund*innen dürften jedoch viele bei verschiedenen Anbietern angemeldet sein und somit mehrfach in die Statistik einfließen. Denn die Unternehmen konkurrieren auf demselben Gebiet. So ist auch zu erklären, warum die Zahl der Kund*innen in diesem Marktsegment im zurückliegenden Jahr um 230.000 zurückgegangen ist. Nach der Fusion von car2go und DriveNow wurden die Dateien der beiden Unternehmen zusammengeführt und bereinigt. Im stationsbasierten Carsharing ist die Zahl der Kund*innen dagegen um 60.000 gestiegen, ein Plus von gut neun Prozent.

Deutlich gewachsen ist im Free-Floating-Segment dafür die Zahl der Fahrzeuge: um 4.400 auf nun 13.400 insgesamt. Bei den stationsbasierten Anbietern gab es einen leichten Zuwachs von 800 Fahrzeugen auf 12.000.

Bund unterstützt Carsharing als Teil der Verkehrswende

Das Wachstum der Branche dürfte sich mittelfristig auch auf den Verkehr in deutschen Städten auswirken. Ob Free-Floating-Angebote den Verkehr insgesamt entlasten, sei durchaus noch umstritten, sagt Gunnar Nehrke. Dagegen sei dies für stationsbasierte Modelle durch mehrere Studien belegt. Sprich: Viele Haushalte sind offenbar bereit, das eigene Auto – oder zumindest den Zweitwagen – abzuschaffen, wenn sie ersatzweise ein Sharing-Angebot nutzen können.

Auch die Bundesregierung sieht im Carsharing einen Baustein zur Mobilitätswende. Vor zwei Jahren wurde deshalb ein Carsharing-Gesetz verabschiedet. Es sieht erstens vor, dass Kommunen den stationsbasierten Carsharing-Anbietern im öffentlichen Raum Stellplätze zuweisen dürfen („Sondernutzung“). Zweitens dürfen die Städte Carsharing-Parkplätze für Free-Floater ausweisen, analog zu den bestehenden Taxiständen. Und drittens erlaubt das Gesetz den Kommunen, Parkgebühren für Sharing-Autos zu reduzieren.

Vollständig umgesetzt werden konnte das Gesetz bisher jedoch nicht. Der Grund: Weder gab es die nötigen Verkehrsschilder für die neuen Carsharing-Stellplätze noch eine einheitliche Kennzeichnung von Sharing-Fahrzeugen. Das änderte sich erst mit einer Novelle der Straßenverkehrsordnung, die am vergangenen Freitag den Bundesrat passiert hat. Die lange Wartezeit von zwei Jahren bezeichnet Nehrke als „Schildbürgerstreich“. So habe die Stadt München bereits vor längerer Zeit Schilder für Carsharing-Stellplätze aufgestellt. Doch erst mit der Rechtsnovelle seien diese nun als Anordnungen der Straßenverkehrsbehörde zu werten.

Stadtwerke betreiben selbst Carsharing

Kommunen sind vereinzelt auch selbst als Anbieter auf dem Carsharing-Markt aktiv. So haben die Stadtwerke Augsburg vor fünf Jahren ein solches Angebot gestartet, als Ergänzung zu den Bussen und Straßenbahnen. In Osnabrück beteiligen sich die Stadtwerke am „Stadtteilauto“ – ein ursprünglich aus einer Initiative hervorgegangenes Projekt. Und auch die Stadtwerke Münster kaufen sich, wie gestern bekannt wurde, beim örtlichen Dienstleister „Stadtteilauto Carsharing Münster“ ein.

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