Entwicklung ländlicher Räume

Deutsche Rückkehrer: Die Zukunft in der Heimat entdecken

Karin Billanitsch21. Februar 2019
Marktplatz der Stadt Finsterwalde im südlichen Brandenburg. Hier gibt es eine Anlaufstelle für Rückkehrer und Zuzügler: „Comeback Elbe-Elster“.
Die Abwanderung ihrer Bewohner hat der Lausitz zu schaffen gemacht. Eine Agentur unterstützt Rückkehrer und Zuzügler. Von ihren Erfahrungen profitieren auch westdeutsche Regionen – und umgekehrt.

„Heeme“ sagen die Lausitzer, wenn sie von ihrer Heimat sprechen. Wer hier, etwa im Süden Brandenburgs in der Niederlausitz, in den Nachwendejahren aufgewachsen ist, der bekam nicht selten von seinen Eltern zu hören: „Kind, geh weg, dass was aus Dir wird!“ Weg aus der Heimat, in eine größere Stadt, wo es Universitäten, Ausbildungsplätze und Arbeit für den Nachwuchs gibt. So war es jedenfalls bei Stephanie Auras-Lehmann aus Finsterwalde.

Neuland statt New York

Stephanie Auras-Lehmann hat ihren Geburtsort verlassen, studierte in Hessen und arbeitete später unter anderem in New York. Doch dann – mehr als ein Jahrzehnt später – kehrte sie zurück nach Finsterwalde, gründete die Rückkehrer-Agentur „Comeback Elbe-Elster“ und schrieb ihre eigene Rückkehrer-Geschichte in dem Buch „Heeme“ auf. Ihre Agentur ist eine Anlaufstelle für Menschen wie sie, die Arbeit oder Wohnungen, Kitaplätze oder neuen sozialen Anschluss suchen. Auch Neuzuzügler, die sich hier niederlassen wollen, unterstützt die Agentur. Dafür wurde sie vom Projekt „Neulandgewinner. Zukunft gewinnen vor Ort“, einem Förderprogramm der Robert-Bosch-Stiftung, ausgezeichnet. Jetzt gibt es das Nachfolge-Projekt „Hüben wie drüben“, wo es darum geht, Erfahrungen mit Westdeutschland auszutauschen.

Stephanie Auras Lehmann aus Finsterwalde hat das Tandem-Projekt „Hüben wie drüben“ initiiert, das Rückkehrer in Brandenburg bzw. im Hochsauerlandkreis unterstützt. Foto: Billanitsch/DEMO

Seit dem Jahr 2012 förderte die Robert-Bosch-Stiftung insgesamt 80 Projekte, „die in ihren Orten Oasen des Wachstums und Aufbruchs geschaffen haben“, so Uta Micaela Dürig, stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert-Bosch-Stiftung. Umgesetzt wird das Programm vom Thünen-Institut für Regionalentwicklung. Mittlerweile haben sich einige Neuland-Gewinner einen Verein (Neuland gewinnen e.V.) gegründet, um sich weiter gegenseitig zu stärken und nicht zuletzt, „um anderen Interessenten Lösungen anzubieten und auch Mitstreiter unter den nicht von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Akteuren in Dörfern und kleinen Städten überall in Deutschland zu gewinnen“, wie es in einem Vorwort zur Broschüre „Neulandgewinner“ heißt.

Ziel: Lebensqualität im ländlichen Regionen verbessern

Die Entwicklung des ländlichen Raums ist ein Thema, das mittlerweile auch in den obersten Etagen der Politik angekommen ist. Die Verbesserung der Lebensqualität zur fördern und den Zusammenhalt in den ländlichen Regionen Deutschlands zu stärken, ist zum Beispiel das erklärte Ziel der SPD-Fraktion. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier widmete sich im vergangenen Jahr unter dem Motto „Land in Sicht – Zukunft ländlicher Räume" mit mehreren Besuchen in verschiedenen Regionen Deutschlands dem Leben auf dem Land.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier besucht im Jahr 2018 bei einer Reise in den brandenburgischen Landkreis Uckermark mit seiner Frau, Elke Büdenbender, eine Kita. Er will sich ein Bild von dem Leben in ländlichen Regionen machen und das Thema stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern. Foto: Billanitsch/Demo.

Das Schloss Bellevue hat im Januar sogar die Türen geöffnet für 30 von der Bosch-Stiftung ausgezeichneten „Neulandgewinner“. Stephanie Auras-Lehmann war auf dem Empfang. Klar, sie freue sich über die Aufmerksamkeit und dass das Thema im Bundespräsidialamt angekommen ist. Das Thema sollte aber verstärkt auch in den zuständigen Ministerien – Stichwort Heimatministerium – auf dem Schirm sein, merkt sie an.

Wie Finsterwalde sich dem Bevölkerungsschwund entgegenstemmt

Abwanderung, eine alternde Bevölkerung, Lücken in vielen Bereichen der Infrastruktur von ärztlicher Versorgung über Breitband-Internet bis hin zum Öffentlichen Personen-Nahverkehr machen den Dörfern und kleineren Städten landauf und landab zu schaffen. Finsterwalde, wo im Jahr 1989 rund 23.900 Menschen lebten, führt 30 Jahre später nur noch 16.400 Einwohner in der Statistik – wesentlicher Grund dafür ist die Abwanderung nach der Wende, eine niedrige Geburtenrate tat ihr übriges.

Doch die Stadt will diese Entwicklung nicht resigniert einfach so hinnehmen. So hat sie erfolgreich am vom Bundesbildungsministerium geförderten Wettbewerb „Zukunftsstadt“ teilgenommen, profilierte sich als „Sängerstadt“, will das schnelle Internet ausbauen, und beteiligt mit vielen Formaten die Bürger an der Entwicklung eine Zukunftsvision. Damit die Bevölkerungszahl wenigstens stabil gehalten werden kann, so das erklärte Ziel. Seit vier Jahren steigt die Zahl der Geburten wieder. Bürgermeister Jörg Gampe hält das für ein „riesiges Kompliment an unsere Stadt“.

Ost-West-Partnerschaft „Hüben wie drüben“

Indem sie sich der einheimischen Rückkehrer und Zuzügler annimmt, kann Stephanie Auras-Lehmann zum Kampf gegen den Bevölkerungsschwund etwas beitragen. Seit sie Ende 2015 die Initiative gegründet hat, ist ihr Büro sogar die Geschäftsstelle von 13 weiteren Rückkehrerprojekten in Brandenburg geworden. Einfach war es nicht immer. Es habe auch Misstrauen auf der Seite der Bewohner und Bewohnerinnen gegenüber ihrem Projekt gegeben. „Früher galten Rückkehrer ja oft als gescheitert“, sagt Auras-Lehmann. Das Bild habe sich mittlerweile gewandelt, viele hätten die Chancen erkannt. Etwa, dass sich das Loch des Fachkräftemangels mit Zuzügen schließen lässt. Auras Lehmann betont: Die Neuen brächten auch neue Ideen mit, aber „sie nehmen auch die Alteingesessenen mit“.

Ein Tandemfahhrad steht symbolisch für das Ost-West Projekt „Hüben wie drüben“, das die Robert-Bosch-Stiftung fördert. Foto: Billanitsch/Demo

Sie hat nun mit der neuen Initiative „Hüben wie drüben“ thematisch draufgesattelt, indem sie sich, sozusagen im „Tandem“, mit Projekten aus Westdeutschland austauscht. „Wir haben nicht das Problem der Strukturschwäche“ sagt Karin Gottfried, Projektleiterin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hochsauerlandkreis und Tandempartnerin von Comeback Elbe-Elster. Sie ist Ansprechpartnerin des Projektes „Heimvorteil“, das das Ziel hat, sauerländischen Fachkräften, die die Region verlassen haben, die Vorzüge der Heimat schmackhaft zu machen. Viele Unternehmen in Südwestfalen suchen dringend Fachkräfte. Es gebe rund 150 Weltmarktführer in Südwestfalen, merkt Gottfried an.

„Abwanderung ist kein ausschließlich ostdeutsches Problem“

Karin Gottfried selbst ist im Jahr 2016 zurückgekehrt in den Hochsauerlandkreis im Südosten von Nordrhein-Westfalen. Er reicht von Arnsberg und Meschede im Osten und Norden, Schmallenberg im Süden bis nach Marsberg im Westen. Sie hat damals selbst „die Dienste des Projektes Heimvorteil“ in Anspruch genommen, erzählt sie. „Wir sind Netzwerker, aber keine klassischen Jobvermittler“ betont Gottfried. Die Plattform „Heimvorteil“ sei eine Schnittstelle zwischen Unternehmen und potenziellen Rückkehrern. In Berlin, auf der Grünen Woche, die dem Thema Entwicklung ländlicher Räume einen eigenen Saal widmet, wirbt sie für ihre Ziele.

Den Heimvorteil nutzen: So wirbt der Hochsauerlandkreis mit einem Informationsstand um Rückkehrer auf der grünen Woche in Berlin 2019. Foto: Billanitsch/Demo

Der Stand des jungen Vereins „Neuland gewinnen e.V.” ist gleich gegenüber. Gottfried und Auras-Lehmann haben gleich einen Fototermin. Ein Fahrrad-Tandem veranschaulicht die Partnerschaft „Hüben wie drüben“. „Mit diesem Projekt zeigen wir, das Abwanderung kein ausschließlich ostdeutsches Problem ist“, sagt Stephanie Auras-Lehman.

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