Interview mit Carsten Ullrich

Warum drei Bürgermeister eine Rathaus-WG gegründet haben

Carl-Friedrich Höck22. April 2020
Screenshot der ersten „Rathaus-WG”-Sitzung vom 11. April 2020 (unten: Bürgermeister Carsten Ullrich).
In Hessen haben drei Bürgermeister eine „Rathaus-WG“ gegründet. Mit Live-Videos auf Facebook behandeln sie aktuelle Themen, tauschen sich aus und beantworten Fragen von Bürger*innen. Warum sie das machen, erklärt Sinntals Bürgermeister Carsten Ullrich (SPD) im Interview.

DEMO: Sie sind Teil einer „Rathaus-WG“ auf Facebook. Was ist das?

Carsten Ullrich: Wir wollten einen Weg finden, mit den Bürgerinnen und Bürgern in der Corona-Krise in Kontakt zu bleiben, Informationen auszutauschen und Fragen zu beantworten. Und zwar nicht nur nach dem Prinzip: „Ich geh mal live und erzähle eine halbe Stunde was“. Wir wollten das etwas anders gestalten.

Wer sind die Mitglieder der Rathaus-WG?

Wir sind eine parteiübergreifende bunte Truppe. Die Gründungsmitglieder sind der Bürgermeister von Bad Soden-Salmünster Dominik Brasch, der Kollege aus Birstein Fabian Fehl und ich. Dominik Brasch ist der „WG-Papa“ und Initiator. Die Idee dazu hat er bei Kollegen aus Osthessen aufgeschnappt. Dort gab es das Format, mit mehreren Bürgermeistern live zu gehen, schon ein oder zwei Wochen früher. Brasch hat dort nachgefragt, und sie waren einverstanden, dass wir das abkupfern.

Die WG ist mittlerweile gewachsen. Am vergangenen Samstag waren wir schon zu siebt, es haben sich also weitere Kolleginnen und Kollegen mit eingeschaltet. Und nächsten Samstag will auch der Landrat mitmachen.

Wie funktioniert das Format?

Wir geben im Vorfeld über die Printmedien und Social Media den Termin bekannt, wann wir mit der Rathaus-WG live gehen. Die ersten beiden WGs haben wir Samstagmittag 13 Uhr gemacht, das hat sich auch bewährt. Der Kollege Brasch moderiert die Sitzungen: Er lädt uns alle zum Online-Meeting ein und schaltet das Ganze bei sich auf der Facebookseite live. Wir anderen teilen das Video, sodass es bei uns allen auf dem Facebook-Kanal zu sehen ist.

Im Meeting gehen wir auf Fragen ein, die im Laufe der Woche bei uns eingegangen sind, etwa beim Bürgertelefon. Oder wir beschreiben, wie sich unsere Arbeit gestaltet. Wer möchte, kann über die Kommentarfunktion bei Facebook auch aktuelle Fragen reingeben.

Hat ihr Projekt irgendeinen Bezug zur RTL-Sendung „Quarantäne-WG“? Dort waren ja unter anderem Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher zu sehen.

Nein. Uns ging es darum, solche Dinge zu vermitteln wie: Warum haben wir die Erreichbarkeit des Rathauses einschränken müssen? Oder wie wird in der Verwaltung gearbeitet, auch wenn gerade keine persönlichen Termine wahrgenommen werden können? Bei der letzten WG-Sitzung gab es viele Fragen zu den Lockerungen, die nun angekündigt wurden: Was bedeutet das für den Einzelhandel, wie ist die Notbetreuung in den Kitas sichergestellt?

Das Schöne ist, dass nicht nur einer von uns erzählt, sondern jeder mal zu Wort kommt. Und man merkt: In den Kommunen gibt es zwar unterschiedliche Voraussetzungen, aber die Fragen und Probleme sind eigentlich überall gleich.

Wie ist die Aktion bei der Bevölkerung angekommen?

Das Feedback ist sehr gut. Vergangenen Samstag zur zweiten WG-Sitzung hatten wir im Schnitt zwischen 200 und 250 Live-Zuschauer. Die erste Folge hatten etwa 160 Menschen live gesehen. Das Video davon wurde mittlerweile mehr als 3.000 Mal angeklickt.

Wie haben Sie das Projekt technisch umgesetzt? War das eine Herausforderung?

Für uns als WG-Bewohner ist es ganz einfach: Wir benötigen nur ein Smartphone oder Tablet mit Kamera. Der Kollege Brasch braucht etwas mehr Technik. Das Ganze läuft über Zoom, in dem Wissen, dass Zoom datenschutzrechtlich nicht unbedingt die erste Adresse ist. Da wir in dem Sinne keine geheimen Informationen austauschen oder ins Netz laden erschien uns das vertretbar. Kollege Brasch hat das Programm bei sich installiert und startet sozusagen ein Webinar, das dann live geht.

Haben Sie eigentlich selbst mal in einer WG gewohnt?

Ich nicht, aber Kollege Fehl aus Birstein hat in seiner Studienzeit in einer WG gelebt. Und Bürgermeister Brasch war vorher Polizist und hat auch ähnliche Erfahrungen gesammelt. Natürlich haben wir auch darüber gesprochen, was die Parallelen zwischen so einer echten Wohngemeinschaft und unserer WG sind. Zum Beispiel: Man braucht Regeln, an die sich alle halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Gerne. Übrigens: So wie unsere osthessischen Kollegen haben wir kein Copyright auf das Konzept, es darf also gerne nachgeahmt werden.

 

Die erste Folge der „Rathaus-WG” (Quelle: Facebookseite von Dominik Brasch, Bürgermeister Bad Soden-Salmünster):

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