Kommunaler Klimaschutz

Wie eine echte Wärmewende im Lokalen gelingen kann

Karin Billanitsch23. November 2017
In Wuppertal bauen die Wuppertaler Stadtwerke eine neue Fernwärmetrasse. Der Umbau des Fernwärmenetzes leistet soll einen großen Beitrag zum Klimaschutz vor Ort leisten
Mehr politisches Augenmerk auf den Klimaschutz im Wärmebereich zu legen: Das forderten der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und die Agentur für erneuerbare Energien (AEE) in Berlin. Der VKU sieht den Schlüssel dazu bei den Stadtwerken mit ihren Wärmenetzen liegen. Bestehende Wärmequellen wie Abwärme oder Biomasse sollen besser genutzt und an die vorhandene Infrastruktur der Stadtwerke gekoppelt werden, so die Verbände.

Gerade ist die Klimaschutzkonferenz in Bonn zu Ende gegangen. Ein guter Anlass, um darüber zu sprechen, welchen Anteil kommunale Unternehmen daran haben könnten, bestimmte Klimaziele zu erreichen. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und die Agentur für erneuerbare Energien (AEE) haben in einem gemeinsamen Pressegespräch gefordert, mehr politisches Augenmerk auf den Klimaschutz im Wärmebereich zu legen. „Der Fokus lag bisher auf der Stromwende. Aber wir brauchen auch die Wärmewende“, sagte VKU-Hauptgeschäftsführerin Katharina Reiche in Berlin. Im Wärmesektor ist es Ziel der Bundesregierung, den Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 auf 14 Prozent zu erhöhen.

Über die Wende im Wärmesektor haben Philipp Vohrer (AEE), Katharina Reiche (VKU), Andreas Feicht (WSW) und Ulf Altmann (Energie Wasser Potsdam) in Berlin gesprochen. Foto: Karin Billanitsch

Effiziente erneuerbare Technologien gibt es schon

Philipp Vohrer, AEE-Hauptgeschäftsführer, machte deutlich, welche Dimension das Thema hat: „Bei der Wärmeerzeugung entstehen in Deutschland mehr als ein Drittel aller energiebedingten Klimaemissionen. Der Blick müsse auf den Wärmesektor gerichtet werden; „Effiziente erneuerbare Technologien stehen bereit.“ Kommunale Unternehmen könnten hier vorangehen, indem sie die Wärmeversorgung schrittweise auf erneuerbare und emissionsarme Quellen umstellen, sagte Reiche. Sie erläuterte auch, wie das konkret gemacht werden könnte, indem die Stadtwerke unterschiedliche Wärmequellen wie Solar,- Geothermie, Biomasse oder Abwärme aus Industrieanlagen in die bestehenden Wärmenetze aufnehmen.

Wie die Wärmewende lokal gelingen kann zeigen Projekte vor Ort, zum Beispiel zeichnet die AEE „Energie-Kommunen“ aus. Jede Gemeinde in Deutschland hat ungenutzte Potenziale, das machen die Gesprächsteilnehmer deutlich. Das Problem ist, dass im Wärmesektor der Anteil erneuerbarer Energien stagniert, ob wohl es effiziente Technologien gibt. „Die Wärmenetze funktionieren gut, aber man sieht sie nicht – sie geraten dadurch aus dem politischen Blickfeld“, vermutet Reiche. Außerdem fehle es zum einen an einem „schlüssigen Energie-Konzept“, um die Sektoren Strom Wärme und sogar Verkehr zu verbinden“. Hier wird sich eine neue Bundesregierung Gedanken machen müssen, forderte Reiche.

Baurecht anpassen

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wärmeversorgung ist vor Ort kleinteilig, man muss vorhandene Gelegenheiten intelligent nutzen und auf die bestehende Infrastruktur abstimmen. „Noch fehlt aber ein Planungsrecht, dass darauf ausgerichtet ist, eine nachhaltige Wärmeversorgung zu erreichen“, sagte Reiche. Sie forderte, im Baurecht eine „Wärmeleitplanung“ aufzunehmen, die eine nachhaltige Wärmeversorgung ermöglicht.

Vohrer sieht aber schon einen Trend in den Kommunen, beim Thema Klimaschutz etwas zu machen: „Wir haben das Gefühl, dass es immer mehr Bewusstsein dafür gibt, etwas zu machen“, sagte er. Er verweist auch auf Unterstützung der Kommunen durch das Bundesumweltministerium, das mit der „Nationalen Klimaschutzinitiative“ (NKI) Klimaschutzprojekte in ganz Deutschland fördert und initiiert. Das AEE kennt hier viele Beispiele.

Beispiel Gartenstadt Drewitz in Potsdam

Bis zum Jahr 2050 will der Stadtteil Potsdam Drewitz eine Zero-Emission-City schaffen. Das geht unter anderem durch eine enge Kooperation der der Stadt mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Pro Potsdam und den Stadtwerken Energie und Wasser Potsdam. Deren Technischer Geschäftsführer Ulf Altmann erklärt, dass die Gebäude durch eine Kombination von energetischer Sanierung, Solarzellen und „grüner Fernwärme“ Häuser mit null Emissionen entstehen. Dazu soll noch der ÖPNV ausgebaut, Car-Sharing-Angebote und Leihstationen etabliert werden.

Die Stadt Potsdam hat bereits eine längere Tradition der Fernwärme, erzählt Altmann. 60 Prozent der Stadt würden auf diesem Weg versorgt. Mit dem im Jahr 2016 in Betrieb genommenen Wärmespeicher – in Kombination mit einem Elektrodenkessel – werden nun 1.700 Wohnungen in der Gartenstadt Drewitz mit „grüner Fernwärme“ versorgt. Altmann: „Jedes Jahr sparen wir dadurch 10.000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen.“

Wuppertal: Müllheizkraftwerk ersetzt Kohlekraftwerk

In Wuppertal ist es mit der „größten Klimaschutzmaßnahme, die je in Wuppertal umgesetzt wurde“ – wie Andreas Feicht von den Wuppertaler Stadtwerken für sein Projekt wirbt – gelungen, CO2-Emissionen künftig um jährlich 450.000 Tonnen zu reduzieren – das entspricht 60 Prozent des PKW-Verkehrs in Wuppertal. Um das zu erreichen wurde das Wuppertaler Fernwärmenetz vollständig umgebaut und das Kohlekraftwerk vor Ort wird geschlossen. Damit endet in Wuppertal die Kohleverstromung nach 120 Jahren, stellte Feicht fest. Über mehrere Jahre hatte das Kohlekraftwerk nur noch Verluste eingefahren, im Schnitt jährlich bis zu fünf Millionen Euro jährlich. „Es musste etwas passieren“, so Feicht. In die MVA wurden 30 Millionen investiert, auch Fördermittel wurden verwendet. Die Anlage soll fünf Milliolnen Euro pro Jahr Gewinn abwerfen, wäre in dem Fall in wenigen Jahren amortisiert.

Die Fernwärme kommt ab Frühsommer 2018 über den Anschluss an das Wuppertaler Müllheizkraftwerk. „Das wird das Rückgrat unserer Fernwärmeversorgung“, sagte Feicht. Nach seinen Angaben werden dort 40 Prozent biogene Stoffe verbrannt. Alle an das Fernwärmenetz angeschlossenen Gebäude erfüllten auch ohne zusätzliche Deämmung die Vorgaben der ENEV, betonte Feicht.

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen